Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Murdochs Tarantel

Wendi Deng wurde von ihren Landsleuten verachtet – bis sie ihren Gatten verteidigte.

Kann es wahre Liebe zwischen alten Männern und jungen Frauen geben? Eher nicht, glaubt man in China, wo die Wertvorstellungen noch immer traditionell sind und generationenübergreifende Beziehungen als anrüchig gelten. Auch die Ehe zwischen dem 80-jährigen Medientycoon Rupert Murdoch und seiner 38 Jahre jüngeren chinesischen Frau Wendi Deng galt als Liaison zwischen lüsternen Altmännerfantasien und konsumgeilen Mädchenträumen – bis ein beherzter Schlag eine andere Lesart anbot: Eine Frau, die ihren Mann wie eine Löwin verteidigt – könnten da etwa doch edlere Gefühle im Spiel sein?

Chinas Fernsehzuschauer waren live dabei, als Murdoch am 19. Juli im britischen Parlament zum Abhörskandal um seine Zeitung News of the World Rede und Antwort stehen musste. Für Chinas Propaganda ist der Fall ein gefundenes Fressen, um ihrem Volk die, wie die Agentur Xinhua schreibt, „Scheinheiligkeit und die legalen und moralischen Probleme der westlichen Presse“ vorzuführen. Die Übertragung wurde in chinesischen Mikroblogforen mit dem üblichen Spott über Deng begleitet, die in ihrem rosa Blazer und kurzen Rock noch immer aussehe „wie eine Zweitfrau, obwohl sie doch längst die Erstfrau ist“. Doch dann ging der Komödiant Jonathan May-Bowles mit einem Teller voller Rasierschaum auf Murdoch los, worauf Deng instinktiv aufsprang, weit ausholte und den Angreifer direkt am Kopf traf. Das Video wurde zur Internetsensation und veränderte Dengs Image in ihrer Heimat – im wahrsten Sinne des Wortes – schlagartig.

„Wendi Deng lehrt die Welt chinesisches Kungfu“, jubelt die Internetgemeinde. Manche benennen sie nach dem Film „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ andere raten: „Hol dir eine Frau wie Wendi Deng.“ Die Zeitung ihrer Heimatstadt Xuzhou in der Provinz Jiangsu porträtierte prompt Dengs ehemaligen Sportlehrer Jiang Limo, der für sich in Anspruch nimmt, ihr den richtigen Schlag beim Volleyball beigebracht zu haben. „Das war ein astreiner Schmetterball“, sagt Jiang. „Im entscheidenden Moment ist ihr Schlag so schön und hart, wie er immer war.“

In Onlineumfragen avanciert Deng geradezu zur Volksheldin. Zwei Drittel der Benutzer klickten auf: „Bewundernswert – in der Krise ist sie aufgesprungen und ihrem Mann mutig zu Hilfe gekommen.“ Ein Fünftel gab an, sie früher nicht gemocht, seit ihrem Schlag aber eine völlig neue Meinung zu haben. Nur noch 14 Prozent erklärten: „Ich mag solche kalkulierenden Frauen nicht.“ Dabei war dies bisher die allgemeine Meinung. „Im chinesischen Sprachgebrauch ist Wendi Dengs Name ein Synonym dafür, wie man mit Ehrgeiz, Opportunismus und Skrupellosigkeit seine Ziele erreicht“, schreibt der Blogger Hecaitou. „Allgemein gehen alle davon aus, dass Murdoch das stärkste Sprungbrett war, das Wendi Deng sich erträumen konnte, doch in Wahrheit liebt sie nur sich selbst, wie eine weibliche Tarantel.“

Die Zeichen der Zeit richtig zu deuten, wussten schon Dengs Eltern, die ihre Tochter 1968 nach der politischen Stimmung des Moments „Wenge“ nannten – „Kulturrevolution“. Nach Maos Tod wurde daraus Wendi, was so viel wie „kultiviert und strahlend“ bedeutet. Obwohl Deng später häufig von der Armut ihrer Kindheit erzählen sollte, stammte sie aus vergleichsweise privilegierten Verhältnissen. Dengs Vater, Parteikader und Leiter eines Staatsbetriebs, konnte seiner Tochter Möglichkeiten eröffnen, die anderen nicht offen standen – so etwa den Umzug nach Guangzhou, Chinas Wirtschaftswundermetropole der ersten Stunde. Dort lernte die 16-Jährige die amerikanische Familie Cherry kennen, die dem intelligenten Mädchen etwas Gutes tun wollte und es mit nach Los Angeles nahm. Erst teilte sie das Kinderzimmer mit der fünfjährigen Tochter des Paares – bis sie ins Eltern-Schlafzimmer umzog, die Cherrys sich scheiden ließen und der 50-jährige Hausherr die 19-jährige Gaststudentin heiratete.

Doch schon nach vier Monaten Ehe hatte Deng einen neuen Lover, einen Studenten an der California State University in Los Angeles, an der sie mittlerweile studierte. Bis zur Scheidung dauerte es allerdings noch über zwei Jahre, lang genug für eine amerikanische Greencard. Nach ihrem Abschluss in Kalifornien schaffte Deng den Sprung an die Elite-Uni Yale, wo sie einen MBA machte.

1996 heuerte Deng in Hongkong bei dem Fernsehsender Star TV an, Teil des Imperiums von Rupert Murdoch, der die ehemalige britische Kronkolonie als Brückenkopf nutzen will, um ins chinesische Mediengeschäft einzusteigen. Auf seinen China-Reisen begleitet Deng ihn als Übersetzerin, und bald nicht nur beruflich. Murdoch verlässt nach 31 Ehejahren seine Frau Anna, und das Paar heiratet 1999 auf Murdochs Yacht „Morning Glory“ im Hafen von New York.

Seitdem zerreißen sich Leute aus der Medienbranche und die Chinesen gleichermaßen das Maul über das ungleiche Paar. Dass es weitaus mehr Privatsphäre in Anspruch nimmt, als Murdochs Boulevardjournalisten vielen anderen Menschen zugestehen, heizt die Gerüchteküche nur noch zusätzlich an. Vor allem zwischen Wendi Murdoch und den gleichaltrigen Kindern ihres Mannes aus erster Ehe soll das Verhältnis schwierig sein – doch nach den Maßstäben chinesischer Pietät kann sich der alte Murdoch offensichtlich auf seine Gattin mehr verlassen als auf seine eigenen Nachkommen. Denn während Wendi Deng für Rupert Murdoch im britischen Parlament in den Kampf zog, stand sein Sohn James nur verdattert herum und tat gar nichts.

Bernhard Bartsch | 05. August 2011 um 13:21 Uhr

 

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