Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Muse komm raus, du bist umzingelt

Der japanische Bergort Arima hilft blockierten Künstlerseelen auf die Sprünge.

In vielen Menschen steckt ein großer Autor. Oder genauer: Er steckt in ihnen fest. Widrige Umstände hindern ihn an seiner Entfaltung. Denn wer kann sich schon den Küssen der Muse hingeben, wenn er nebenher zur Arbeit gehen, eine Familie bekochen oder das Getrampel der Obermieter ertragen muss? Und wie sollte eine sensible Seele ihre Selbstzweifel überwinden, wenn niemand mit ihr an die literarischen Schätze glaubt, die in ihrer Tiefe schlummern?

Klingt bekannt? Dann auf nach Japan, in den Bäderkurort Arima. In dem malerischen Städtchen am Fuß des Berges Rokko wurden mehrere Meisterwerke der japanischen Literatur geschrieben, und weil das kaum ein Zufall sein kann, will Arima seine poetischen Standortvorteile nun jedem zugänglich machen, dem für sein kreatives Feuerwerk nur noch ein Funken Inspiration fehlt.

26 Hotels bieten Schreibaufenthalte an, eine Art betreutes Wohnen für empfindsame Nostalgiker. Die Zimmer sind traditionell eingerichtet, mit Tatamimatten auf dem Boden, papierbespannten Fenstern und antik aussehenden Möbeln. Auf dem Schreibtisch liegen Notizbücher aus handgeschöpftem Papier, in die man wahlweise mit Pinseln oder schweren Füllfederhaltern schreibt. Im Schrank hängt ein Tanzen-Kimono bereit, ein gefütterter Seidenmantel, der in Japan zur Literatenausstattung gehört wie in Deutschland das Stehpult und der den Schriftsteller nachts am offenen Fenster vor der Kälte schützt.

In regelmäßigen Abständen kommt ein hübsches, in alter Tracht gekleidetes Dienstmädchen, um Tee oder Snacks zu servieren und sich nach dem Fortgang der Arbeit zu erkundigen. Ehrfürchtig spricht den Gast mit „Sensei“ an, wörtlich „Lehrer“ oder „Meister“, und wenn er ihr aus seinem Manuskript vorliest, reagiert sie mit Bewunderung. Küssen darf man diese Musen jedoch nicht.

Da kultivierter Selbstbetrug allerdings kein Ersatz für professionelle Betreuung ist, hat der Hoteliersverband auch zwei Lektoren angestellt, um die Gäste zu beraten und ihren verborgenen Talenten mit Schreibkursen den Weg ins Freie zu bahnen. Außerdem stehen in Arima mehrere Verlage bereit, um die Werke zu veröffentlichen, in der Regel allerdings nur gegen Bezahlung. Ohnehin kommt die literarische Selbstverwirklichung nicht gerade billig. Die günstigste Übernachtung kostet umgerechnet hundert Euro, doch wer nicht den armen Poeten mimen will, muss mindestens das Doppelte hinlegen. In den Hoteliers von Arima stecken eben gute Geschäftsleute.

Bernhard Bartsch / Berliner Zeitung, 10. April 2008

Bernhard Bartsch | 10. April 2008 um 10:59 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.