Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Mao war ein Mensch mit Fehlern“

Mao-Darsteller Tang Guoqiang über Chinas jüngsten Propagandastreifen, Demokratie mit chinesischen Eigenschaften und den Nachruhm des Großen Vorsitzenden.

Tang_GuoqiangHerr Tang, seit 13 Jahren sind Sie fast täglich im chinesischen Fernsehen in der Rolle von Mao Zedong zu sehen. Was Ihre Landsleute heute über Mao wissen und denken, geht also maßgeblich auf ihre Darstellung zurück. Wie viel haben denn die Filmfigur und der reelle Mao mit einander zu tun?

Unsere Filme beruhen auf historischen Studien und bilden die Geschichte so ab, wie sie stattgefunden hat. Man kann daraus lernen – deshalb werden sie selbst an den Parteischulen als Lehrmittel eingesetzt.

Zum 60. Gründungstag der Volksrepublik kommt ihr neuester Film in die Kinos, eine der aufwändigsten chinesischen Produktion aller Zeiten. Haben die Zuschauer nicht langsam genug von monumentalen Mao-Filmen?

Es geht jedes Mal um andere Aspekte der Geschichte. Zum 60. Jahrestag zeichnen wir die Gründung des Neuen China nach, und zwar unter dem Gesichtspunkt der Demokratie. In den Vierzigerjahren hat die Kommunistische Partei zusammen mit der Kuomintang eine Einheitsfront gebildet und sich um demokratische Kontrollmechanismen bemüht. Mao hat selbst gesagt, dass eine Einparteienherrschaft ein Relikt aus der Kaiserzeit sei, dass jede Partei interne Widersprüche aushalten müsse und dass alle demokratischen Parteien zusammen eine Koalitionsregierung gründen sollten.

Habe ich das richtig verstanden? Die Kommunistische Partei, die heute mit aller Härte gegen Demokratieaktivisten vorgeht, versucht im Kino den Anschein zu erwecken, sie sei selbst die Triebkraft der Demokratie?

Das ist nicht erfunden, sondern das Ergebnis wissenschaftlicher Forschung. Nach der Gründung der Volksrepublik hat Mao den anderen Parteien tatsächlich Einfluss gegeben. In der Kulturrevolution wurde die Mehr-Parteien-Kooperation dann zwar abgeschafft, aber inzwischen hat China das korrigiert und verfolgt wieder das Ziel, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen. Unser Minister für Wissenschaft und Technik ist zum Beispiel nicht Mitglied der Kommunistischen Partei, und es wird heute viel über Menschen- und Bürgerrechte gesprochen.

Darüber könnten wir jetzt sicherlich lange debattieren und würden uns wahrscheinlich nicht einigen können. Lassen wir das also und sprechen lieber über die Schauspielerei. Wie viel darstellerische Freiheit hat man denn, wenn man den großen Mao verkörpert?

Freiheit haben wir natürlich nur innerhalb der Grenzen, die von den Zensurbehörden gesteckt werden. Sie bestimmen, welche Szenen voll ausgespielt werden und was nur angedeutet wird. Diese politischen Vorgaben sind für die schauspielerische Beschäftigung mit der Rolle entscheidend.

Haben Sie ein Beispiel?

Früher lag der Fokus auf Mao als großer Führungspersönlichkeit, die man meist nur aus der Ferne sah. Heute steht der Mensch im Vordergrund. Jeder hat Fehler, und Mao war da keine Ausnahme. Das muss man nicht verstecken, sondern kann es offen zeigen. Deswegen geht es in den neueren Filmen vor allem um Maos Charakter, Gedanken und Interessen.

Was ist er denn für ein Mensch, Ihr Leinwand-Mao?

Er ist äußerst klug und willensstark, aber im Alltagsleben auch sehr spontan und ungezwungen. Ich habe für den neuen Film zum Beispiel eine kleine Szene erfunden, in der er während einer sehr wichtigen Sitzung eine Zigarette an seiner Schuhsohle ausdrückt und in die Tasche steckt, um sie am Abend weiterzurauchen. Ich finde, das beschreibt ihn ganz gut.

Man könnte allerdings den Eindruck gewinnen, dass die Beschäftigung mit Mao, dem Menschen, von Debatten über seine historischen Fehlern ablenken soll. Selbst in China wird Mao heute von einigen kritisiert.

Kritik ist erlaubt, aber man muss anerkennen, dass er ein großartiger Mann war, der auf dem Weg der Revolution nie eine Pause eingelegt hat. Da geht es dann nicht nur um die Persönlichkeit, sondern um etwas Größeres: um Politik. Wer den Staat, die Nation und den Sozialismus voranbringen will, muss Entscheidungen treffen können. In dieser Hinsicht war Mao allen anderen Führern der Kommunistischen Partei überlegen. Deshalb ist die Gründung der Volksrepublik auch vor allem Maos Verdienst.

ZUR PERSON

Der Schauspieler Tang Guoqiang ist seit 1996 Chinas führender Mao-Darsteller. In zwölf staatlich finanzierten Film- und Fernsehproduktionen verkörperte der 57-Jährige bereits den großen Steuermann, darunter auch in „Die Gründung der Republik“, dem monumentalen Propagandastreifen zum 60. Jahrestag der Volksrepublik. Das Interview fand während der Dreharbeiten statt.

Bernhard Bartsch | 01. Oktober 2009 um 22:31 Uhr

 

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