Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Man backt deutsch

Deutschlands Exportwirtschaft hinterlässt auch linguistische Spuren.

Auf der Suche nach einem Café landete ich kürzlich in der „Bäckerei Mainz Dom“. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, hätte ich mich in Mainz befunden, oder zumindest in Deutschland. Ich war aber in Südkorea, in einer populären Restaurantmeile von Seoul. Über der Ladentür prangte ein Wappen mit zwei Löwen, die eine Brezel halten. Die Gebäcktüten waren mit deutschen Flaggen bedruckt, die zwar falsch herum wehten, aber das passte gewissermaßen zu den Backwaren, die ebenfalls nur fast authentisch waren. Außer mir dürfte das an diesem Nachmittag allerdings niemandem aufgefallen sein. Was kümmert es Koreaner, ob ihr Kuchen echt deutsch ist, solange er schmeckt?

Völlig gleichgültig scheint es ihnen jedoch nicht zu sein, sonst hätte sich der Inhaber der „Bäckerei Mainz Dom“ kaum die Mühe gemacht, seinem Laden eine deutsche Identität zu verleihen. Brot und Kuchen gehören zu den Waren, bei denen die Welt uns Deutschen vertraut. In vielen Ländern verfallen Bäcker deshalb auf die Idee, ihren Geschäften einen deutschen Namen zu geben. In Tokio kaufte ich einmal Brötchen von einer Bäckerei namens „Essen“, ein andermal im „Rosenheim“. In Singapur aß ich bei „Brotzeit“ zu Mittag. Nur wenige Kunden werden die Namen verstehen, aber dass sie deutsch klingen, reicht offenbar schon, um Vertrauen in das Angebot zu fassen.

Dabei ist Deutsch keineswegs eine Weltsprache. Auf der Rangliste der meistgesprochenen Idiome schafft es das Deutsche nicht einmal unter die ersten Zehn, denn nicht nur Chinesisch, Englisch und Spanisch sind weiter verbreitet, sondern auch etwa Bengalisch oder Indonesisch. Trotzdem hat Deutschlands Exportwirtschaft weltweit linguistische Spuren hinterlassen, die einiges darüber verraten, in welchen Bereichen andere Völker uns vertrauen. Bei Autos steht „made in Germany“ besonders hoch im Kurs, weshalb sich in Korea Kfz-Werkstätten mit Namen wie „Deutsch Auto BMW“ oder „Klasse Auto VW“ finden. Auch bei Würsten sind wir gefragt: In Peking gibt es eine „Wurstbude“, in Tokio eine Schlachterei „Leckerbissen“ und in Seoul ein „Deutsches Wirtshaus Baerlin“. Bierhallen heißen in Korea allgemein „Hof“.

Doch nicht immer sind die sprachlichen Exporte so dicht an den nationalen Klischees. In Tokios Boutiquenviertel Omote Sando stößt man etwa auf diverse Modelabels mit deutschen Namen. Eine Männermarke nennt sich „Aristrist – geborene Kämpfer“, eine andere „Wut Berlin“, und ein Brillenladen heißt „Zoff“. Man hört es schon: Wer sich dort einkleidet, läuft anders herum als Kunden, die bei Schneidern mit italienischen oder französischen Namen kaufen.

Aber allzu ernst sollte man die globalen Wörterwanderungen nicht nehmen, denn manchmal machen sich Begriffe einfach auf die Reise, um an exotischen Plätzen zu landen. Meinen letzten Haarschnitt hatte ich bei einem japanischen Friseur namens „Tür“. Wo der Name herkomme, fragte ich. Keine Ahnung, antwortete der junge Mann mit der Schere. Vielleicht habe dem Inhaber ja einfach da „ü“ gefallen, weil es aussehe wie ein Smiley.

Bernhard Bartsch | 24. August 2012 um 06:06 Uhr

 

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