Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Licht am Ende des Tunnels

China verbucht historischen Wirtschaftseinbruch. Doch Pekings Konjunkturpaket zeigt langsam Wirkung.

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sieht sich auf dem Weg der Besserung – auch wenn von Genesung noch keine Rede sein kann. Im ersten Quartal verbuchte China zwar mit 6,1 Prozent das langsamste Wachstum seit dem Beginn der Veröffentlichung von Vierteljahreszahlen im Jahr 1992. Doch obwohl das Land damit nach dem vierten Quartal 2008 (6,3 Prozent) zum zweiten Mal deutlich unter der magischen Acht-Prozent-Markte lag, die Peking als Minimalwachstum für die Sicherung der sozialen Stabilität bezeichnet, glauben Chinas Ökonomen seit einigen Wochen ein Ende der konjunkturellen Talfahrt ausgemacht zu haben. Unter den gegebenen Umständen sei das erreichte Wachstum „durchaus ein Erfolg“, erklärte Statistikamtsprecher Li Xiaochao am Donnerstag und verwies auf „positive Veränderungen“. So habe die Industrieleistung, die im Januar und Februar auf 3,8 Prozent Wachstum abgesackt war, im März wieder 8,3 Prozent erreicht. Außerdem habe das staatliche Konjunkturpaket im ersten Quartal zu einem Investitionsanstieg von 28,8 Prozent geführt. „Die Ergebnisse sind besser als erwartet“, sagte Li.

Auch andere Indikatoren erlauben seit kurzem wieder vorsichtigen Optimismus. Sowohl bei der Stadt- als auch bei der Landbevölkerung scheint sich die Kauflaune verbessert zu haben. So kauften Chinas Landbewohner im Januar und Februar 70 Prozent mehr elektrische Geräte als im Vorjahreszeitraum. Die chinesischen Autoverkäufe stiegen im Februar um gut elf Prozent. Auch die Immobilienpreise, die sieben Monate am Stück gefallen waren, zeigten im März Zeichen einer leichten Erholung.

Pekings Regierung hatte im November ein umgerechnet 445 Milliarden Euro schweres Infrastrukturprogramm beschlossen, das den dramatischen Exporteinbruch auffangen soll. Chinas Ausfuhren, die knapp ein Drittel der Wirtschaftsleistung ausmachen, lagen im Februar ein Viertel unter Vorjahreswert. Im März betrug das Minus allerdings nur noch 17 Prozent. Anfang der Woche eine zweite Initiative zur Ankurbelung des Privatkonsums in Aussicht gestellt.

Doch selbst wenn Pekings Konjunkturpolitik nun die gewünschte Wirkung hervorzurufen scheint, ist umstritten, inwieweit die Medizin die Ursachen der Krise bekämpft hat oder nur die Symptome. So deutete Chinas Bankenaufsicht kürzlich an, dass dem Finanzsystem eine neue Lawine fauler Kredite drohe, weil die Regierung die Staatsbanken angewiesen habe, bei der Geldvergabe großzügig zu sein. Im ersten Quartal vergaben Chinas Banken Kredite in Höhe von umgerechnet über 500 Milliarden Euro – über 90 Prozent der ursprünglich für das gesamte Jahr 2009 anvisierten Summe. Die jahrelangen Bemühungen, bei der Kreditvergabe wirtschaftliche Risikoeinschätzungen vor politische Erwägungen zu stellen und Chinas marodes Bankwesen so wettbewerbsfähiger zu machen, geraten damit in Gefahr. Auch die China Orient Asset Management Corp., eine staatliche „Bad Bank“, die den Instituten 2004 faule Kredite in Höhe von 15 Milliarden Euro abgenommen hatte, erwartet bis Mitte 2010 einen „deutlichen Anstieg“ schlechter Darlehen.

Nach oben gehen auch Chinas Devisenreserven, wenn auch so langsam wie seit acht Jahren nicht mehr. Im ersten Quartal stiegen sie um 5,8 Milliarden Euro auf 1,48 Milliarden Euro. Ursache für den Einbruch ist neben der Exportflaute auch der Rückgang der Auslandsinvestitionen. Das Wirtschaftsministerium dabei für 2009 von einem Einbruch von rund einem Drittel aus. Dagegen scheint China die Krise nutzen zu wollen, um selbst verstärkt im Ausland Geld anzulegen. Anfang der Woche kündigte die Regierung an, den südostasiatischen ASEAN-Staaten 7,6 Milliarden Euro als Investitionen für Infrastrukturprojekte und 11,4 Milliarden Euro als Kredite zur Verfügung stellen zu wollen. Peking wolle sich mit seinen Nachbarn „gemeinsam den Schwierigkeiten der grausamen globalen Finanzkrise stellen“, erklärte Außenminister Yang Jiechi. Allerdings dürfte die Volksrepublik dabei vor allem ihre eigenen geostrategischen Interessen im Auge haben. So bietet die Krise Peking eine willkommene Gelegenheit, ihren Einfluss in der Region weiter auszubauen.

Bernhard Bartsch | 17. April 2009 um 02:11 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.