Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Luxus ist totale Schwerelosigkeit“

David Tang, Lifestyle-Papst des neuen China, über Konsum, Konten und Konfuzius.

Herr Tang, in Ihren Boutiquen und China-Klubs feiern sie das alte Reich der Mitte. Was macht die klassische chinesische Kultur so faszinierend?

China hat etwas ungeheuer Geheimnisvolles. Denken Sie nur an die Terracotta-Armee, die Chinas erster Kaiser sich mit ins Grab geben liess. Oder Konfuzius, die Steingärten, die Gedichte der Tang-Dynastie, die Vasen der Ming, die Architektur und die Rituale des Kaiserhofs – all das hat etwas sehr Vornehmes und Gebildetes.

Und dieses Flair möchten Sie wiederaufleben lassen?

Ja, alles, was ich mache, ist durchdrungen von einem tiefen Gefühl des Chinesisch-Seins. Gleichzeitig möchte ich das alte China aber für die moderne Welt neu interpretieren.

Also Multikulti für Reiche?

Pfui! Diesen «internationalen Stil», der jetzt allgegenwärtig ist, kann ich nicht ertragen. Das ist alles so affektiert, aseptisch und gekünstelt, ohne Wurzeln und ohne Geschichte. Wer glaubt, Luxus könne man in so genannten Sechssternehotels, teuren Edelläden oder prunkvollen Restaurants finden, ist völlig auf dem Holzweg.

Wo soll man dann suchen?

Am unmittelbarsten findet man Luxus natürlich in der Natur. Ein malerischer Sonnenuntergang, ein strahlender Vollmond, eine milde Dämmerung, funkelndes Zwielicht oder ein romantischer Nieselregen, das ist nicht zu überbieten. Aber Luxus hat auch viel mit Handwerkskunst zu tun, im Sinne von Fabergé, Cartier oder Graaf. Die haben ihr ganzes Leben damit verbracht, schöne Gegenstände zu entwerfen und herzustellen – Gegenstände, die keinen anderen Zweck erfüllen, als dass man sie still geniessen kann, allein oder höchstens mit ein paar gleich Gesinnten.

Luxus muss also exklusiv sein?

Ja. Luxus kennt kein soziales Höflichkeitsgeplapper oder berufliches Networking, keinen Druck und keinen Stress. Luxus ist Komfort in Vollendung, totale Schwerelosigkeit, Vergnügen, das keinen Grund hat, ausser sich selbst.

Und wie kann man ein solches Gefühl herstellen?

Ich glaube, unser Geheimnis liegt in der Fülle an Tradition und Kunst, auf die wir zurückgreifen. In den China-Klubs ist es vor allem der Reichtum der Ausstattung und die Liebe zum Detail. Bei Shanghai Tang haben wir bis heute den grössten Erfolg mit den ganz schlichten Sachen, die ich am Anfang entworfen habe und die zu unserem Markenzeichen geworden sind: Samtjacken, klassische Seidenjacken und Seidenpyjamas, alle mit leuchtend buntem Innenfutter.

Das sieht zwar ganz originell aus, aber wer zieht so etwas denn tatsächlich an?

Das haben am Anfang viele gesagt, und es war nicht einfach, das nötige Kapital aufzutreiben. Und obwohl wir inzwischen stark expandieren, ist es immer noch schwierig, eine grössere Kundschaft zu gewinnen. Wir machen halt Mode für Kosmopoliten, und davon gibt es weniger, als man denkt. Am schlimmsten sind die Amerikaner. Die werden immer provinzlerischer. Ich glaube, nicht einmal 20 Prozent der Amerikaner haben Reisepässe, das heisst, 80 Prozent haben noch nie das Land verlassen.

War also auch etwas Frust dabei, als Sie Shanghai Tang vor zweieinhalb Jahren an das schweizerische Luxusunternehmen Richemont verkauft haben?

Überhaupt nicht. Ich mache das bei allen meinen Projekten so: Sobald sie laufen, überlasse ich das Tagesgeschäft anderen und wende mich neuen Projekten zu. Auch das ist ein grosser Luxus – machen zu können, was man liebt. Aber ich bin immer noch in engem Kontakt mit unserer Geschäftsführung und berate sie in ästhetischen und finanziellen Angelegenheiten. Ausserdem stimmt es nicht, dass ich Shanghai Tang verkauft hätte. Ich habe meine Anteile behalten und warte jetzt darauf, dass ich von meinem Geld endlich etwas zurückbekomme.

Und in der Zwischenzeit?

Ich habe eine ganze Menge Ideen in der Pipeline. Im Juli eröffne ich mein erstes Chinarestaurants, das China Tang im Londoner Dorchester Hotel. Ausserdem baue ich in Hongkong einen exklusiven Festsaal für Hochzeiten und andere Feierlichkeiten. Ich hoffe, dass daraus eine Kette in ganz China wird.

Das dürfte nicht einfach werden. Die Neureichen in China haben in den letzten Jahren nicht gerade durch verfeinertes Stilgefühl von sich reden gemacht.

Das ist leider wahr. Ich fürchte, meinen Landsleuten ist in den letzten Jahrzehnten jegliches Stilgefühl abhanden gekommen. Es ist grausam, mitanschauen zu müssen, wie in Peking ein Gross-teil des kulturellen Erbes systematisch abgerissen wird. Das ist eine monumentale Gedankenlosigkeit. Es macht mir Angst und schockiert mich, wie China sich seine eigene Seele wegmeisselt, physisch und kulturell.

Verbringen Sie deswegen einen Grossteil Ihrer Zeit in Europa?

Vom Gefühl her bin ich Chinese, aber es ist schon ein grosses Privileg, zwischen Orient und Okzident pendeln zu können. Ein Leben mit Abwechslung ist doch allemal besser als eines ohne, oder?

Bernhard Bartsch | 19. Juli 2005 um 16:56 Uhr

 

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