Bernhard Bartsch

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Lautlose Luftangriffe

Lee Min-pok lässt Flugblätter über Nordkorea regnen. Er möchte seine ehemaligen Landsleute zur Flucht animieren

Lee Min-pok (Copyright: Martin Gottske)Wenn der Wind von Süden weht, steigt Lee Min-pok, 50, frühmorgens in seinen Kleintransporter und fährt von Seoul in Richtung „DMZ“ (demilitarized zone), wie der Puffer zwischen Nord- und Südkorea im Volksmund heißt. Ein paar Kilometer vor dem Sperrgebiet verlässt er die Hauptstraße und sucht sich zwischen den Feldern einen Platz, an dem er für die nächsten Stunden ungestört seiner Arbeit nachgehen kann.

Lee entfaltet einen Plastikschlauch, der zwölf Meter lang und vier Meter breit ist, füllt ihn mit Wasserstoff, hängt einige Pakete dran und lässt ihn steigen. Der Ballon treibt nach Norden, zur Grenze. Er wird sie nach Lees Schätzungen in 5000 Meter Höhe überfliegen und damit so hoch sein, dass „ihn keiner mehr abschießen kann. In zwei bis drei Stunden erreicht er Pjöngjang.“ Auf dem Weg öffnen sich mittels eines ausgeklügelten Mechanismus die Bündel, 60 000 Flugblätter regnen herab, auf denen steht: „Wenn Nordkoreas Soldaten über die Grenze schauen, sehen sie grüne Felder, endlose Autoschlangen und Häuser, die nachts erleuchtet und im Winter beheizt sind. Jeder darf hingehen, wo er möchte. Alle Menschen sind frei.“

Landreform mit Haft bestraft

Vor 18 Jahren hatte der Agrarwissenschaftler Lee selbst ein südkoreanisches Flugblatt aufgehoben und beschlossen, aus Nordkorea zu fliehen. Damals gelang nur wenigen Deserteuren der lebensgefährliche Ausbruch über den Grenzfluss nach China. Mittlerweile jedoch fliehen jährlich Tausende Nordkoreaner vor Elend und Unterdrückung in ihrem Land.

Die meisten tauchen in Nordchina unter, wo die dortige koreanische Minderheit ihnen Deckung bietet, wo es Jobs in Fabriken oder auf dem Bau gibt, die für nordkoreanische Verhältnisse fürstlich bezahlt werden. Doch die Flüchtlinge wollen weiter, nach Südkorea. 15 000 Nordkoreaner leben inzwischen im Süden, in diesem Jahr werden vermutlich weitere 3000 kommen.

Obwohl Diktator Kim Jong-il alle Informationen über das Ausland filtern lässt und seinem Volk ein kommunistisches Paradies vorzugaukeln sucht, wissen viele Nordkoreaner, dass das Leben im Süden weitaus besser ist. „Auf dem Schwarzmarkt gibt es inzwischen viele ausländische Produkte, an denen die Menschen erkennen, wie unterentwickelt ihr eigenes Land ist“, sagt Kim Sang-hun, ein südkoreanischer Aktivist, der die Deserteure unterstützt. „Wer Geld und Kontakte hat, kann relativ leicht einen Grenzbeamten bestechen und es nach China schaffen.“ Von dort schlagen sich die Flüchtlinge mit Hilfe von Schleusern nach Thailand, Kambodscha oder auch in die Mongolei durch, in Länder, in denen südkoreanische Botschaften Fahnenflüchtige aufnehmen und ausfliegen lassen.

In der Volksrepublik China dagegen gibt es diesen Weg nicht. Die chinesischen Kommunisten halten unverdrossen dem Bruderland Nordkorea die Treue und verhindern Desertationen nach Kräften. Lee Min-pok glaubt, dass die chinesische Regierung schon um die verzweifelte Situation der nordkoreanischen Bevölkerung wisse, „aber ihre Loyalität gilt den Diktatoren“.

Lee gehörte früher zur nordkoreanischen Elite. In der Akademie der Wissenschaften befasste er sich mit der Zucht von Saatgut und fragte sich, warum sein Land immer wieder von Hungersnöten heimgesucht wurde. „An den Pflanzen konnte es nicht liegen und an den natürlichen Bedingungen auch nicht.“ Also musste etwas mit der Produktionsweise nicht stimmen.

In einem Dorf versuchte Lee es mit einer mit einer Landreform. Die Bauern bekamen die Entscheidungsgewalt über ihre Felder und den Ertrag. Der Erfolg war durchschlagend: Die Ernte, erzählt Lee, verfünffachte sich. Der Agrarwissenschaftler verfasste einen Bericht für den „Großen Führer“ Kim Il-sung. „Unsere Nahrungsmittelprobleme lassen sich lösen“, schrieb er – und wurde prompt eingesperrt, weil er gegen die wirtschaftlichen Vorgaben der Zentralregierung verstoßen hatte. „Da habe ich den Glauben an das System verloren“, sagt Lee heute.

In der Haft fielen ihm die südkoreanischen Flugblätter wieder ein, die er früher gelegentlich gefunden hatte. Damals hatte er ihren Versprechungen keinen Glauben geschenkt. Nun sah er das anders. Kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis schlug er sich zu Fuß zum koreanisch-chinesischen Grenzfluss durch und schwamm nach China. Doch chinesische Polizisten griffen ihn auf, schlugen ihn zusammen und übergaben ihn an nordkoreanische Grenzer.

Drei Monate lang wurde Lee in einem Lager für Fahnenflüchtige befragt und wartete darauf, erschossen oder in ein Arbeitslager geschickt zu werden. Doch weil er ein ausgezeichneter Wissenschaftler und überzeugter Parteigänger gewesen war, glaubte man ihm letztlich die Ausrede, er habe in China nur forschen wollen. Lee wurde begnadigt, musste aber zum Arbeitseinsatz auf ein Dorf.

Sobald er wieder zu Kräften gekommen war, türmte er erneut, wieder nach China, versteckte sich dort ein Jahr und schlug sich dann nach Moskau durch. Aber auch die dortige Botschaft Südkoreas hatte die Anweisung, keine Flüchtlinge aufzunehmen. Lee lebte noch vier Jahre im russischen Untergrund, bis er 1994 auf Veranlassung des UN-Flüchtlingshochkommissariats nach Südkorea geflogen wurde.

Massenflucht ist unerwünscht

Lee wurde frostig empfangen, da erging es ihm wie allen Flüchtlingen aus dem Norden des geteilten Landes. Zwar nimmt Seoul Nordkoreaner bereitwillig auf, unterweist sie in kapitalistischer Lebensweise und greift ihnen finanziell unter die Arme. Doch tatsächlich die wenigsten werden wirklich integriert.

„Die meisten Südkoreaner sehen uns nicht als Landsleute, sondern als Bedrohung für ihren Wohlstand“, sagt eine Bäuerin, die seit einem Jahr in Seoul lebt und ihren Mann und Sohn nachholen will, sobald sie es sich leisten kann. „Ich habe kein Problem damit, niedrige Arbeit zu machen.“ Aber das Desinteresse der Südkoreaner an der Situation im Norden verletzt sie.

Noch immer ist die Wiedervereinigung das offizielle Ziel der südkoreanischen Regierung. Aber in Wirklichkeit fürchten viele einen Kollaps der Kim-Diktatur. „Wenn wir Nordkorea auffangen müssten, wäre das das Ende unseres Wohlstands“, sagt Lee Geun, Politologe an der Seoul National University. „Deswegen ist ein starkes Regime in Pjöngjang für uns besser als ein gescheitertes.“ Er hofft, dass sich die nordkoreanische Nomenklatura auch nach Kim Jong-il, der angeblich schwerstkrank ist, an der Macht halten kann, und findet es richtig, dass die südkoreanische Regierung den Spielraum des Erbfeinds vergrößert. Im Rahmen der sogenannten Sonnenschein-Politik hat Südkorea 1998 aufgehört, auf Kims Sturz hinzuarbeiten und das Volk im Norden gegen seine Führung aufzuwiegeln.

Damals beendete die südkoreanische Armee das staatliche Flugblattprogramm. Lee war so empört darüber, dass „die Menschenrechte der Nordkoreaner einfach dem politischen Opportunismus geopfert werden“, dass er mit Hilfe von Kirchengruppen und Nichtregierungsorganisationen sein eigenes Flugblattprogramm auf die Beine stellte. Hundert Ballons ließ er 2007 steigen, im laufenden Jahr sollen 120 über die DMZ gen Norden fliegen.

Die Wirkung bleibt nicht aus. „Pjöngjang hat sich schon 19 Mal in Seoul über meine Aktivitäten beschwert“, sagt Lee. Die Behörden hätten auch versucht, seine Aktionen zu unterbinden. Aber, sagt der Flüchtling, „dazu haben sie kein Recht, wir leben hier schließlich in einer Demokratie“.

Bernhard Bartsch | 24. Oktober 2008 um 04:22 Uhr

 

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