Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Künstlernamen für alle

Was tun, wenn man einen Chinesen trifft, der Superman heißt? Oder eine Chinesin namens Sexy? Auf jeden Fall nicht lachen. Superman und Sexy sind sonst beleidigt. Sie wissen ja nicht, was an ihren Namen so lustig ist. Schließlich handelt es sich um ein klassisches interkulturelles Missverständnis.

Einen englischen Namen zu haben, ist in China modern. Er klingt international, ist für ausländische Bekannte einfacher auszusprechen und hat gegenüber dem Geburtsnamen den Vorteil, dass man ihn selbst wählen kann. Die meisten verfahren dabei nach dem Prinzip Nomen est Omen. Männer nennen sich gerne Tiger, Prince, Captain, Hero oder Master. Frauen entscheiden sich häufig für Sunshine, Rainbow, Flower, Diamond oder Star. Namen wie Rain, Moon oder Ocean tragen beide Geschlechter gleichermaßen.

Würden es nicht auch Peter oder Anna tun? Das Geheimnis hinter den vermeintlichen Künstlernamen liegt in einer Besonderheit der chinesischen Sprache: Für Rufnamen hat sie keine eigenen Wörter. Vorgegeben sind nur die Nachnamen (die im Chinesischen streng genommen Vor-Namen sind, weil sie vorne stehen). Dabei ist die Auswahl nicht groß: Jeder vierte Chinese heißt Li, Wang, Zhang oder Chen. 85 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen hören auf nur hundert Nachnamen. Dafür ist sind die Rufnamen umso vielfältiger. Eltern steht der gesamte chinesische Wortschatz offen. Beliebte Jungennamen sind Wei (Groß), Gang (Hart), Jun (Soldat), Longfei (Fliegender Drache) oder Guoqiang (Der das Land stark macht). Mädchen nennt man gerne Mei (Schön), Ling (Glocke), Yuan (Rund), Yuefang (Mondduft) oder Jingwen (Stille Wolke).

Was in der Übersetzung für Erheiterung sorgt, ist Chinesen so vertraut, dass die Bedeutung eines Namens auch bei ihnen meist hinter dessen Klang verschwindet. So wie wir Deutschen ja auch nicht bei jeder Marie an „die Fruchtbare“ denken oder bei Jürgen an „Bauer“.

Umgekehrt finden es allerdings auch Chinesen komisch, wenn Ausländer in China ihrerseits chinesische Namen tragen. Meinen bekam ich seinerzeit von meiner ersten Chinesischlehrerin: Bai Bohan. Bai ist ein gängiger Nachname, der dem Klang von „Bartsch“ noch am nächsten kommt. Bohan klingt ein wenig wie Bernhard und ist ein sehr dick aufgetragener Ausdruck für Weisheit. „Aber nichts drauf einbilden“, bläute meine Lehrerin mir ein, „ist schließlich nur ein Name.“

Bernhard Bartsch | 20. Dezember 2007 um 03:51 Uhr

 

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