Bernhard Bartsch

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Menschen zweiter Klasse im eigenen Land

99 Tibeter haben sich aus Protest gegen die Kommunistische Partei in Brand gesetzt. Die Pekinger Regierung reagiert mit Härte und schürt den Konflikt damit weiter.

Vielleicht war Kunchok Kyab sehr stark. Vielleicht aber auch sehr schwacher. Er war 26 Jahre alt, der Sohn einer tibetischen Viehhirtenfamilie in der westchinesischen Provinz Gansu. Das Bild auf seinem Personalausweis zeigt einen jungen Mann mit kurzen Haaren und einem Gesichtsausdruck, der trotzig, traurig oder müde sein könnte. Kyab war verheiratet und im vergangenen Frühjahr Vater geworden. Das ist fast alles, was über sein Leben bekannt ist.

Über seinen Tod gibt es detailliertere Informationen: Um die Mittagszeit des 22. Januar trank Kunchok Kyab in der Ortschaft Bora, nahe des berühmten tibetischen Klosters Labrang, mehrere Schlucke Benzin, überschüttete sich mit dem Rest und steckte sich in Brand. Er starb nach wenigen Minuten. Sein verkohlter Leichnam wurde von der Polizei in Gewahrsam genommen.

Was treibt einen jungen Familienvater zu solch einer Tat? Für viele Exiltibeter ist Kyab ein Märtyrer, der „offensichtlich aus Protest gegen Chinas andauernde Besetzung Tibets“ gehandelt habe, wie der auslandstibetische Nachrichtendienst Phayul berichtete. In den Augen der chinesischen Regierung sind Selbstmörder wie Kyab dagegen labile junge Menschen, die von fanatischen tibetischen Freiheitskämpfern zu ihren vermeintlichen Heldentaten verführt werden.

Einigkeit herrscht allerdings darüber, dass die Selbstverbrennungen für beide Seiten zu einem massiven Problem geworden sind. Denn Kunchok Kyab ist bereits der 99. Tibeter, der sich seit Anfang 2009 in Brand gesteckt hat. Mindestens 81 Menschen starben, so die International Campaign for Tibet. Es scheint nur eine Frage von Tagen, bis die magische Zahl 100 erreicht wird. Denn die Frequenz der Taten hat im vergangenen Jahr massiv zugenommen. Mehr als 80 Selbstverbrennungen fanden in den letzten zwölf Monaten statt. Viele der Täter schrien Parolen wie „Freiheit für Tibet“ oder „Lang lebe der Dalai Lama“. Die größte Ballung von Fällen ereignete sich im November, rund um den Parteitag der Kommunistischen Partei. Dabei hatte Peking zu jener Zeit die ohnehin hohen Sicherheitsvorkehrungen in den tibetischen Gebieten noch einmal verschärft.

Chinas Regierung reagiert auf die Selbstverbrennungswelle mit Machtdemonstrationen und Propaganda. Ende Januar wurden zwei Tibeter in der Provinz Sichuan verurteilt, weil sie acht Selbstverbrenner angestiftet und praktisch unterstützt haben sollen. Der eine, ein 40-jähriger Mönch, erhielt eine sogenannte „ausgesetzte Todesstrafe“, de facto lebenslange Haft. Sein Neffe wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Parallel verschärfen Chinas Staatsmedien ihre Angriffe auf den Dalai Lama. Für Peking ist das tibetische Religionsoberhaupt, das seit 1959 im indischen Exil lebt, der Hintermann der Selbstverbrennungen. Dies sei Teil seiner „bösen politischen Versuche zur Spaltung des Landes“, lautet eine Standardformulierung in Medienberichten.

Die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala weist diese Vorwürfe zurück. Nach dem Tod von Kunchok Kyab forderte Premierminister Lobsang Sangay seine Landsleute auf, „nicht von solch extremen Aktionen Gebrauch zu machen“. Gleichzeitig verlangte er aber von den chinesischen Behörden, die Sorgen der Tibeter endlich ernst zu nehmen. Kulturelle und religiöse Unterdrückung sei der wahre Grund für die Selbstverbrennungen. Die Tibeter hätten das Gefühl, in ihrem eigenen Land Menschen zweiter Klasse zu sein.

Da Chinas Regierung ausländischen Journalisten und Diplomaten seit Jahren den freien Zugang nach Tibet verweigert, ist es schwierig, sich unabhängig von den Informationen aus Peking und Dharamsala ein Bild der Situation zu machen. Zu den wenigen, die aktuell über die Lage berichten können, gehört die in Peking lebende Schriftstellerin und Bloggerin Woeser, eine offene, aber nicht unsachliche Kritikerin der chinesischen Tibetpolitik. „Lhasa gleicht heute einem Gefängnis“, erzählt sie von einem dreimonatigen Aufenthalt in der tibetischen Hauptstadt Ende vergangenen Jahres. „Überall in der Stadt sind Soldaten und bewaffnete Polizei.“ Tibeter könnten sich in vielen Regionen nicht frei bewegen, sondern bräuchten Passierscheine, eine Maßnahme, die nach den Protesten im Jahr 2008 eingeführt worden sei. Das Diskriminierungsgefühl der Tibeter habe dadurch extrem zugenommen, sagt die 46-jährige Tochter eines chinesischen Vaters und einer tibetischen Mutter. „Die Regierung dachte, dass sie das Problem mit Druck in den Griff bekommen würde, aber die Selbstverbrennungen zeigen, dass sie das Gegenteil erreicht hat.“ Die radikalen Aktionen seien die einzige Möglichkeit, die den Tibetern bleibe, um sich Gehör zu verschaffen.

Dass Peking nun mit immer neuer Härte agiere, zeige, wie ratlos die Parteiführung der unkontrollierbaren Minderheit gegenüber stehe, erklärt Wang Lixiong, ein führender chinesischer Experte für Minderheitenfragen und Woesers Ehemann. „Pekings einzige langfristige Strategie besteht darin, auf den baldigen Tod des Dalai Lama zu hoffen“, sagt Wang. Das sei aber ein großer Fehler, denn die Verehrung für den 77-jährigen Friedensnobelpreisträger sei ungebrochen. „Wenn er stirbt, ohne dass er vorher nach Tibet zurückkehren konnte, könnte das für viele Tibeter ein Signal für einen bewaffneten Aufstand sein.“

Bewegung in die festgefahrene Situation könnte wohl nur externer Druck bringen, glaubt der exiltibetische Premier Lobsang Sangay. „Wir befinden wir uns in einem Teufelskreis, in dem brutale Politik zu Protesten führt, die noch mehr Repressionen führen“, sagte er kürzlich in einem Interview und forderte die Uno auf, tätig zu werden. Derzeit gibt es aber kein einflussreiches Land, das wegen Tibet einen Konflikt mit Peking riskieren wollte. Zuletzt hatte es 2008 Verhandlungen zwischen Peking und Dharamsala gegeben, als der Tibeteraufstand wenige Monate vor den Olympischen Spielen Chinas Image in der Welt beschädigte. Nach Olympia wurden die Gespräche ohne Ergebnis wieder abgebrochen. Dabei fordern die Exiltibeter schon seit langem kein unabhängiges Tibet mehr, wie China ihnen unterstellt, sondern nur eine weitgehende kulturelle und religiöse Selbstbestimmung.

Auch in China gibt es wenig Sympathien für die Tibeter. Zwar interessieren sich neuerdings viele Chinesen für Buddhismus, und die Himalaja-Region ist ein beliebtes Reiseziel geworden. Aber die Tibeter selbst gelten als undankbare Minderheit, welche der Volksrepublik nur Ärger bereitet. „Das ist natürlich Propaganda“, sagt Wang Lixiong, „aber die Propaganda funktioniert leider sehr gut.“

Bernhard Bartsch | 08. Februar 2013 um 07:46 Uhr

 

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