Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Menschenrechte sind etwas Intuitives“

Der chinesische Dissident Chen Guangcheng spricht über seine aktuelle Situation, seine Ausreisepläne in die USA und die Bedeutung von Menschenrechten in China.

Bernhard Bartsch: Herr Chen, wie geht es Ihnen?

Chen Guangcheng: Ich befinde mich noch in ärztlicher Behandlung. Mein Fuß ist im Gips, und ich kann mich schlecht fortbewegen, und ich habe noch einige andere gesundheitliche Probleme. Aber die Untersuchungen sind hoffentlich bald abgeschlossen.

Ist Ihre Familie bei Ihnen?

Ja. Aber leider weiß ich nicht, wie es meinen Verwandten in meiner Heimatprovinz Shandong geht. Ich mache mir große Sorgen um sie. Ich habe gehört, dass mein Neffe festgenommen wurde, aber genauere Informationen habe ich nicht. Die chinesische Regierung hat gesagt, dass sie die Verfolgung unserer Familie beenden wird und dass das Unrecht, das uns in Shandong angetan wurde, untersuchen will. Aber ich weiß nicht, ob sie damit schon angefangen haben.

Stimmt es, dass weder Ihre Freunde noch die Mitarbeiter der US-Botschaft Sie besuchen dürfen?

Ja.

Wer verhindert das?

Das weiß ich nicht.

Chinas Regierung hat versprochen, dass Sie zum Studium in die USA reisen dürfen. Glauben Sie, dass Peking seine Zusage halten wird?

Ich bin zuversichtlich, dass sich die Situation, so wie sie jetzt in der Öffentlichkeit steht, nicht mehr rückgängig machen lässt. Gestern hat mich ein Beamter besucht und mir gesagt: „Mach dir keine Sorgen, die Zentralregierung hat bestimmt, dass es bei deiner Passausstellung keine Probleme geben soll. Alles ist in Arbeit.“

Glauben Sie, dass man Ihnen erlauben wird, in Ihre Heimat zurückzukehren?

Davon gehe ich aus. Das ist schließlich nichts anderes als die Sicherstellung meiner Menschenrechte. Unsere Verfassung garantiert jedem Chinesen Bürgerrechte und Freiheit.

Zumindest auf dem Papier. Steht hinter Pekings Zustimmung zu Ihrer Ausreise nicht das Kalkül, dass die Weltöffentlichkeit sich nicht mehr für Ihren Fall interessieren wird, wenn Sie nicht mehr in China sind?

Darüber weiß ich nichts.

Würden Sie denn auch in Zukunft in China als Menschenrechtsaktivist arbeiten wollen?

Natürlich. Die Menschenrechte sind etwas Intuitives. So wie ein Mensch ausweicht, wenn jemand ihn zu schlagen versucht, so sehnt er sich auch nach der Einhaltung seiner Rechte. Ich bin mir übrigens sicher, dass auch die Regierung wissen will, welche Probleme es in China gibt. Um sie zu lösen, führt an der Einhaltung der Menschenrechte kein Weg vorbei.

Trotzdem konnten Sie Ihre Rechte nur einfordern, indem Sie in die US-Botschaft geflohen sind. Würden Sie das wieder tun?

Ich denke schon.

Welchen Einfluss hat Ihr Fall auf andere Menschenrechtsaktivisten?

Darauf kann ich nicht antworten, denn im Moment bin ich schlecht informiert. Ich bekomme ja keine Nachrichten von außen und darf nicht das Internet benutzen.

Dann bekommen Sie auch nicht mit, dass in chinesischen Medien eine Diffamierungskampagne gegen Sie läuft?

Nein, ich kann diese Artikel nicht lesen. Grundsätzlich glaube ich schon, dass die Zentralregierung etwas Gutes bewirken will. Aber manche Menschen denken noch immer wie in der Kulturrevolution.

In der „Global Times“ behauptet zum Beispiel ein Autor namens Sima Pingbang, dass er Sie vergangenen Dezember im Hausarrest besucht habe und Zeuge geworden sei, wie Sie Ihr ganzes Dorf erpresst haben sollen.

Was daran stimmt ist, dass er am 19. Dezember 2011 bei mir war. Allerdings hat er sich damals nicht einmal vorgestellt, seinen Namen weiß ich nur, weil seine Begleiter ihn mit „Herr Sima“ angesprochen haben. Er hat meine damalige Situation gesehen und meine Erzählungen gehört, aber er zeigte keinerlei Mitleid. Er hat sogar über meine Qualen gelacht und mir gesagt: „In China ergeben eins plus eins eben nicht immer zwei.“ Dieser Mensch hat kein Gewissen.

Vergangene Woche haben Sie auch den USA vorgeworfen, Sie im Stich gelassen zu haben. Sehen Sie das immer noch so?

Das war ein Missverständnis. Ich war damals sehr verunsichert, weil die Botschaftsmitarbeiter, die mich ins Krankenhaus begleitet hatten, plötzlich nicht mehr an meiner Seite waren. Hinterher habe ich erfahren, dass man ihnen den Zutritt zu meinem Raum verweigert hat, aber dass sie trotzdem noch im Krankenhaus waren. Für die Hilfe der US-Botschaft und Regierung bin ich ungeheuer dankbar.

Bernhard Bartsch | 09. Mai 2012 um 08:38 Uhr

 

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