Bernhard Bartsch

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Nächste Ausfahrt China

Die Krise beschleunigt die Verlagerung westlicher Fabriken nach China.

Gute Nachrichten haben in der Wirtschaftswelt derzeit meistens etwas mit China zu tun. Zum Beispiel bei BMW: Nicht nur konnten die Münchner ihren Absatz im neuerdings weltgrößten Automarkt seit Jahresbeginn um 36,7 Prozent steigern. Zudem erklärte das Unternehmen gestern, mit seinem chinesischen Partner Brilliance Automotive für 560 Millionen Euro ein zweites Werk bauen zu wollen. Durch die Produktionsausweitung im nordostchinesischen Shenyang soll ab Anfang 2012 die wachsende Nachfrage nach der 3er- und 5er-Reihe befriedigt werden. „Doch auch der Bau anderer Modelle ist nicht ausgeschlossen“, erklärte BMW-China-Chef Christoph Stark.

Die jährliche Kapazität werde damit von 41 000 auf 100 000 Fahrzeuge erhöht – und könnte je nach Marktlage sogar auf 300 000 Autos hochgeschraubt werden. Was die Aktionäre als positives Signal sehen, ist für die Angestellten der deutschen Produktionsstandorte eher beunruhigend. Denn Ankündigungen wie die von BMW zeigen, wie sehr die Finanzkrise die Verlagerungsbewegung Richtung China beschleunigt hat.

Quer durch die deutsche Wirtschaft kommen Konzernstrategen zu dem Ergebnis, dass sich die Herausforderungen der Zukunft nur durch ein noch stärkeres Engagement in der Volksrepublik lösen lassen. Volkswagen kündigte kürzlich an, bis 2011 rund vier Milliarden Euro in China zu investieren. Daimler baut seine Pekinger Produktionskapazitäten ebenfalls aus. Diese Autos dürften nicht nur in China verkauft, sondern auch exportiert werden. Nach neuesten Schätzungen des Pekinger Finanzministeriums wird die Volksrepublik ihre Autoausfuhren von derzeit jährlich 20 Milliarden Euro bis 2015 verdreifachen.

Auch den deutschen Mittelstand zieht es nach China. So gab der Münchner Nutzfahrzeug-Zulieferer Knorr-Bremse gestern bekannt, in China den größten Auftrag seiner über hundertjährigen Firmengeschichte an Land gezogen zu haben. Das Unternehmen soll für 500 Millionen Euro Klimaanlagen, Bremsen und Türen für 2 720 neue chinesische Hochgeschwindigkeitszüge liefern. Gefertigt werden die Anlagen in China.

Das Vertrauen, das die internationale Wirtschaft dem chinesischen Markt entgegenbringt, dürfte helfen, dem von Pekings Konjunkturprogramm angetriebenen Aufschwung langfristige Substanz zu verleihen. Die jüngsten Statistiken zeigen, dass die Volksrepublik am Ende des Jahres wohl deutlich über dem offiziellen Wachstumsziel von acht Prozent liegen dürfte – ein Ergebnis, das viele Ökonomen Anfang des Jahres noch für geradezu ausgeschlossen gehalten hatten.

Doch die Zahlen sind sehr gut: Die Industrieproduktion wuchs im Oktober gegenüber dem Vorjahresmonat um 16,1 Prozent und damit so stark wie seit März 2008 nicht mehr. Die Industrie macht 43 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung aus und ist für das Land weit aus wichtiger als der Dienstleistungssektor. Auch die Binnenwirtschaft nimmt zunehmend Fahrt auf. Der Einzelhandel verkaufte im Oktober 16,2 Prozent mehr als im Vorjahr.

Solche Aussichten gibt den chinesischen Wirtschaftslenkern das nötige Selbstbewusstsein, um kurz vor dem Antrittsbesuch von US-Präsident Barack Obama laut über einen Kurswechsel in ihrer Währungspolitik nachzudenken. Am Mittwoch signalisierte die Zentralbank, den Kurs des Yuan künftig wieder an einem Devisenkorb zu koppeln und die seit Mitte 2008 praktizierte Anbindung an die US-Währung aufzugeben.

Experten sehen darin ein Signal für eine Yuan-Aufwertung. Einerseits käme Peking damit einer wiederholt geäußerten Aufforderung westlicher Staaten nach, die China vorwerfen, seinen Exporten durch das Währungsregime unfaire Vorteile zu verschaffen. Andererseits könnte die Abwendung vom Dollar auch eine Schwächung des Dollar bedeuten, dessen Rolle als globale Leitwährung Peking relativieren will.

Auch anderweitig demonstriert China, dass die Weltwirtschaft am Anfang einer neuen Ära stehen könnte: Im Rahmen eines Staatsbesuchs in Malaysia unterzeichnete Chinas Staatspräsident Hu Jintao diese Woche Milliardenabschlüsse für die chinesische Industrie. Sie soll einen Staudamm, eine Papierfabrik, ein Aluminiumwerk und eine 250 Kilometer lange Eisenbahnlinie bauen. Früher waren es die Chinesen, die solche Aufträge an europäische oder amerikanische Unternehmen vergaben – nun treten sie mit diesen erfolgreich in Konkurrenz.

Bernhard Bartsch | 13. November 2009 um 10:54 Uhr

 

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