Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Machtmittel Yuan

Hat Peking im Yuan-Streit dem Druck des Auslands nachgegeben?

Westliche Politiker und Wirtschaftsverbände werfen China seit Jahren vor, seinen Exporten auf dem Weltmarkt mit einem künstlich billigen Währungskurs unfaire Vorteile zu schaffen. Nun hoffen sie, die Volksrepublik endlich auf internationale Spielregeln verpflichten zu können: zu einer Währung, deren Kurs der Markt bestimmt, nicht die Regierung.

Aus chinesischer Sicht stellt sich die Sache allerdings anders dar: In Peking hat man sich noch nie an Spielregeln gebunden gefühlt, die China nicht mit bestimmt hat und die seinen Interessen nicht dienen. Vielmehr betrachten die Chinesen es als ihr gutes Recht, die Währungspolitik als Instrument im internationalen Wettbewerb einzusetzen. Die westlichen Staaten täten schließlich das gleiche, argumentiert man in Peking, nur dass diese ihre eigenen Nutzen eben in freien Marktmechanismen sehen – nicht immer zu ihrem Vorteil, wie die Chinesen mit Blick auf die Euro-Krise spotten.

So dient auch Chinas jüngste Ankündigung, den Yuan vom US-Dollar abzukoppeln, in erster Linie den eigenen Zielen. Worum geht es genau? Viele Jahre lang erschien es Peking opportun, ein stabiles Wechselkursverhältnis zur wichtigsten Währung des Welthandels zu halten, zumal die USA der größte Kunde von chinesicher Produkten sind. Über einen künstlichen billigen Yuan konnte der Staat Chinas Exporte, die aufgrund niedriger Löhne ohnehin schon günstig waren, noch zu subventionieren. Vom Discounter bis zur Markenboutique – „Made in China“ ist aus unserer Konsumgesellschaft nicht mehr wegzudenken.

Doch die Politik des billigen Yuan hatte einen Preis: China verkaufte seine Waren de facto unter Wert. Bei der Zentralbank häuften sich mehr Devisen an, als die Regierung gebrauchen konnte. Und so billig Chinas Exporte waren, so teuer waren umgekehrt die Importe. Insbesondere die hohen Kosten für Rohstoffen, von denen China einen großen Teil einführen muss, um seine Wirtschaft am Laufen zu halten, führten zu Inflation. Und hier kommt für China die Yuan-Aufwertung ins Spiel: Mit einer teureren Währung lässt sich der Preissteigerungsdruck abfangen. Pekings Zentralbanker haben stets betont, dass sie die Währungspolitik maßgeblich als Instrument der Inflationsbekämpfung sehen.

Den westlichen Industrienationen könnte das recht sein, solange China tut, was sie sich seit langem wünschen. Doch alle Zeichen deuten darauf hin, dass die Aufwertung des Yuan weit hinter den Erwartungen des Auslands zurückbleiben wird. Peking hat ausdrücklich erklärt, dass es keine großen Kursprünge geben werde. Analysten gehen davon aus, dass der Yuan in den kommenden Monaten zwischen drei und fünf Prozent and Wert gewinnen dürfte – genug um Chinas Inflation einzudämmen, aber weit weniger, als die zwanzig bis dreißig Prozent, mit denen westliche Ökonomen die Unterbewertung des Yuan abschätzen.

Damit werden sich die Hoffnungen, die vor allem in Washington, wo der Währungsstreit am intensivsten geführt wird, kaum erfüllen. Amerikanische Politiker, die den Konflikt mit der immer mächtiger werdenden Volksrepublik weniger scheuen als ihre europäischen Kollegen, begründen ihre Kritik an China daran, dass der unterbewertete Yuan Schuld daran sei, dass die Amerikaner viel mehr chinesische Produkte kaufen als andersherum die Chinesen amerikanische – mit dem Ergebnis, dass ganze amerikanische Industriezweige vor dem Aus stünden, weil sie nach China verlegt würden. Eine deutliche Anhebung des Yuan könne diesen Trend stoppen, wenn nicht sogar teilweise rückgängig machen, lautet die optimistische Meinung. Falls China sich nicht kooperativ zeige, solle man die Flut chinesischer Produkte eindämmen, indem man sie mit entsprechend hohen Strafzöllen belege. In einigen Industrien haben sich beide Seiten in den vergangenen Jahren bereits Handelsscharmützel geliefert, doch auf eine offene Konfrontation ist sowohl für Peking als auch für Washington riskant. So dürfte es China auch mit einer moderaten Yuan-Anstieg gelingen, den Druck aus den USA abzuwehren. Diskussionen über das Tempo der Aufwertung werden die Chinesen wohl in bewährter Manier aussitzen.

Ähnlich werden sich Pekings Zentralbanker auch kaum in die Karten schauen lassen, nach welchen Kriterien sie künftig den Wert des Yuan festlegen. Statt der Bindung an den Dollar soll ein Währungskorb den Ausschlag geben – doch wie dieser zusammengesetzt ist, bleibt geheim. De facto kann die Regierung den Kurs also auch weiterhin nach eigenem Gutdünken festlegen, orientiert an den eigenen Konjunkturdaten, nicht an transparenten Marktmechanismen.

Wie auch immer das Ringen um den Yuan in die nächste Runde geht – sicher ist eins: Dass Chinas Währung Thema auf den Frontseiten westlicher Medien ist, zeigt, dass die Volksrepublik längst wieder ihren Platz unter den großen Weltmächten gefunden hat. Spekulationen, dass der Yuan eines Tages den Dollar als globale Leitwährung ablösen könnte, sind zwar verfrüht. Doch dass der Yuan inzwischen zu den wichtigsten Währungen der Welt gehört, ist fürs erste Revolution genug.

Bernhard Bartsch | 21. Juni 2010 um 01:44 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.