Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Mr. Softpower

Pianist Lang Lang ist Chinas erster globaler Superstar – er verbindet die Träume der chinesischen Jugend mit den Wünschen ihrer Eltern.

Aufstehen um zehn Uhr ist für Lang Lang eigentlich zu früh. Normalerweise schläft er bis mittags, nach einem Konzertabend sowieso. Doch an diesem Morgen steht er schon um kurz nach elf in der Hotellobby, die Haare frisch in den Himmel gegelt. Er trägt eine weiße Jacke über einem orangefarbenen T-Shirt, dazu eine schwarze Anzughose und Lackschuhe, ein passender Stilmix für den Starpianisten, der Klassik in China zur Popmusik gemacht hat.

„Schöner Tag“, sagt er, als er aus dem Hotel tritt, wo ein Konvoi aus vier Autos wartet. Der Smog der südchinesischen Industriestadt Guangzhou klebt wie ein Schmierfilm vor der Sonne, aber Lang Lang denkt vermutlich in Werbebildern. Für Porträtfotos ist das gebrochene Licht perfekt, und nur dafür ist er so früh aufgestanden. Eine Automarke will ihn vor einem neuen Sportwagen ablichten. Willkommen im Alltag von Chinas erstem globalem Superstar. Lang Lang ist das größte Idol der Volksrepublik und gleichzeitig der erste Chinese, der es auch international zu Ruhm gebracht hat – was seine Beliebtheit in seiner Heimat nur noch verstärkt. Seit Mao Zedong hat wohl kein anderer Chinese eine ähnliche Massenwirkung entwickelt. Dass über 40 Millionen chinesische Kinder Klavier lernen, ist zum großen Teil auf den „Lang-Lang-Effekt“ zurückzuführen.

„Bei meinen Konzerten in China geht es ziemlich verrückt zu“, erzählt der 28-Jährige. „Während ich spiele, sehe ich ständig Blitzlichter und höre Kinder, die meinen Namen rufen.“ Bei keiner nationalen Großveranstaltung darf er fehlen: Zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking spielte er ebenso wie zum Beginn der Shanghaier Weltausstellung oder beim Staatsbankett für Chinas Präsident Hu Jintao im Weißen Haus. Auftritte in der Carnegie Hall, der Berliner Philharmonie oder bei den Salzburger Festspielen sind sein täglich Brot.

Mit 28 Jahren hat er bereits 13 Soloalben veröffentlicht, darunter eine Best-of-Doppel-CD. Für China ist er ein perfektes Aushängeschild, ein charmanter Gegenentwurf zu allen internationalen Debatten über Menschenrechte, Zensur, Technologieklau oder Aufrüstung. Lang Lang ist Chinas Mr. Softpower.

Die Rolle spielt er offenkundig gerne. „Die chinesische Gesellschaft macht im Moment eine ungeheuer faszinierende Entwicklung durch“, schwärmt er, während er auf dem Rücksitz geschminkt wird. Unter Mao sei klassische Musik verboten gewesen, doch eine Generation später fülle er mit Klavierkonzerten Sportstadien, erzählt Lang Lang. „Das großartige am chinesischen Publikum ist, dass vor allem junge Menschen kommen, nicht nur Alte wie in Europa oder den USA.“ Durch getönte Scheiben blickt er auf Guangzhous Opernhaus, einen futuristischen Bau der Architektin Zaha Hadid, vor dem ein weißer Sportwagen auf ihn wartet. Vor dem Fenster diskutieren der Fotograf und sein Manager Modefragen. Kann Lang Lang vor einem weißen Auto eine weiße Jacke tragen? Kann er nicht, er braucht eine schwarze, aber dazu passt kein orangefarbenes T-Shirt, also muss ein Umkleideraum her. Die PR-Frau telefoniert mit dem Opernhaus, und wenige Momente später kommt der Intendant aus dem Portal gerannt, um den unerwarteten Gast in die eiligst freigeräumte Dirigentengarderobe zu eskortieren. Eine junge Assistentin holt einen Obstkorb aus Lang Langs Kofferraum und trägt ihn dem Star hinterher.

Seinen Erfolg verdankt er nicht nur seinem Klavierspiel. Lang Langs technische und musikalische Virtuosität sind zwar unbestritten, aber keineswegs einmalig. Für einen Weltstar braucht es mehr als das. „Meine erste Begegnung mit dem Klavier hatte ich im Alter von zwei Jahren, als ich einen Tom und Jerry Zeichentrickfilm sah, in dem der Kater Liszts Ungarische Rhapsodie spielt“, erzählt er. „Da wusste ich, dass ich Klavier lernen will.“

Mit fünf gewann er in seiner nordchinesischen Heimatstadt Shenyang seinen ersten Klavierwettbewerb und startete von dort eine gut gemanagte Wunderkindkarriere, die ihn zunächst ans Pekinger Konservatorium und im Alter von 15 in die USA führte. In der Szene heißt es, Lang Lang sei das Produkt genialer Marketingstrategen der Plattenfirma Deutsche Grammophon, die in einem jungen Pianisten aus der Volksrepublik eine Marktlücke sahen und ihn mit den richtigen Förderern zusammenbrachten, darunter den Dirigenten Christoph Eschenbach und Daniel Barenboim.

Die Zustimmung des internationalen Establishments war die Voraussetzung, um Lang Lang auch in seiner Heimat zum Popstar zu machen. Denn nichts überzeugt Chinesen mehr als der Erfolg eines der ihren im Ausland. Außerdem ist Lang Lang die perfekte Kombination aus den Träumen der chinesischen Jugend und den Wünschen ihrer Eltern: Sein Können verdankt er Fleiß und Disziplin, womit er in der konfuzianischen Respektordnung weit über Sportlern oder Filmsternchen steht.

Dabei macht Lang Lang keinen Unterschied zwischen Hoch- und Massenkultur. Als er nach einer halben Stunde wieder in der Tür des Opernhauses erscheint – jetzt in weißem Hemd und schwarzer Jacke, noch immer gefolgt von seiner Obstkorb-Assistentin – verursacht er umgehend einen Menschenauflauf. Mehrere hundert Handykameras schnellen in die Luft, Mädchen kreischen.

Lang Lang stellt sich vor den Sportwagen, legt sich auf die Karosserie, spielt mit den Fingern in der Luft Klavier, eine Geste, mit der er außer für Autos auch für Uhren, Stereoanlagen, Hotels, Turnschuhe, Füller, Mineralwasser, Bankkonten oder Versicherungen wirbt. Sein Manager drängt zur Eile, die Zahl der Schaulustigen droht die Kapazitäten des Sicherheitsdienstes zu übersteigen.

Lang Lang sitzt jetzt hinter dem Steuer und spielt lenken und schalten, während der Fotograf Nahaufnahmen von seinen Händen auf dem Lenkrad und dem Steuerknüppel macht. Bei einer Porträtaufnahme weist Lang Lang darauf hin, dass er ihn nicht von schräg unten fotografiert dürfe, weil sein Kinn da so zu füllig aussehe. „Lang Lang ist schon so medienerprobt, dass er alle möglichen Posen von selbst abspult“, erzählt der Fotograf hinterher. „Es ist fast unmöglich, ein Bild zu bekommen, wo er ganz bei sich ist.“

Eine Stunde später fühlt sich Lang Lang nicht mehr beobachtet. Er sitzt mit seiner Entourage in einem Separee im 79. Stock von Guangzhous Fernsehturm, spielt mit zwei Zahnstochern an seinem Fisch herum und beantwortet routiniert Fragen für die Werbebroschüre des Autoherstellers. „Ich liebe Autos“, sagt er. „Am Steuer eines tollen Wagens zu sitzen ist ein großartiges Erlebnis.“ Dabei fährt er eigentlich nie selbst. Egal an welchem Flughafen der Welt er ankommt – überall wartet ein Chauffeur auf ihn.

Macht es Spaß, so um die Welt zu jetten? „Ehrlich gesagt ist Reisen ganz schön langweilig“, sagt er und klagt darüber, dass er an Tagen wie diesem nicht eine Sekunde Zeit habe, sich ans Klavier zu setzen und einfach nur Musiker zu sein. Plötzlich bröckelt die Superstarfassade – da drängt der Manager zum Aufbruch. Lang Lang hat eine dreistündige Autofahrt nach Hongkong vor sich, wo er bei einer Dinnerparty erwartet wird. „Aber ich werde nicht lange bleiben können, weil ich am nächsten Morgen zum Flughafen muss“, sagt er. Lang Lang wird wieder früh aufstehen müssen.

Bernhard Bartsch | 25. Mai 2011 um 03:38 Uhr

 

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