Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Nasenbrechen per SMS

Chinas Marketingguerilla weiß, was die Menschen brauchen. Per SMS vertreibt sie Schlägertrupps und Schmuggelware.

Sollte ich einmal jemandem die Knochen brechen lassen wollen, wüsste ich, wen ich anrufe. Bräuchte ich kurzfristig eine Kalaschnikow, hätte ich auch dafür eine Nummer, ebenso wie für geschmuggelte Sportwagen, gefälschte Steuerbelege und schmutzige Sexspiele. Die Kontakte sind alle auf meinem Handy gespeichert. Allerdings nicht von mir, sondern ganz ohne mein Zutun.

Vor einigen Monaten habe ich aufgehört, gegen die Flut von SMS-Spam anzukämpfen, die täglich auf meinem chinesischen Mobiltelefon eingeht. Zehn bis zwanzig Werbenachrichten pro Tag sind normal, wenn es mal einen halben Vormittag lang nicht piept, schaue ich besorgt nach, ob mein Handy noch funktioniert. Früher habe ich jede unerwünschte SMS sofort gelöscht. Inzwischen warte ich, bis der Speicher voll ist und gehe dann auf „Postfach leeren“, auch wenn öfter das Telefon abstürzt, weil es so viel Datenmüll nicht verdauen kann.

Manchmal blättere ich aber doch in meinen virtuellen Gelben Seiten. Schließlich sind sie so etwas wie ein Lexikon der chinesischen Konsumwünsche. Denn egal, was man gegen die Werbewirtschaft sagt – sie weiß, was Menschen wollen. Und gerade im Guerillamedium der Handynachrichten werden Waren- und Dienstleistungsangebote, die es sonst nur auf dem Schwarzmarkt gibt, auch für Kunden ohne kriminellen Hintergrund zugänglich.

Die meisten Werbungen sind natürlich völlig harmlos. Etwa: „Original USA – amerikanische Villen am Stadtrand von Peking. 190 bis 350 Quadratmeter. Großer Garten geschenkt.“ Oder: „Nachhilfelehrer für Grund-, Mittel-, und Oberschule. Jeden Tag von 5 bis 24 Uhr. In allen Stadtteilen. Kostenlose Probestunde.“ Oder „Reich werden mit Aktien. Meisterkurs mit Starinvestor. Nur wenige Plätze!“ Gelegentlich simst auch die Regierung ihrem Volk: „Das Forstamt teilt mit: 12. März ist nationaler Baumpflanztag. Die ökologische Kultur geht alle an. Jeder tue seine Pflicht.“

Aber es gibt eben auch solche Angebote: „Offizielle Quittungen jeder Art: Wohnungskauf, Transport, Essen, Ausbildung, Beratung. Alle echt und im Internet überprüfbar.“ Oder: „Unsere Firma treibt Ihre Schulden ein. Erfolg garantiert.“ Die Knochenbrecher schicken sogar die Preisliste mit und sind sehr höflich: „Gebrochene Nase 8 000 Yuan (800 Euro), gebrochener Arm 10 000 Yuan, gebrochenes Bein 20 000 Yuan. Wenn diese Mail sie belästigt hat, Bitte um Verzeihung.“

Erschienen in: Berliner Zeitung, 23. April 2008

Bernhard Bartsch | 23. April 2008 um 03:15 Uhr

 

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