Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Liebesgrüße aus Pjöngjang

Nordkorea kündigt alle Abkommen mit dem Süden. Dort spekuliert man, Diktator Kim Jong-il suche die Aufmerksamkeit des neuen US-Präsidenten.

Nordkorea heizt den schwelenden Konflikt mit Südkorea weiter an. Das Regime von Diktator Kim Jong-il kündigte am Freitag sämtliche Abkommen mit dem Süden auf. In einer von Pjöngjangs offizieller Nachrichtenagentur KCNA verbreiteten Erklärung warf das „Komitee für eine friedliche Wiedervereinigung Koreas“ der Regierung in Seoul vor, die „innerkoreanischen Beziehungen an den Rand eines Krieges gedrängt“ zu haben. Weil Südkoreas Präsident Lee Myung Bak bestehende Absprachen „rücksichtslos einkassiert“ habe, fühle sich nun auch der Norden nicht mehr daran gebunden. Hoffnungen für eine Verbesserung der Beziehungen gebe es nicht.

Zwar gehören derartige Formulierungen seit Jahren zur Standardrhetorik des erzkommunistischen Regimes – und längst nicht immer ließ es seinen drastischen Ankündigungen auch Taten folgen. Doch der symbolträchtige Schritt soll offenbar signalisieren, dass Kim eine weitere Zuspitzung der Konfrontation nicht scheut. Seit Lees Amtsantritt vor einem Jahr hat sich das Verhältnis auf der koreanischen Halbinsel deutlich verschlechtert, weil der konservative Politiker Hilfslieferungen von einem Stopp des nordkoreanischen Atomprogramms abhängig machen will. Formell befinden sich die beiden Staaten seit über einem halben Jahrhundert im Kriegszustand.

Ein Sprecher des südkoreanischen Ministeriums für Wiedervereinigung äußerte am Freitag „tiefes Bedauern“ und rief Pjöngjang dazu auf, möglichst schnell an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Auch Ministerpräsident Han Seung Soo erklärte, er hoffe auf eine baldige Wiederaufnahme des Dialogs. Am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos spekulierte er, der Norden wolle womöglich die Aufmerksamkeit der neuen US-Präsidenten auf sich ziehen.
Denn der Regierungswechsel bei Südkoreas Schutzmacht könnte für Kim weitreichende Folgen haben. Die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Konfrontation erscheint zwar unter Barack Obama weitaus geringer als unter seinem Vorgänger George W. Bush. Doch weitaus gefährlicher wäre für Kim eine gezielte Unterhöhlung seiner Macht. Unter der sogenannten Sonnenscheinpolitik hatte Südkorea versprochen, auf eine Destabilisierung von Kims System zu verzichten. Zwar hält sich bisher auch Lee an diese Formel. Doch nachdem Seoul in den vergangenen Monaten tatenlos zugesehen hatte, wie südkoreanische Aktivisten hunderte Ballons mit subversiven Nachrichten über die Grenze schickten, drohte Pjöngjang mit Krieg und „totaler Auslöschung“. Südkoreas Medien spekulierten am Freitag, Kims jüngster Affront solle Obama zur Warnung dienen und diesen dazu veranlassen, Südkorea zu einer sanfteren Gangart zu bewegen. Andere Experten glauben, der Schritt könne vorrangig innenpolitisch motiviert sein. Nach seiner monatelangen Krankheit und auffälligen Abwesenheit aus der Öffentlichkeit könnte der Diktator unter Druck stehen, der eigenen Bevölkerung seine Regierungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Was auch immer Kims Beweggründe – klar ist, dass die nordkoreanische Bevölkerung unter der Kündigung der Abkommen weitaus schwerer leiden wird als die südkoreanische. Denn der Austausch der beiden Länder diente in den vergangenen Jahren weitgehend dem Aufbau des Nordens. Nach dem historischen Gipfeltreffen im Jahr 2000 hatte der Süden sich für die Entwicklung von Kommunikations-, Straßen- und Schienenverbindungen engagiert und in großem Umfang dringend benötigte Lebensmittel geschickt. Auch über Familientreffen und eine Interimsgrenze gab es Absprachen.
Trotzdem ist der Schritt auch für den Süden schmerzhaft. Denn ein vollständiger Abbruch der Beziehungen könnte auch das Ende der Sonderwirtschaftszone Kaesong bedeuten. Seit Eröffnung der nordkoreanischen Enklave im Jahr 2005 haben dort 83 südkoreanische Unternehmen investiert. Südkoreas Regierung subventionierte die Erschließung mit 150 Millionen Dollar. 32.000 Nordkoreaner arbeiten dort zu Löhnen, die noch unter denen anderer Billigproduktionsländern liegen. Seit der Etablierung der Zone lag der Umsatz bei 450 Millionen Dollar – für Pjöngjang eine wichtige Devisenquelle. Gerade deshalb ist auch zu erwarten, dass Nordkorea mit seinen Drohungen nicht ganz ernst macht. Schon im vergangenen November hatte Pjöngjang angekündigt, zum ersten Dezember alle Grenzübergänge zum Süden schließen zu wollen. Trotzdem lief der Verkehr nach Kaesong weiter, wenn auch nicht mehr so flüssig wie zuvor.

Bernhard Bartsch | 31. Januar 2009 um 03:02 Uhr

 

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