Bernhard Bartsch

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Lebenslügen auf Bestellung

Viele Chinesen besorgen sich vor dem Neujahrsfest gefälschte Zeugnisse und Abschlüsse – um beim Familienbesuch Erfolg vorzutäuschen.

Das kleine Steinmäuerchen am Osttor der Pekinger Volksuniversität ist ein seltsamer Ort für einen Müttertreff. Während Passanten gegen den schneidenden Wind ankämpfen und wartende Studenten sich durch Hüpfen aufzuwärmen versuchen, kauern fünf junge Frauen stoisch in der Kälte und wiegen dick verpackte Babys. Eine hat ihren Säugling unter ihrem wattierten Mantel zum Stillen angelegt, eine andere summt ein Schlaflied. Selbst die beiden Polizisten, die wenige Meter entfernt in ihrem Auto sitzen, scheinen Mitleid zu haben. „Die Polizei lässt uns in Ruhe“, sagt eine der Frauen.

Dabei weiß jeder in der Gegend, was die jungen Mütter neben ihren Babys noch in ihren Bündeln tragen: gefälschte Dokumente. Von Immatrikulationsbescheinigungen und Universitätsabschlüssen über Arbeitszeugnisse und Krankschreibungen bis hin zu Personalausweisen verkaufen sie alles, was man benötigt, um kleine oder größere Lebenslügen glaubhafter zu machen. Und nie läuft das Geschäft mit frisierten Identitäten besser als im eisigen Januar, kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest.

„Vor der Heimreise haben viele Menschen Bedarf an unserem Service. Es gibt wenige Papiere, die wir nicht irgendwie besorgen können“, erzählt eine der Händlerinnen. Wie ihre Kolleginnen will sie weder ihren Namen noch ihre Herkunft preisgeben, doch Akzent und Kleidung verraten, dass sie aus einer der armen Hinterlandprovinzen stammt. Am besten laufen nach ihren Angaben Studentenausweise und die mit einem Barcode versehenen Heimreise-Bestätigungen der Universität, mit denen man günstigere Zugtickets bekommen kann. „Damit spare ich Geld und Ärger“, sagt ein junger Mann, der gerade die vor zwei Tagen von ihm bestellten Papiere abholt. 50 Yuan haben sie ihn gekostet, umgerechnet 5,60Euro, doch mit ihnen erhofft er sich nun Einsparungen von rund 150 Yuan sowie Zugriff auf bevorzugte Ticketkontingente. Denn wie jedes Jahr zum Neujahrsfest sind Zugkarten auch dieses Mal wieder heiß umfochten.

Gefälschte Studentenausweise haben zu dieser Jahreszeit auch deshalb Konjunktur, weil junge Migranten damit ihren Familien oder Freunden in der Provinz ein erfolgreiches Leben in der Stadt vortäuschen können. Wer noch dicker auftragen will, kann auch ein Zeugnis einer renommierten Universität kaufen. 200 Yuan etwa, also etwas mehr als 22 Euro, kostet ein Abschlusszeugnis der Volksuniversität, einer der führenden Kaderschmieden. Arbeitsbestätigungen großer Unternehmen gibt es für den gleichen Preis. Beides kann nicht nur bei den Eltern, sondern auch bei Jobbewerbungen Eindruck schinden. Falsche Personalausweise, mit denen man etwa in Hotels oder Internetcafés seine wahre Identität verbergen kann, gibt es sogar schon für 100 Yuan.

Dass die Geschäfte von jungen Müttern abgewickelt werden, hat einen guten Grund: Ihre Babys schützen sie vor der Polizei. Einem chinesischen Gesetz zufolge dürfen Mütter, die ihre Kinder noch stillen, nur für maximal zwölf Stunden festgenommen werden. Obwohl chinesische Polizisten es mit Vorschriften nicht immer so genau nehmen, schrecken sie vor Grausamkeiten gegen Frauen mit Säuglingen doch meist zurück.

Die Mütter sind allerdings in der Regel nur das ahnungslose Fußvolk gut organisierter krimineller Netzwerke, die mit dem Babytrick neben falschen Ausweisen auch Pornografie oder Drogen vertreiben. Mit den Hintermännern haben die Händlerinnen meist nur über Kuriere Kontakt. „Sie holen im Vorbeigehen die Bestellungen mit den Passfotos und dem Geld ab und bringen uns die fertigen Ausweise zurück“, sagt eine der Frauen an der Volksuniversität. Mit einem Monatseinkommen von rund 1000Yuan oder 112 Euro verdient sie kaum besser als eine Straßenfegerin – ein Job, den sie womöglich bald selbst wieder machen muss, wenn ihr Kind dem Stillalter entwachsen ist. Einem unerfahrenen Kunden einen überhöhten Preis abzuluchsen, gelingt ihr nur selten, denn die Marktpreise sind weithin bekannt, die Konkurrenz ist groß.

Die Qualität der Fälschungen lässt vermuten, dass die Ausweismafia über beste Kontakte verfügt. Viele Plagiate sind auf Originalformularen gedruckt. Dokumentenexperten der deutschen Botschaft in Peking, denen die Berliner Zeitung gefälschte Universitätszeugnisse zur Überprüfung vorlegte, konnten keine Produktionsfehler feststellen. „Der Betrug würde erst auffliegen, wenn man in der Absolventendatenbank der Hochschule die Zeugnisnummer mit dem Namen abgleicht“, lautet ihr Urteil. Doch darauf haben chinesische Unternehmen in der Regel keinen Zugriff. Und Fahrkartenverkäufer am Bahnhof schon gar nicht.

Da allerdings auch in China allgemein bekannt ist, wie einfach gefälschte Dokumente zu beschaffen sind, ist das Vertrauen in das gedruckte Wort gering. Umso lieber verlässt man sich deshalb im Ernstfall auf persönliche Kontakte. „Ich würde niemanden einstellen, nur weil er tolle Zeugnisse vorlegen kann“, erklärt ein Pekinger Personalmanager. „Wenn der Bewerber niemanden kennt, den ich auch kenne, dann hat er schlechte Karten – egal wie gut er ist.“

Bernhard Bartsch | 30. Januar 2011 um 13:39 Uhr

 

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