Bernhard Bartsch

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Mangelwirtschaft „Made in China“

An Chinas Tankstellen wird der Diesel knapp, weil Fabriken damit Generatoren betreiben – ein Beispiel für fehlgeleitete Wirtschaftssteuerung.

„Wenn die Chinesen sich ein Ziel setzen, erreichen sie es auch“, lautet das Credo vieler Bewunderer des chinesischen Wirtschaftsbooms. Den Realitäts-Check kann man derzeit an chinesischen Tankstellen machen: Im Süden des Landes ist in den vergangenen Tagen mehr als 2000 Zapfstellen der Diesel-Sprit ausgegangen, berichtet die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. An tausenden anderen müssen Lastwagenfahrer stundenlang anstehen, um wenigstens eine kleine Ration zu bekommen – oder sie kaufen ihren Treibstoff auf dem Schwarzmarkt, dann allerdings zu horrenden Preisen. Der Grund für die plötzliche Mangelwirtschaft ist nicht etwa, dass es in China grundsätzlich zu wenig Diesel gäbe, sondern dass damit seit kurzem neben Fahrzeugen auch tausende Fabriken betrieben werden. Denn nachdem die Regierung zahlreichen Unternehmen den Strom abgestellt hat, behelfen diese sich kurzerhand mit eigenen Dieselgeneratoren.

Die Misere ist das Ergebnis eines rabiaten Versuchs der Pekinger Zentralregierung, doch noch zu schaffen, was eigentlich bereits misslungen ist. Im Sommer stellten die Staatsstatistiker fest, dass China sein aktuelles Planziel zur Verbesserung der Energieeffizienz zu verfehlen droht: Ende 2010 soll die chinesische Wirtschaft pro Einheit Bruttoninlandsprodukt ein Fünftel weniger Energie verbrauchen als im Jahr 2005 und damit nicht nur klima- und umweltfreundlicher produzieren, sondern auch ihre Abhängigkeit von importierten Energieträgern reduzieren. So sieht es der 11. Fünfjahresplan vor, der dieses Jahr ausläuft.

Staatlichen Angaben zufolge hat China in den ersten vier Jahren bereits eine Reduktion von 14,4 Prozent erreicht – beachtlich, aber zu wenig, um das Gesamtziel zu erreichen. Um die Vorgabe trotzdem noch zu erreichen, befahl das Industrieministerium im August über 2000 Unternehmen, darunter Großkonzernen wie die Aluminum Corp of China (Chalco) oder der Stahlhersteller Baosteel, die sofortige Stilllegung von veralteten Anlagen. Gleichzeitig wurden mehrere Provinzregierungen aufgefordert, auf ihrer Ebene zusätzliche Einsparmaßnahmen zu ergreifen. Seitdem werden in tausenden Fabriken, aber auch ganzen Kleinstädten, immer wieder Stromunterbrechungen verhängt.

Doch was als Effizienzinitiative gedacht war, hat in Wirklichkeit zu einer Verschwendungswelle geführt. Weil die Energieausnutzung kleiner Dieselgeneratoren weitaus schlechter ist als die großer Kraftwerke, ist auch die Produktion von klimaschädlichen Gasen deutlich höher. Viele Fabriken haben bereits seit Jahren eigene Notaggregate, weil es in den heißen Sommermonaten, in denen der Energiebedarf durch Klimaanlagen hoch ist, immer wieder Stromausfälle gibt. Die wirtschaftlichen Kosten für die unerwartete Dieselknappheit tragen auch andere Wirtschaftszweige, deren Logistik aufgrund des behinderten Lastwagenverkehrs beeinträchtigt wird.

Dass Peking sein Energieeffizienzziel um jeden Preis zu erreichen versucht, hängt maßgeblich mit den internationalen Klimaschutzverhandlungen zusammen. Die Volksrepublik steht als weltweit größter Energieverbraucher und Klimagasemittent unter hohem Druck, mehr zur Reduktion seines Ausstoßes zu tun. Peking hat versprochen, seine Energieeffizienz bis 2020 gegenüber 2005 um 40 bis 45 Prozent zu verbessern und möchte keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass die ehrgeizige Vorgabe realisierbar ist. Doch die Bedenken bleiben bestehen. Denn für eine wirklich nachhaltige Wirtschaft bedarf es kluger Steuerung mit passenden Anreizen – und in dieser Hinsicht hat sich Pekings Regierung wieder einmal als außerordentlich grobmotorisch erwiesen.

Bernhard Bartsch | 08. November 2010 um 04:58 Uhr

 

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