Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Morgen kommt der Weihnachtsgreis

Auch die Chinesen haben Weihnachten mittlerweile in ihren Jahreskalender aufgenommen – als exotisches Konsumfest.

Was es mit den Adventskränzen auf sich hat, ist Frau Zhou bis heute ein Rätsel. Aber was soll’s, solange man damit Geld verdienen kann. Vor drei Jahren entdeckte die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, dass einige Konkurrenten Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen ins Angebot genommen hatten. „Ich habe mich erkundigt und erfahren, dass Ausländer diese Gestecke im Winter gerne kaufen, weil sie irgendwas mit Weihnachten zu tun haben“, erzählt die Floristin. „Also habe ich auch begonnen, solche Kränze zu binden.“

Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht: Statt vier hatte sie nur drei Lichter aufgesteckt. „Drei fand ich schöner, und billiger war es auch“, rechtfertigt sie sich. „Wie kann man ahnen, dass Ausländer ausschließlich Kränze mit vier Kerzen wollen?“ Seitdem produziert auch Frau Zhou normgerechten Adventsschmuck – und macht damit in der Weihnachtszeit ein gutes Extrageschäft. So wie die Blumenhändlerin gehen viele Chinesen mit Weihnachten um, sie nehmen es mit, ohne recht zu verstehen, was es damit eigentlich auf sich hat. Traditionell spielt das Weihnachtsfest in China schließlich keine Rolle.

Da in Großstädten westliche Trends gerne imitiert werden, ist das christliche Fest der Liebe für wohlhabende Chinesen ein willkommener Anlass, es sich wieder einmal gut gehen zu lassen. Weihnachten feiern heißt konsumieren. Einkaufszentren drapieren dafür Tannenbäume und Rentierschlitten in die Schaufenster oder setzen ihren Angestellten rotweiße Mützen auf. Liebespaare nutzen Weihnachten als Anlass für romantische Rendezvous bei Kerzenschein, bevorzugt in einem westlichen Lokal oder Coffeeshop. Restaurants werben um Kunden, indem sie Girlanden und Nikoläuse aufhängen oder Kunstschnee an die Scheiben sprühen. Da der Schmuck oft das ganze Jahr über hängen bleibt und je nach Saison um chinesische Neujahrsscherenschnitte, Valentinsherzen und Halloweenmasken ergänzt wird, erscheinen manche Lokale geradezu als Museen einer globalisierten Feiertagskultur. Auch Chinas Staatsfernsehen nimmt im Dezember westliche Weihnachtsfilme ins Programm. Radiosender legen „Jingle Bells“ auf und klären ihre Hörer darüber auf, was es mit Rudolph, dem rotnasigen Rentier auf sich hat.

Fortschrittliche Kindergärten oder Grundschulen inszenieren sogar eigene Bescherungen, um den Kindern westliche Traditionen nahezubringen. „Weihnachten ist eine Möglichkeit, den Kindern zu erklären, wie das Leben außerhalb Chinas ist“, erklärt die Pekinger Kindergärtnerin Mao Hua. Der Schüler Wang Jiayi erzählt, ihm sei Weihnachten zum ersten Mal in einem Zeichentrickfilm begegnet. „Da kam ein Mann mit rotem Mantel und langem Bart und hat Geschenke unter einen geschmückten Baum gelegt“, erinnert sich der Achtjährige. „Shengdanjie Laoren“ nennen die Chinesen den Paten des Spektakels wörtlich: „Weihnachtsgreis“.

Dass Weihnachten in der Volksrepublik vor allem als Kauffest wahrgenommen wird, könnte dem Westen zu denken geben: Schließlich machen die Chinesen nur nach, was sie im Ausland sehen. Außerdem bemerken chinesische Unternehmen die weltweite Konsumbereitschaft zur Weihnachtszeit in ihren Auftragsbüchern. China ist längst ein fester Bestandteil in der globalen Christkindindustrie. Ein großer Teil der Geschenke, die unter die Tannenbäume gelegt werden, sind Made in China.

In der vergangenen Woche vermeldete die Nachrichtenagentur Xinhua, China habe allein im Monat Oktober 58 456 Tonnen Weihnachtsartikel im Wert von 157 Millionen Dollar exportiert. Allerdings gibt es auch Chinesen, für die Weihnachten mehr ist als Kitsch und fremdländische Folklore. Obwohl die Kommunistische Partei das Volk seit nunmehr sechzig Jahren zum Atheismus zu erziehen versucht, verzeichnen die Religionen auch in China eine Renaissance. Inzwischen wird die Zahl der chinesischen Christen auf 50 bis 130 Millionen Menschen geschätzt – und viele von ihnen sind mehr als Christnachtkirchgänger. Die Mehrheit der chinesischen Gläubigen gehören sogenannten Untergrund- oder Hauskirchen an, weil sie sich nicht der offiziellen, streng kontrollierten Staatskirche anschließen wollen.

Dafür nehmen sie oft harte Sanktionen in Kauf. Im vorigen Jahr zählte die christliche Organisation „China Aid Association“ 2 027 Fälle von Repressionen gegen Christen. 2009 dürfte diese Zahl weiter ansteigen, weil die Regierung ihr Vorgehen gegen inoffizielle Religionsgemeinschaften zuletzt stark verschärft hat. „Die Partei sieht die Religion grundsätzlich als Feind und hat panische Angst vor Organisationen, die sie nicht kontrollieren kann“, sagt der Pekinger Menschenrechtsanwalt Li Fangping. „Deshalb können viele Menschen ihre Religion nur in der Illegalität ausleben.“

Bernhard Bartsch | 23. Dezember 2009 um 18:39 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. wolfram wickert

    08. Januar 2010 um 17:25

    Hallo meister bartsch,
    wünschen gutes neues tiger-jahr., hoffe es ist nicht zu kalt, einige freunde frieren in beijing, ..lesen mit vergnügen ihre artikel im internet, für uns lehrreich,
    …etabliere mich mit malerei in deutschen und pariser galerien, da ist mehr geld…
    so long wolfram wickert-laolang & katharina