Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Mehr Grautöne, bitte!

China hat vor der Buchmesse gegen Meinungs- und Pressefreiheit verstoßen. Aber wer es jetzt beim wohlfeilen China-Bashing belässt, vergibt eine einmalige Chance.

Chinas Gastlandauftritt bei der Buchmesse ist eine Chance. Damit sie genutzt werden kann, muss die gegenwärtige Debatte nicht nur anhalten, sondern viel besser werden. Alle dreschen auf China ein – die Vorlage ist halt verlockend, und moralisch kann man gar nichts falsch machen: Einen Monat vor der Frankfurter Buchmesse hat Peking mit dem gescheiterten Versuch, kritische Autoren an der Teilnahme einer Vorbereitungskonferenz zu hindern, alle Vorbehalte gegen den Gastlandauftritt bestätigt. Die Debatte darüber, ob die Volksrepublik Gelegenheit bekommen sollte, sich bei der wichtigsten Veranstaltung des internationalen Verlagswesens darzustellen, wird nun mit ähnlicher Schärfe geführt werden wie der Disput um Pekings Olympische Spiele im Sommer 2008.

Selber schuld! Denn Chinas Regierung hat – insbesondere im Umgang mit der Pekinger Schriftstellerin Dai Qing – nicht nur gegen Gesetze zur Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit verstoßen, die laut Verfassung auch in der Volksrepublik gelten. Die zuständige Behörde für Presse und Publikation hat außerdem alle Standards guter Öffentlichkeitsarbeit missachtet und viel zu spät erkannt, dass ihre Opposition gegen Dais Auftritt alle bisherigen Bemühungen um ein positives Chinabild auf einen Schlag zunichte macht. Damit haben sich die chinesischen Gastlandorganisatoren als das entlarvt, was sie sind: als eine Zensurbehörde, die abweichende Meinungen vernichtet.

Ganz gleich, ob China seine Delegation zurückzieht oder nicht – die Konferenz, an der sich der Konflikt entzündet hat, ist nicht mehr zu retten. Es ist nicht schade drum, denn die öffentliche Debatte, die sich um die Buchmesse entwickelt hat, ist allemal mehr wert als das politisch korrekte Programm der Organisatoren. Schließlich soll es um Völkerverständigung gehen – und im Streit lernt man mehr übereinander als in höflichen Podiumsdiskussionen.

Dennoch wäre es schade und schädlich, wenn sich der Diskurs über Chinas Gastlandauftritt nach diesem Wochenende weiterhin auf die Frage zugespitzt bliebe, ob und in welcher Funktion kritische Autoren rund um die Buchmesse in Erscheinung treten. Zwar wird und muss die Frage der chinesischen Meinungs- und Pressefreiheit zentral bleiben. Aber sie lässt sich nur mit einem für alle Seiten unbefriedigenden Jein beantworten.

Der Fall Dai Qing ist dafür das beste Beispiel: Dass in der Volksrepublik Autoren wie sie leben und arbeiten, beweist, dass zwischen dem Kontrollwahn der Kommunisten und dem westlichen Wunschbild eines freien China eine Menge Platz ist. Seit drei Jahrzehnten geht die Journalistin in ihren Büchern über Themen, die von der Umwelt bis zur Geschichte reichen, den Weg kompromissloser Wahrheitsliebe. Es ist ein schwieriger Weg voller persönlicher Entbehrungen und Gefahren. Aber gerade deshalb hat Dai es verdient, mehr zu sein als eine Reizfigur für die einen und eine Galionsfigur für die anderen. Wer von denen, die sich nun auf ihre Seite schlagen, hat je einen ihrer Texte gelesen – oder es jetzt ernsthaft vor?

Die Buchmesse bietet dazu Gelegenheit. Es ist eine einmalige Chance, Dai und dutzende andere chinesische Autoren, von denen im Westen noch kaum jemand gehört hat, erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Es lohnt sich hinzuschauen – und zwar nicht nur bei denen, die das Gütesiegel der Regimekritik tragen. Man muss kein Freiheitskämpfer sein, um wertvolle Literatur zu verfassen. So enthält auch die offizielle Schriftstellerdelegation, deren 130 Autoren dieser Tage häufig als „linientreu“ gebrandmarkt werden, ausgezeichnete Literaten wie Mo Yan, Yu Hua oder Li Er. Zwar mögen prominente Namen wie Dai Qing oder der des Nobelpreisanwärters Yan Lianke fehlen – aber auch ihre Werke werden in Frankfurt an den Ständen der ausländischen Verlage präsent sein.

Denn das ist das Wesen der Buchmesse: Sie ist nicht nur ein Buchfest, sondern in erster Linie ein Marktplatz für Verlage. Und da China im Publikationsgeschäft ein großer Markt und Marktakteur ist, sind die Verlage aus der Volksrepublik seit Jahren Teil der Buchmesse. Dass sie jetzt im Fokus der Öffentlichkeit stehen, ist eine Chance, die so schnell nicht wieder kommt. Wenn man sie nutzt, kann etwas Gutes daraus entstehen. Deswegen der Appell: Schluss mit schwarz und weiß – mehr Grautöne bitte!

Bernhard Bartsch | 12. September 2009 um 02:43 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.