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Mutter Melamin

Tian Wenhua, Ex-Chefin der chinesischen Skandal-Molkerei Sanlu, droht die Todesstrafe. Ein hartes Urteil soll Chinas Behördenversagen vergessen machen.

„Probleme soll man nicht mit ins neue Jahr mitnehmen“, empfiehlt ein chinesisches Sprichwort, das Chinas Regierung kurz vor dem traditionellen Frühlingsfest wieder einmal beherzigt. Noch rechtzeitig will Peking mit dem peinlichsten Skandal des vergangenen Jahres abschließen und das Urteil gegen die Hauptangeklagte im Fall um vergiftete Babymilch verkünden: Tian Wenhua, ehemalige Chefin des staatlichen Molkereikonzerns Sanlu, droht lebenslange Haft, womöglich sogar die Todesstrafe. Unter ihrer Aufsicht wurden monatelang verseuchte Milchprodukte verkauft, in denen mit der Industriechemikalie Melamin ein erhöhter Eiweißgehalt vorgetäuscht worden war. Nach offiziellen Angaben erkrankten rund 300.000 Kleinkinder an Nierensteinen, mindestens sechs starben.

Wie in der Vergangenheit dürften die Behörden auch diesmal versuchen, sich mit einem harten Urteil von dem Fall reinzuwachen – und so zu kaschieren, wie kläglich Chinas gesamtes Qualitätssicherung wieder einmal versagt hat. Aus Rücksicht auf Chinas Image vor den Olympischen Spielen hatten Sanlus Management und lokale Beamten die Gesundheitsgefahr seit dem Frühjahr verschwiegen. Erst im September wurden die giftigen Produkte bekannt und vom Markt genommen. „Natürlich haben wir die Auswirkungen auf Olympia bedacht“, bestätigte Tian bei ihrem tränenreichen Auftritt vor dem Richter.

Zwar bekannte die 66-Jährige bekannte sich schuldig, doch die volle Verantwortung will sie nicht zugeschoben bekommen. Schließlich befolgte die Managerin nur die zynischen Spielregeln, die sie während ihrer vierzigjährigen Laufbahn im Staatsapparat verinnerlicht hatte: Je mehr Macht man hat, umso weniger braucht man sich um die Folgen seiner Taten zu scheren. 1942 in dem armen Dorf Nangang in der nordchinesischen Provinz Hebei geboren, errang Tian einen Studienplatz für Tiermedizin. Als 1966 die Kulturrevolution ausbrach, wurde sie wegen ihrer Abstammung aus einer Kleinhändlerfamilie als „kapitalistische Hündin“ geächtet und zur Landarbeit in eine Volkskommune nahe der Provinzhauptstadt Shijiazhuang geschickt, wo sie in den Kuhställen Dienst schob. Nach dem Ende der Mao-Zeit wurde aus der genossenschaftlichen Molkerei der staatliche Milchkonzern Sanlu und Tian machte Karriere. Mitte der Achtziger war sie Produktionsleiterin und ließ in der Fabrik Schilder mit der Devise „Qualitätsmilch herstellen und dem Volke dienen“ aufhängen. Anfang der Neunziger entwickelte sich Sanlu unter ihrer Führung zu Chinas meistverkaufter Babymilchmarke, mit einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Euro, 10.000 Mitarbeitern und internationalen Kooperationen. Tian war damit eine der erfolgreichsten chinesischen Managerinnen, wurde als Modellarbeiterin geehrt und nahm 2007 die „Nationale Auszeichnung für Wissenschaftliche Technik“ entgegen, weil jedes Sanlu-Produkt angeblich über 1000 Qualitätstests durchlief.

Im Nachhinein klingt das freilich wie ein schlechter Scherz. Inzwischen befindet sich Sanlu im Konkurs, die Traditionsmarke soll vom Markt verschwinden und damit aus dem Gedächtnis der chinesischen Konsumenten. Doch während die Melaminopfer noch immer auf Entschädigungszahlungen warten und mit Summen von 220 bis 3300 Euro abgespeist werden sollen, hat Tian Wenhua für ihre Familie offenbar bestens vorgesorgt. Chinesischen Medienberichten zufolge hat sie ihrer Tochter üppige Konten in Singapur und der Schweiz hinterlassen – und den Ratschlag, ihren Sohn im Ausland gründlich auf Melaminschäden untersuchen zu lassen.

Bernhard Bartsch | 15. Januar 2009 um 17:56 Uhr

 

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