Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Lebe hoch, meine Konkubine!

Für die neue Geldelite Chinas gilt es wieder als chic, eine Konkubine zu haben. Weil finanziell zum Teil sehr lukrativ, sind auch viele Studentinnen Zweitfrau.

Die erste Liebe vergisst man nie. Im Fall von Liu Jinbao war es eine Schulliebe, die ihn jedoch verschmähte und damit Jahrzehnte später zu einem irrwitzigen Selbstbetrug trieb. Liu, Präsident der Bank of China in Hongkong und damit einer der mächtigsten Finanzmanager, liess eine seiner zahlreichen Geliebten nach dem Vorbild seines Jugendschwarms umoperieren. Über vier Millionen Yuan (615 000 Franken) zahlte er Schönheitschirurgen in Hongkong, Singapur, Korea und England für die Kopie, und so wäre die seelische Wunde auf die alten Tage womöglich noch verheilt. Doch dann kam die Polizei dahinter, dass Liu seinen Mätressen von Bankkunden Luxuswohnungen kaufen liess, und 2005 landete der 54-Jährige im Gefängnis. Urteil: aufgeschobene Todesstrafe. Der Nachbau seiner grossen Liebe teilt derweil wahrscheinlich schon mit einem anderen Reichen das Bett.

Geliebte zu haben, gehört für reiche Chinesen zum Leben wie Limousinen mit verdunkelten Scheiben, diamantbesetzte Uhren oder Villen im Barockstil. Und sie machen aus ihren Zweitfrauen kein Geheimnis. Anders als im Westen, wo die Gesellschaft für Ehebrecher höchstens Toleranz übrig hat, sind Liebschaften in China ein Statussymbol.

Freunde und Kollegen wissen davon und häufig sogar die Ehefrauen. Denn geht es in China ums Business, wird es fast zwangsläufig schlüpfrig. Verträge werden in rotlichtigen Karaoke-Bars oder Saunen geschlossen. Geschäftsmänner nehmen auf ihre Dienstreisen weibliche Begleitung mit oder haben in Städten, die sie häufig besuchen, eine Dauermätresse, der sie die Wohnung und den Unterhalt bezahlen.

«Wer keine Geliebte hat, hat auch keinen Erfolg», sagt der chinesische Volksmund. Einen chinesischen Mann zu fragen, ob er eine Geliebte habe, gilt weniger als Affront denn als Schmeichelei, als Ausdruck von Wohlstand und Potenz, die nicht ins Leere schiesst. Chinas Männer sind mit sich selbst im Reinen.

Das moderne Konkubinat ist so verbreitet, dass das Chinesische dafür seit einigen Jahren einen eigenen Ausdruck hat: «Bao Ernai» – sich eine Zweitfrau halten, oder wörtlicher: erwerben. Davon abgeleitet sind Wörter wie «Ernai Cun» – Mätressendorf, also Wohngebiete am Rande der grossen chinesischen Wirtschaftsmetropolen, in denen die Reichen bevorzugt ihre Zweitfrauen parken. VWs Kleinwagen Polo hat in China den Spitznamen «Ernai Che» – Geliebtenauto, und der Schnellzug von Guangzhou nach Hongkong gilt als «Ernai Tekuai Lieche», als «Konkubinen-Express», weil viele Geschäftsmänner aus der ehemaligen Kronkolonie auf dem Festland eine Zweitfamilie haben. Die Behörden der Sechs-Millionen-Stadt gehen etwa davon aus, dass Hongkonger in der Volksrepublik bis zu eine halbe Million uneheliche Kinder haben.

Der Begriff «Ernai» geht zurück auf den sagenumwobenen Ur-Kaiser Yao, der vor 4300 Jahren gelebt haben soll und seine beiden Töchter im Doppelpack an seinen Nachfolger Shun verheiratete. Wenn dieser abends von seinen Dienern gefragt wurde, welche Schwester man ihm zurechtmachen solle, nannte er die ältere «Gattin» – chinesisch «Nainai» – und die jüngere «Gattin 2» – «Ernai». Bigamie war damit hoffähig, und über die Jahrtausende gehörten Konkubinen zur höfischen Kultur wie die Kalligraphie. Jeder Wohlhabende hatte Nebenfrauen, und der Kaiser natürlich am meisten. 55 Gespielinnen hielt sich der grosse Qing- Herrscher Kangxi (1654-1722); sein Vorgänger Xuanzong aus der Tang-Dynastie soll sogar ein regelrechtes Konkubinenbataillon mit 4000 Frauen gehabt haben, die in unterschiedliche Dienstgrade unterteilt waren.

Keine Frage: Es ist mehr als nachsichtig, die Untreue der chinesischen Männer kulturgeschichtlich zu verbrämen. Schliesslich leiden chinesische Frauen unter den Seitensprüngen ihrer Männer nicht weniger als westliche. Im Gegenteil: Sie treffen sie häufig härter, weil sie finanziell leicht erpressbar sind und der soziale Druck eine Scheidung häufig verbietet. Viele Frauen geraten in Geldnot, wenn ihre Männer bei der Verteilung des Einkommens zuerst an ihre Zweit- oder Drittfamilien denken. Zwar wurde 2001 auf Initiative des chinesischen Frauenverbandes das sogenannte «Ernai-Gesetz» eingeführt, das Bigamie offiziell unter Strafe stellt und Frauen Unterhaltszahlungen und Schadenersatz zubilligt. Doch in einem Land, wo Geldflüsse und Rechtssystem gleichermassen undurchschaubar sind, ist auf Gesetze wenig Verlass.

Gleichzeitig fordern auch die Zweitfrauen ihre Rechte ein. In Internetforen fordern sie: «Auch Ernais haben Menschenrechte», und diskutieren, wie sie ihre Männer langfristig an sich binden können. Wie bei den Konkubinen am Kaiserhof ist ein Kind dabei noch immer die beste Möglichkeit. Ein wohlhabender Mann ist für viele chinesische Frauen auf jeden Fall noch immer die einzige Möglichkeit, etwas vom chinesischen Wirtschaftswunder abzubekommen. Manche beginnen ihre Karriere mit Prostitution, in billigen Hotels oder Friseurläden, wo sie Happy-End- Massagen geben.

Das weitaus grössere Aufstiegspotenzial haben allerdings Edelhostessen, die in Karaoke-Klubs Männer amüsieren. Viele von ihnen besuchen tagsüber die Universität. Vor Hochschulen wie der Pekinger Film- oder Theaterakademie bilden sich freitags ganze Limousinenstaus, weil viele Schauspielstudentinnen fürs Wochenende abgeholt werden.

«Fürs Unterhalten gibt es 3000 Yuan (460 Franken), plus Getränkeprovisionen», sagt eine Pekinger Literaturstudentin, die mehrere Abende pro Woche im «Tiansheng Renjian» («Himmel und Erde») arbeitet. Wenn ein Kunde sie mit nach Hause nehmen will, kostet das mindestens 10 000 Yuan – je nachdem, wie gut er ihr gefällt. Als Prostituierte würde die Studentin sich nie bezeichnen, und selbst Ernai findet sie beleidigend; sie redet lieber davon, dass sie «halt keinen festen Boyfriend» habe. Ans Licht kommen darf das alles trotzdem nicht. Denn an vielen Universitäten sind Rotlichteinkünfte inzwischen so weit verbreitet, dass es Bestimmungen gibt, wonach der Prostitution überführte Studentinnen von der Hochschule ausgeschlossen werden. Dabei gilt selbst für viele gut ausgebildete Frauen das chinesische Sprichwort: «Männer werden nur schlecht, wenn sie reich werden, aber Frauen werden nur reich, wenn sie schlecht werden.»

Stimmt das, dann ist es eine miese Mischung, die sich am oberen Ende der chinesischen Gesellschaft trifft. Tatsächlich belegen Statistiken aus der Provinz Guangdong, dass 95 Prozent aller Männer, die für Korruption oder andere Wirtschaftsverbrechen angeklagt werden, auch aussereheliche Beziehungen haben. Eine kleine Auswahl: Xu Qiyao, ehemaliger Leiter des Bauamts in der Provinz Jiangsu, soll über 140 Mätressen gehabt haben, darunter auch ein Mutter-Tochter-Gespann. Lin Longfei, bis 2003 Parteisekretär der Stadt Zhouning in Fujian, hatte 22 Geliebte. Der korrupte Vizebürgermeister von Jining, Li Xin, wurde von einer Mätresse verpfiffen. Sie war eifersüchtig und veröffentlichte nach seinem Sturz im Internet ein Bild, auf dem er in Unterhose zu sehen war. Und über Liu Zhihua, den im Juni dieses Jahres verhafteten stellvertretender Bürgermeister von Peking, soll der Inlandsgeheimdienst ein sechsstündiges Video mit Bettszenen in verschiedenen Besetzungen zusammengeschnitten haben.

Dass sich viele der Mätressen-Geschichten um Staatsbedienstete drehen, ist der Regierung peinlich. Einer neuen Richtlinie gemäss sind deshalb Beamte, die aussereheliche Beziehungen führen, von Beförderungen ausgeschlossen. Doch wie immer hat Peking es schwer, seine Weisungen auch durchzusetzen. Schliesslich bieten selbst staatliche Hotels Gästen den Service an, das Behördenkennzeichen an ihren Autos gleich bei der Ankunft mit Magnetschildern zu verdecken. Es muss ja keiner wissen, wer hier gerade sein Schäferstündchen hält.

Erschienen in: NZZ am Sonntag, 7. Januar 2007

Bernhard Bartsch | 07. Januar 2007 um 17:40 Uhr

 

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