Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Mongolensturm im Sumoring

Im Sumo verbinden sich für die Japaner Gaudi, Gott und Vaterland. Doch dass den traditionellen Ringkampf inzwischen Ausländer dominieren, schürt nationale Versagensängste.

Die dicken Männer duften nach Vanille, und das drei Meter gegen den Wind, der an diesem Nachmittag eisig durch Tokios Straßen pfeift. Es ist der vorletzte Tag des kaiserlichen Frühjahrsturniers im Kokugikan, dem nationalen Sumo-Stadion, und am Südtor drängen sich hunderte Fans, um den Einzug der Gladiatoren zu beobachten. Einer nach dem anderen hieven sich die Kolosse von der Rückbank ihrer Limousinen, gehüllt in Kimonos aus bunter Seide und den süßen, schweren Geruch des Haaröls, das der zu einem Gingkoblatt gesteckten Frisur ihren Glanz verleiht. Den Jubel der Schaulustigen quittieren sie mit einem kurzen Nicken, den Gruß des Pförtners mit einer halben Verbeugung, dann setzen sie sich mit leicht gespreizten Beinen und watschelnden Schritten in Bewegung. „Wie Gänse“, bringt ein kleiner Junge auf den Punkt, was die Erwachsenen nie aussprechen würden.

Den größten Applaus erhält ein finster dreinblickender Hüne, den die Menge Kaio ruft. Kaio – ein Ringname, der in etwa „Kampfkönig“ bedeutet – bringt bei einer Größe von 185 Zentimetern 170 Kilogramm auf die Waage. Gemessen am Bodymaßindex übertrifft er sein Sollgewicht um rund das Doppelte, doch in der Welt des Sumo hat er damit eine Traumfigur. Denn in einem Kampf, in dem es darum geht, den Gegner aus dem Ring zu drücken oder auf den Boden zu werfen, erhöht jedes Kilo die eigene Standfestigkeit sowie die Wucht, mit der man den Rivalen aus der Balance bringen kann. Dennoch liegt Kaio nach knapp zwei Turnierwochen und 13 von 15 Kämpfen weit hinter den ersten Rängen. Dass die Fans ihn trotzdem feiern wie einen Großmeister, verdankt er weniger seinen sportlichen Meriten als seinem Alter: Mit 35 Jahren steht Kaio am Anfang seiner zwanzigsten Saison, womit er nicht nur der dienstälteste Sumo-Profi ist, sondern auch der letzte Veteran aus einer Zeit, als Japans Nationalsport noch den Japanern allein gehörte.

Denn kurz, nachdem der Junge aus dem südjapanischen Fukuoka von seinen Eltern in die Obhut einer Tokioer Sumoschule gegeben wurde, begannen die Ausländer den Ringkampf der Riesen zu erobern. 1993 ereichte erstmals einer von ihnen den höchsten Rang eines Yokozuna: Chad Rowan, ein ehemaliger Basketballspieler aus Hawaii, der sein Körpergewicht innerhalb weniger Jahre von gut hundert auf 235 Kilogramm erhöht hatte und sich im Ring Akebono, „Neuer Morgen“, nannte. Sein Erfolg zog Ringer aus aller Welt an, Asiaten ebenso wie Europäer, und seit 2007 ist erstmals die Mehrheit der Topränge von Ausländern besetzt. Dominierend sind vor allem zwei Mongolen mit den Kampfnamen Asashoryu und Hakuho. Von den letzten 25 Turnieren (jedes Jahr gibt es sechs) haben sie 23 unter sich ausgemacht. Der letzte Turniersieg eines Japaners liegt inzwischen mehr als zwei Jahre zurück.

Diese Statistiken wecken in Japan nationale Versagensängste. Konservativen Medien dienen die Zahlen als Beleg für Japans angebliche Überfremdung, Sportkommentatoren nutzen sie für Vorwürfe gegen den allmächtigen Sumoverband und die Fans klagen, ihr Sport werde den kommerziellen Interessen der Ringerställe geopfert, die lieber ausländische Kraftprotze einkaufen als eigene Nachwuchsarbeit zu betreiben. „Sumo ist keine normale Sportart, bei der es egal wäre, wer sie betreibt“, erklärt einer der Wartenden, ein Mann mittleren Alters, der angibt, seit seiner Kindheit kein Turnier verpasst zu haben. „Sumo ist ein Stück japanische Kultur, aber seitdem es für Ausländer geöffnet wurde, entfernt es sich immer weiter von seinen Wurzeln.“

Tatsächlich stecken die Ursprünge des Sumo tief in den Riten des Shintoismus, der japanischen Staatsreligion, die auf die Sonnengöttin Amaterasu zurückgeht. 660 Jahre bevor der Gott der Christen seinen Sohn gebären ließ, schickte sie bereits ihren Sprössling Jimmu auf die Erde, um das „Reich der aufgehenden Sonne“ zu gründen. Jimmu wurde Japans erster Kaiser und Ahnvater einer Erbfolge, die nach Überzeugung throntreuer Nationalisten bis heute in der 124. Generationen ununterbrochen fortbesteht. Als Quasigott musste der Tenno die Harmonie zwischen Dies- und Jenseits sicherstellen, und zu den Zeremonien, mit denen er die Welt den Japanern Untertan machte, gehörten bereits vor Christi Geburt religiöse Ringkämpfe, ein symbolisches Duell zwischen Menschen und Geistern. Die alten Rituale geben dem Sumo bis heute seine Form: Sobald die Kämpfer die geweihte Arena betreten, folgen sie einem priesterlichen Protokoll, vollführen bestimmte Bewegungen, trinken heiliges Wasser, reiben sich mit gesegneten Handtüchern ab und reinigen den Ring, indem sie ihn mit Salz bestreuten. Erst dann gehen sie aufeinander los und versuchen, sich aus dem 4,55 Meter großen, von Reisstrohbündeln begrenzten Kreis zu drängen. Denn der Kreis ist die Welt, und dort ist nur Platz für einen: Mensch oder Geist.

Die Duelle waren eine äußerst populäre Art des Gottesdienstes und wuchsen sich mit der Zeit zu großen Tempelturnieren aus, eine Mischung aus Zirkus und Zeremonie, Volksfest und Vaterlandskult. Die Ringer stiegen bald nicht mehr nur für die Ehre in den Ring, sondern auch für Geld, und so wurde Sumo zum Geschäft. Vor rund 500 Jahren eröffneten die ersten Sumoschulen, sogenannte Heya, in denen aus kräftigen Jungen mächtige Männer geformt wurden. Dazu gehörte nicht nur Muskeltraining und das Erlernen der über hundert verschiedenen Wurf- und Schubstechniken, sondern auch der Aufbau des richtigen Kampfgewichts. Denn Masse bedeutet Klasse.

An den Ausbildungsmethoden, die damals zum Erfolg führten, hat sich wenig geändert. Bis heute gehört jeder der rund 700 professionellen Sumokämpfer einem Heya an, dessen Besitzer oft selbst ein ehemaliger Großmeister ist und der das Leben seiner Zöglinge von früh bis spät kontrolliert. Der Drill beginnt im Morgengrauen, meist ohne Frühstück. Mehrere Stunden machen die Kämpfer Kraft- und Techniktraining, wobei die Jüngeren den Älteren als Sparringpartner dienen und sich von ihnen ein ums andere Mal durch die Halle werfen lassen müssen. Der Anstrengung folgt ein ausgedehntes Mittagessen, das ebenfalls die Jungen kochen und das klassischerweise aus einem Eintopf namens Chanko Nabe besteht, einer Kalorienbombe aus Fisch und Fleisch, die mit großen Mengen Bier und Sake heruntergespült wird. Damit sich davon so viel wie möglich in Muskeln und Fettpolstern absetzt, verbringen die Kämpfer den Nachmittag größtenteils schlafend, bevor sie den Tag mit einem zweiten Gelage ausklingen lassen.

Über 10.000 Kalorien nehmen die Ringer auf diese Weise täglich zu sich, rund viermal so viel wie Menschen mit Normalgewicht. Mit entsprechenden Folgen: Die durchschnittliche Lebenserwartung von Sumo-Profis liegt zwischen 60 bis 65 Jahren, mehr als zehn Jahre unter der japanischen Norm. Herzinfarkte sind eine der Haupttodesursachen. Außerdem leiden viele Ringer unter Bluthochdruck, Gelenkschäden, Leberproblemen oder Diabetes. Keine andere Sportart der Welt verlangt von ihren Athleten, derart vorsätzlich ihrer Gesundheit zu schaden. Fitness und Fettleibigkeit sind im Sumo kein Widerspruch.

Für den Rest der Welt hätte dies Grund genug sein können, die Japaner ihr wuchtiges Speck-takel allein austragen zu lassen. Doch da das Opfer hoch belohnt wird, zieht Japan inzwischen Ringer aus aller Welt an. Umgerechnet 6000 Euro Monatslohn erhält ein Kämpfer auf der Stufe eines Juryo, dem niedrigsten Profirang. Stars verdienen ein Vielfaches. Außerdem genießen die Sumo-Kämpfer in der Öffentlichkeit hohes Ansehen; die Sumo-Arenen fassen über 10.000 Zuschauer. Abgesehen vom Boxen füllt kein Kampfsport ähnliche Hallen.

Einer von denen, die davon profitieren, ist Kaloyan Mahlyanov, ein 25-Jähriger Bulgare, der in seiner Jugend die Junioreneuropameisterschaft im Ringen gewann und von Olympia-Gold träumte. Doch als er ausgewachsen war, lag der 204-Zentimeter-Mann über dem Maximalgewicht von 120 Kilogramm, das bei olympischen Wettkämpfen gilt. Er hätte seine sportlichen Ambitionen wohl aufgeben müssen, hätte ihn nicht vor sechs Jahren bei einem Turnier in Deutschland der Talentscout eines japanischen Heya angesprochen und überredet, in Tokio zu trainieren. Seitdem hat er sich mit Chanko Nabe 30 Kilogramm zusätzliches Gewicht angegessen und es unter dem Namen Kotooshu – „Der Europäer“ – bis zum zweithöchsten Rang eines Ozeki gebracht, was ihm ein Monatseinkommen von 15.000 Euro beschert.

Allerdings zieht es nicht nur Schwergewichte in den Sumo-Ring. Der 22-Jährige Mönkhbatyn Davaajargal wog nur 62 Kilogramm, als sein Vater ihn vor acht Jahren von der Mongolei nach Tokio schickte. Der wusste, was er tat: 1968 hatte Hakuhos Vater selbst als Freistilringer bei den Olympischen Spielen Silber gewonnen, was ihm allerdings nicht mehr als einen schlecht bezahlten Trainerposten in seiner Heimat eingebracht hatte. Sein ebenfalls talentierter Sohn sollte es besser haben, und so mästeten ihn seine japanischen Zuchtmeister auf ein Kampfgewicht von 153 Kilogramm. Sie gaben ihm den Kampfnamen Hakuho, was so viel wie „weißer Zaubervogel“ heißt. 2001 gab er sein Debüt und stieg vergangenes Jahr in den höchsten Rang des Yokozuna auf, den er sich mit seinem fünf Jahre älteren Landsmann Dolgorsürengiin Dagvadorj teilt, genannt Asashoryu, „blauer Drache“.

Um der fremdstämmigen Übermacht beizukommen, hat der japanische Sumo-Verband inzwischen eine Quotenregel erlassen: Für die Turniere darf jeder der 54 Heya nur noch einen Ausländer aufstellen. Doch ob Sumo damit wieder zu einem patriotischen Kraftfest wird, ist fraglich. Zumal das altehrwürdige Ritual derzeit noch aus einer ganz anderen Richtung entzaubert zu werden droht: Anfang des Jahres verhaftete die Polizei den Heya-Besitzer Futatsuryu Junichi, der Ende 2007 zusammen mit einigen seiner älteren Kämpfer einen 17jährigen Sumoschüler zu Tode geprügelt haben soll. „Der Junge hatte am Nachmittag unerlaubt die Schule verlassen, und als er wiederkam, sollte er bestraft werden“, gab einer der Kämpfer der Polizei zu Protokoll. Schläge seien dabei durchaus üblich gewesen, aber leider sei man diesmal zu weit gegangen.

Für die Schaulustigen vor dem Kokugikan ist das unverständlich. „Mit dem Sumo, das ich kenne, hat das nichts zu tun“, sagt der langjährige Fan. „Früher gab es so etwas nicht.“ Dann nimmt er sein Ticket und begibt sich auf seinen Platz. Es wird ein schwerer Nachmittag. Beide Mongolen gewinnen gegen ihre japanischen Gegner. Und Kaio, der „Kampfkönig“ aus der guten alten Zeit, verliert ausgerechnet gegen Kotooshu, den Europäer.

Bernhard Bartsch / Berliner Zeitung 15. März 2008

Bernhard Bartsch | 15. März 2008 um 14:51 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Justus

    09. Juni 2015 um 22:22

    Vielen Dank für diesen interessanten – und immer noch aktuellen – Artikel, der die Hintergründe dieses faszinierenden Sports beleuchtet.