Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Man lebt nur zweimal

Wie ist das Leben nach dem Tod? Ganz ähnlich wie das davor, glaubt man in China.

Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Auch nicht vom Tod. Zumindest glauben das offenbar viele Chinesen. Denn warum sollten sie sonst ihre Ahnen mit neuen Errungenschaften versorgen, die zu ihren Lebzeiten gar nicht existierten: mit Computern und Handys, mit Digitalkameras und Kreditkarten, mit Vitaminpräparaten und Potenzpillen?

Geschäfte für Jenseitsbedarf finden sich im Umfeld vieler chinesischer Tempel. Wenn man von den Papiermodellen, die hier verkauft und zu Gedenktagen verbrannt werden, darauf schliessen kann, wie es im nächsten Leben weiter geht, steht zu erwarten, dass sich wenig ändert: Männer brauchen nach wie vor Rasierapparate und Frauen Lockenwickler. Bei der Arbeit trägt man Schlips oder Kostüm, in der Freizeit Polohemden oder tief ausgeschnittene Blusen. Seine Termine verwaltet man mit einem elektronischen Taschenkalender, dessen Batterie laut Packungsaufdruck „bis zu 100 Stunden“ hält. Man telefoniert, surft im Internet (Breitbandanschluss!) oder spielt Karten, trinkt Cola, Bier, Cognac und nimmt Tabletten gegen Kopfschmerzen und Altersgebrechen. Das Leben geht also genau dort weiter, wo es aufgehört hat.

Was nicht aus dem Diesseits geliefert wird, lässt sich auch im Jenseits kaufen. Die Hinterbliebenen verbrennen deshalb dicke Bündel sogenannten Geistergelds. Auf den Scheinen stehen Fantastillionen-Summen, Einsen mit dutzenden Nullen. Weil das Verbrennen dicker Geldpakete an Feiertagen zu schwerer Rauchbelastung führt, wird neuerdings dafür geworben, der Umwelt zuliebe Kreditkarten zu verbrennen und die Nirwana-Rente mit einem Gebet zu überweisen.

Vor allem in Hongkong und Taiwan sind die Ahnentraditionen lebendig, doch auch in der Volksrepublik haben sie Jahrzehnte sozialistischer Gottlosigkeit überlebt. Bei vielen Menschen hat der materialistische Purismus hat spirituelle Leere hinterlassen, die zu einem Comeback der Religionen führt, wobei volkstümliche Rituale wie Totenkulte als erste wieder aufgenommen werden. Bei ihrer Beerdigung erhalten Verstorbene eine Grundausstattung, bestehend aus mindestens einer Villa und einer Luxuslimousine (im Himmel fahren keine Kleinwagen) und womöglich einem Privatjet. Männer bekommen gelegentlich noch ein paar Pappmätressen mit ins Feuer geworfen, was Pekings Behörden allerdings verbieten. Was im Diesseits sittenwidrig ist, wird auch im Jenseits nicht toleriert.

Ob dies nun das Paradies oder die Hölle ist, hängt wohl vom eigenen Empfinden ab. Pietätvolle Hinterbliebene sind aber in jedem Fall von Vorteil. Und wer selbst für das Nachleben vorsorgen will, sollte auch im Alter versuchen, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Man lernt schliesslich nie aus. Auch nicht mit dem Tod.

Bernhard Bartsch | 05. Februar 2009 um 03:02 Uhr

 

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