Bernhard Bartsch

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Nackte Kader

Chinas korrupte Kader schaffen Geld ins Ausland. Immer mehr Beamte setzen sich dann mit ihren Familien ab.

Vor einer Woche war Wang Guoqiang noch ein Unbekannter, doch seit wenigen Tagen ist sein Name so berühmt, dass selbst Chinas hoch entwickelte Internetzensur es nicht mehr schafft, ihn aus der öffentlichen Debatte zu verbannen. Der ehemalige Parteisekretär des nordostchinesischen Fengcheng soll sich mit seiner Familie und 200 Millionen Yuan (25 Millionen Euro) ins Ausland abgesetzt haben, berichten chinesische Medien. Das Geld stammt aus der Stadtkasse, und viele Chinesen fragen sich, wie ein einzelner Beamter in einer rückständigen Provinzstadt mit einer verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl von 580000 Menschen unbemerkt eine derart riesige Summe entwenden kann.

Der Fall ist ein Skandal, aber gleichzeitig Teil eines landesweit diskutiertes Phänomens: Dass Beamte gewaltige Beträge ins Ausland schaffen und dann mit ihren Familien fliehen, ist so verbreitet, dass es dafür in der chinesischen Umgangssprache sogar einen eigenen Begriff gibt: „Luo guan“ – wörtlich: nackte Kader. Das Lexikon des Internetportals Baidu erklärt die Wortschöpfung damit, dass die Beamten ihre Ehepartner und Kinder häufig schon früh ins Ausland schicken und alleine in China leben, wo sie noch möglichst lange Geld abzusaugen versuchen und hoffen, den richtigen Moment für ihre eigene Flucht nicht zu verpassen.

Die Schätzungen, wie viele „nackte Kader“ es gibt, gehen weit auseinander. Die Angaben stimmen aber darin überein, dass es sich um eine Massenerscheinung handeln muss. 2011 veröffentlichte Chinas Zentralbank einen Bericht, wonach korrupte Beamte mehr als 120 Milliarden US-Dollar ins Ausland transferiert haben sollen. Zwischen Mitte der 1990er-Jahre und 2008 seien 16000 bis 18000 Kader und Angestellte von Staatsbetrieben ins Ausland geflohen, hieß es darin. Beliebte Fluchtziele seien die USA, Australien oder Kanada – allesamt Länder, in denen wohlhabende Ausländer leicht Aufenthaltsgenehmigungen erhalten und eine Auslieferung nach China so gut wie ausgeschlossen ist.

Laut einem Bericht der offiziellen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua aus dem Jahr 2010 sollen seit Anfang der 1980er-Jahre mehr als 4000 Kader mit jeweils rund hundert Millionen Dollar getürmt sein. Lin Zhe, Korruptionsexperte der Zentralen Parteihochschule, glaubt, dass weit mehr als eine Million Beamte ihre Ehepartner und Kinder ins Ausland geschickt haben und mit Geld aus China versorgen.

Dass Wangs Fall nun besonders die Gemüter erregt, liegt nicht nur an der hohen Summe, sondern auch daran, dass die Behörden den Skandal lange zu vertuschen versuchten. Die Geschichte ist in vieler Hinsicht typisch: Der 52-Jährige hatte vor zwei Jahren einen privaten Pass beantragt, um zur Universitätsabschlussfeier seiner Tochter in die USA reisen zu können. Normalerweise haben chinesische Beamte Dienstpässe, mit denen sie nicht ohne Weiteres persönliche Reisen ins Ausland unternehmen können. Wangs Passantrag soll deshalb eine interne Untersuchung ausgelöst haben, woraufhin er den Flug zu der Abschlussfeier offenbar abgesagte. Seinen Privatpass erhielt Wang später allerdings trotzdem, und am 24. April flog er mit seiner Frau in die USA. Seitdem ist er verschwunden.

In Fengcheng hegte man schnell Verdacht. Schon vier Tage nach seiner Abreise nahm ein Disziplinarkomitee Ermittlungen auf. Sein Name wurde aus allen Regierungswebseiten gelöscht. Am 15. August erfolgte der formelle Ausschluss aus der Kommunistischen Partei. Erst danach kam die Sache an die Öffentlichkeit. Zwar erließen die Propagandabehörden umgehend ein Verbot, über den Fall zu berichten und ließen Wangs Namen in chinesischen Suchmaschinen blockieren.

Doch über Mikroblogforen im Internet verbreitete sich die Nachricht schneller, als die Zensoren sie löschen konnten. Schließlich nahmen auch die Staatsmedien zu dem Fall Stellung. „Fengchengs Regierung hätte nicht warten dürfen, bis die Medien diese Affäre ausgraben“, schrieb die Zeitung Global Times. „Wang Guoqiangs Flucht ist zwar ein Skandal, aber so etwas lässt sich nicht verstecken.“ Die englischsprachige Parteizeitung verbreitete über ihren eigenen Mikroblogdienst im Netz die Forderung, dass die Kader noch stärker überwacht werden müssten. Sie schrieb: „Dieser Fall hat wieder einmal gezeigt, das die Kontrolle sogenannter ’nackter Kader‘ große Lücken aufweist.“

Bernhard Bartsch | 02. September 2012 um 12:59 Uhr

 

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