Bernhard Bartsch

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Mit PS aus der Krise?

Porsche feiert in Shanghai die Weltpremiere seines „Panamera“. Mit der neuen Baureihe wollen die Zuffenhausener jährlich bis zu 20.000 Autos mehr verkaufen.

Symbole können tückisch sein. Das mussten am Sonntagabend die Marketingstrategen von Porsche erleben: Für die Weltpremiere der neuen Modellreihe Panamera hatten die Zuffenhausener in den 94. Stock des Shanghai World Financial Center geladen. Der Blick über das Lichtermeer der 20-Millionen-Metropole sollte den Gästen Porsches künftiges Wachstumspotential vor Augen führen. Doch ein Unwetter verdarb die Inszenierung und verwandelte den Funkelteppich in einen trüben Sumpf. Angesichts der Wirtschaftskrise ein ungleich trefflicheres Sinnbild.

Aber obwohl Porsche mit der Markteinführung seines seit über zwanzig Jahren entwickelten viertürigen Sportcoupés mitten in die weltweite Konjunkturflaute geraten ist, will das Unternehmen den Panamera nicht als Krisenopfer sehen, sondern als Hilfe im richtigen Augenblick. „Natürlich wäre es uns lieber gewesen, bei der Vorstellung bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen vorzufinden“, erklärte Vertriebsvorstand Klaus Berning, der Porsches vierte Baureihe anstelle des erkrankten Konzernchefs Wendelin Wiedeking enthüllte. Doch obwohl man auch in Zuffenhausen den Rückgang der weltweiten Nachfrage spüre, fühle man sich „operativ besser aufgestellt als viele Hersteller“ und sehe in der Erweiterung der Produktpalette die Chance, die „Krise nicht nur meistern, sondern anschließend auch wieder kraftvoll durchstarten zu können“.

Der Panamera ist Porsches jüngste Antwort auf den branchenweiten Trend zu immer differenzierterer Nischenbildung. Der PS-starke Viersitzer mit einem großen Kofferraum soll zwischen klassischen Sportwagen und Luxuslimousinen neues Absatzpotential erschließen. „In wirtschaftlich guten Zeiten sprechen wir hier von einem weltweiten Marktvolumen in einer Größenordnung von jährlich rund einer Million verkaufter Neufahrzeuge“, sagte Berning. „Von diesem Kuchen werden wir uns ein Stück abschneiden.“ Ähnlich wie mit dem Luxusgeländewagen Cayenne, den Porsche vor sieben Jahren als dritte Baureihe neben den Modelllinien 911 und Boxster eingeführte, könne der Panamera ein völlig neues Marktsegment begründen. „Ein solches Fahrzeug hat es noch nie gegeben“, wirbt Berning. „Es vereint die Porsche-typischen Gene wie Kraft, Dynamik, Präzision und kompromisslose Sportlichkeit mit einem Raumangebot und Komfortmerkmalen, wie sie sonst nur in der Luxus- und Oberklasse zu finden sind.“

Mindestens 20.000 Fahrzeuge des neuen Typs hofft Porsche jährlich zu verkaufen. Die Serienproduktion im Leipzig ist bereits angelaufen. Das Getriebe kommt aus dem Stammwerk Stuttgart-Zuffenhausen; die Karosserie wird bei Volkswagen in Hannover gefertigt. Die ersten Autos mit einem 4,8-Liter-Achtzylindermotor sollen im Herbst bei den Händlern stehen. Später sind eine Sechszylinderversion sowie ein Hybridmodell geplant. Der Preis für die 300 bis 500 PS starken Bolliden beginnt bei 95.000 Euro und kann mit diversen Sonderausstattungen auf fast 200.000 Euro steigen.

Ob Porsche mit dem Panamera auf das richtige Marktsegment wettet, ist in der Branche umstritten. Nachdem im Internet erste Bilder und Details bekannt geworden waren, äußerten sich viele Autojournalisten und -liebhaber kritisch. Einige warnten Porsche vor Profilverlust und verglichen das Design des Panamera mit einem „gestrandeten Wahl“. Andere monierten das Preis-Leistungs-Verhältnis. Was bei anderen Luxuslimousinen längst zur Grundausstattung gehöre, werde Porschekunden als teures Extra in Rechnung gestellt, etwa die sitzindividuelle Klimaregulierung oder sogar der Heckscheibenwischer.

Bestätigt fühlen kann sich Porsche dagegen von der Produktstrategie seiner Wettbewerber. So will Aston Martin in den nächsten Monaten ebenfalls einen viertürigen Sportwagen namens Rapide herausbringen. Daimler versuchte derweil am Sonntag klarzustellen, dass sportlicher Fahrspaß mit vier Türen und einer Heckklappe keineswegs eine Marktneuheit ist und ließ seinen Haustuner AMG eine neue Variante seiner Hochleistungs-S-Klasse vorstellen, den S65 AMG. Für ihre Präsentation hatte sich die Stuttgarter Lokalkonkurrenz sogar den gleichen Ort ausgesucht: Shanghais Weltfinanzzentrum, unweit des Messezentrums, wo diese Woche die Shanghaier Autoshow stattfindet.  Doch anders als Porsche vermied Mercedes symbolische Fallen: Statt auf die Spitze des Wolkenkratzers luden sie nur in den dritten Stock.

Bernhard Bartsch | 20. April 2009 um 06:16 Uhr

 

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