Bernhard Bartsch

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Nach der Blase ist vor der Blase

Chinesischer Baukonzern feiert weltweit größten Börsengang seit 15 Monaten – und profitiert von Chinas wiedererwachter Spekulationslust.

China scheint als erste große Volkswirtschaft die Krise hinter sich zu lassen. Jüngstes Symbol des neuen Booms ist der Baukonzern China State Construction Engineering Corp (CSCEC): Am Mittwoch legte der Staatsbetrieb in Shanghai den weltweit größten Börsengang seit über 15 Monaten aufs Parkett. Umgerechnet 5,1 Milliarden Euro verdiente das Unternehmen, das unter anderem das Schwimmstadion für die Olympischen Spiele errichtete. Gleich nach dem ersten Gong legte die Aktie um 90 Prozent zu und lag zum Handelsende noch immer mit 56 Prozent im Plus. Und das, obwohl der Leitindex Shanghai Composite (SCI) am gleichen Tag um fünf Prozent absackte.

Für chinesische Analysten zählte der erfolgreiche Börsengang mehr als der Kursrutsch. Denn in China ist erneut das Aktienfieber ausgebrochen, und den Einbruch vom Mittwoch sehen viele Marktbeobachter nur als kurzfristige Korrektur nach einer fünftägigen Rally. Insgesamt hat der SCI seit Jahrsbeginn fast 90 Prozent gewonnen. Zum Vergleich: Der Dow Jones World Index ist 2009 bisher gerade einmal um 16 Prozent gestiegen.

Seit Anfang der Woche scheint das Krisenende an den chinesischen Börsen auch offiziell besiegelt zu sein. Zehn Monate nachdem die Aktienmarktaufsicht im vergangenen September alle Börsengänge gestoppt hatte, wurde am Montag erstmals wieder ein neuer Titel zum Handel freigegeben. Die Aktie des Maut-Unternehmens Sichuan Express wurde von den Anlegern so stürmisch begrüßt, dass sie sofort um 175 Prozent nach oben schoss und bis auf weiteres suspendiert wurde. Der Baumaterialhersteller BBMG, der ebenfalls am Mittwoch seinen ersten Handelstag hatte, legte um 60 Prozent zu. Der Börsengang brachte dem Unternehmen 540 Millionen Euro ein und war 774-fach überzeichnet. Zahlreiche chinesische Großkonzerne haben angekündigt, ebenfalls von dem Bullenmarkt profitieren zu wollen. Der Rohstoffkonzern China Metallurgical Group rechnet damit, im dritten Quartal über zwei Milliarden Euro aufnehmen zu können, während das Medizinunternehmen China National Pharmaceutical (Sinopharm) gut 700 Millionen Euro erwartet. Auch die Agricultural Bank of China, die als einzige der vier großen Staatsbanken bisher noch nicht an der Börse ist, kündigte am Montag Vorbereitungen für eine Aktienerstausgabe an, ebenso der private Autohersteller Chery.

Experten warnen davor, dass sich bereits die nächste Spekulationsblase bildet, bevor die letzte ganz verdaut ist. Denn hinter den steigenden Kursen stehen weniger die guten Geschäftszahlen der Unternehmen als ein grundsätzliches Vertrauen, dass China sich auf dem Weg der konjunkturellen Erholung befindet. Die Zentralbank hatte die Zuversicht zuletzt am Dienstag mit der Nachricht geschürt, dass Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal aufs Jahr hochgerechnet und saisonbereinigt zum Vorquartal um 14,9 Prozent gewachsen sei. Solche Statistiken scheinen zwar zu belegen, dass Chinas Konjunkturmaßnahmen voll aufgehen. Doch zumindest ein Teil des Geldes, dass Peking in seine Wirtschaft gepumpt hat, landet nicht wie geplant beim Bau von Eisenbahntrassen oder Kraftwerken, sondern in Aktiendepots. Weil die Regierung die Staatsbanken zur großzügigen Kreditvergabe verpflichtet hat, wurden im ersten Halbjahr insgesamt 763 Milliarden Euro verliehen, was mehr als der Hälfte des chinesischen BIP in der gleichen Zeit entspricht. Selbst offizielle Schätzungen gehen davon aus, dass rund 20 Prozent am Kapitalmarkt investiert wurden. Geldzuflüsse aus dem Ausland, sogenanntes „hot money“, tun ein ihres, um die Rally anzuheizen. In der Zentralbank wird bereits gefordert, die Zeit des billigen Kapitals müsse bald beendet werden. Premier Wen Jiabao kündigte allerdings kürzlich an, dass der Geldhahn vorerst weiter aufgedreht bleiben werde.

Nach der Blase ist also vor der Blase sein. Doch Chinas Aktienmärkte, die von den internationalen Börsen weitgehend abgeschottet sind, haben sich schon immer durch dramatische Aufschwünge und Abstürze ausgezeichnet. Und die Lernkurve der Anleger scheint weitaus flacher zu sein als die der Börsenkurse, auf die sie setzen. Chinesischen Aktienhändlern zufolge steigt die Zahl der Depots, von denen wieder aktiv gehandelt wird, derzeit wöchentlich um zehn Prozent. Insgesamt sind in China 129 Aktienkonten registriert, wobei viele Chinesen über mehrere verfügen. Zuletzt wurden 22 Millionen aktiv genutzt – und allein in der zweiten Juliwoche 480.000 neue Depots eröffnet.

Bernhard Bartsch | 29. Juli 2009 um 16:14 Uhr

 

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