Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Luft! Luft!

Chinakorrespondent ist ein Job mit hohem Gesundheitsrisiko. Schuld ist der Smog.

Meine Tochter hat Husten. Bestimmt ist es bloß ein gewöhnlicher Kleinkindinfekt, kein Grund, Sie, liebe Leser, damit zu behelligen. Aber wenn Sie in diesem Moment aus meinem Pekinger Bürofenster schauen könnten, würden Sie verstehen, warum mir das häusliche Röcheln und Rasseln auch bei der Arbeit noch in den Ohren klingt.

Draußen ist Smog, nicht nur schlechte Luft, sondern einen dicker Drecknebel, den man riechen, schmecken und fühlen kann. Dass ich nicht übertreibe, können Sie im Internet nachprüfen: Googeln Sie „Beijing AQI“, den Pekinger Luftqualitätsindex, den eine Messstation auf dem Dach der US-Botschaft ermittelt und stündlich ins Netz speist. Die Skala reicht von 1 bis 500, wobei Werte bis 50 als „gut“ gelten und bei Messungen über 100 eine Gesundheitswarnung ausgegeben wird, was in New York, einer der amerikanischen Smoghochburgen, in heißen Sommern durchschnittlich sechs Mal vorkommt. Werte über 300 gelten als „gefährlich“, doch solche Belastungen werden in den USA nur in Waldbrandgebieten gemessen. Während ich dies schreibe, liegt der Wert in Peking bei 438, was immerhin schon besser ist als heute morgen. Da waren es 472.

Natürlich ist das Problem nicht neu. Ich lebe seit elf Jahren in Peking und habe den Smog immer akzeptiert als einen schlechten Charakterzug einer ansonsten sympathischen Stadt. Eine zeitlang versprachen Pekings Olympiavorbereitungen eine Verbesserung, doch die schöne Illusion wurde unter der täglich wachsenden Lawine von Autos begraben.

Trotzdem ist es mir bisher einigermaßen gelungen, meine Gesundheitsskrupel zu ignorieren – bis ich kürzlich von einer Studie las, der zufolge Kinder, die in der Nähe von großen Straßen oder Kreuzungen aufwachsen, einen messbar niedrigeren Intelligenzquotienten haben. Hoppla! Offenbar können nämlich Ruß- und Schadstoffpartikel bis ins Gehirn vordringen. Eine andere Unersuchung hat ergeben, dass sich Luftschadstoffe über das Blut der Mutter sogar auf den Embryo übertragen und dort Erbgutveränderungen verursachen können. Mögliche Folgen sind eine Beeinträchtigung der geistigen und motorischen Entwicklung, Asthma, Stoffwechselerkrankungen oder Krebs. Solchen Aussichten sind meine Verdrängungskünste nicht gewachsen.

Was also tun? Als Chinakorrespondent kommt man ja nicht ohne weiteres darum herum, in China zu sein, genauso wenig wie es einem Dachdecker erspart bleibt, auf Dächer zu steigen, oder einem Taucher, ins Wasser zu gehen. Eine gute Idee hatte der Arzt der deutschen Botschaft: Deren Mitarbeiter bekommen jeden Monat einen Smogtag, an dem sie nicht arbeiten müssen, sondern aus der Stadt fahren und ihre Lungen auslüften dürfen. Wenn also demnächst Außerirdische in Peking landen und Sie, liebe Leser, am folgenden Tag in ihrer Zeitung kein Interview mit ihnen finden, wissen sie, wo ich war, und werden mir hoffentlich verzeihen. Allerdings scheue ich Fahrten aus der Stadt, weil man dabei immer im Stau steht. Also warte ich erst einmal auf den nächsten Wetterumschwung. Übermorgen soll es regnen, dann wird die Luft über Peking reingewaschen und meine Tochter darf endlich wieder auf den Spielplatz. Vorausgesetzt, ihr Husten ist bis dahin abgeklungen, aber wahrscheinlich ist es ja ohnehin bloß ein gewöhnlicher Kleinkindinfekt.

Bernhard Bartsch | 08. Oktober 2010 um 10:28 Uhr

 

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