Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Länger leben mit Paranoia

Lieber paranoid als tot. Denn wer unter Angstzuständen leidet, stirbt nie den Tod, vor dem er sich fürchtet.

Allmählich werde ich paranoid. Jedenfalls gebe ich mir Mühe. Denn es ist doch so: Wer Angstzustände hat, erleidet nie das Unglück, vor dem er sich fürchtet. Das passiert immer nur den anderen. Deshalb sind Paranoide ja so komisch. Aber das Gelächter meiner Mitmenschen nehme ich gerne in Kauf, wenn ich dafür nicht einen der schrecklichen Tode sterben muss, die in China überall lauern.

Zum Beispiel im Flugzeug. Neulich bin ich mit Air China geflogen und bei der Landung setzte der Pilot so hart auf, dass über mir die Sauerstoffmasken aus der Decke fielen. Allerdings fielen sie nicht bis zu mir herab, sondern blieben über meinem Kopf hängen. Jemand hatte sie nämlich mit Draht in der Halterung festgebunden, offenbar weil die Klappe häufiger aufgeht. Im Ernstfall wäre ich also kläglich erstickt, lange bevor ich nach einer Kneifzange hätte fragen können. „Passiert schon nichts“, meinte die Stewardess, als ich sie darauf aufmerksam machte. Das wäre bis vor kurzem auch meine Meinung gewesen, aber diesmal habe ich – wie Paranoide eben so sind – eine ordentliche Szene gemacht.

Auch mit Taxifahrern streite ich mich regelmäßig, weil der Sitzgurt fast nie zugängig ist. Zwar gilt auch in China Anschnallpflicht, aber diese Regel hat eher rechtskosmetischen Charakter. Es muss schon ein Polizist durchs Fenster schauen, damit ein chinesischer Autofahrer auf die Idee kommt, sich den Gurt wenigstens locker über den Schoß zu legen. Ich referiere dann Unfallstatistiken und ernte Blicke, als sei ich nicht ganz dicht.

Daraus schließe ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Also weiter: Wenn ich demnächst erstickt oder durch eine Frontscheibe gedonnert bin, wird die Autopsie sicher ergeben, dass ich ohnehin nicht mehr lange gehabt hätte. Krebs! Gemessen an Pekings Luft ist jedes Raucherzimmer ein Luftkurort. Und in vielen Gerichten kann man Pestizide und Wachstumshormone regelrecht schmecken. Wenn man nur will.

Ich will. „Lieber paranoid als tot!“ habe ich mir auf einen Merkzettel geschrieben. Gestern hat ihn ein Freund entdeckt und mich für verrückt erklärt. „Das Leben ist ein Hund“, sagte er. „Wer keine Angst zeigt, wird auch nicht gebissen.“ Hm. Leuchtet auch irgendwie ein.

Bernhard Bartsch | 28. August 2009 um 17:16 Uhr

 

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