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Korrupter Korruptionsbekämpfer

Chongqings Ex-Polizeichef Wang Lijun, Auslöser von Chinas größtem Parteiskandal seit Jahrzehnten, steht wegen Staatsverrats vor Gericht.

Es ist noch kein Jahr her, dass Wang Lijun zu den Lieblingen des chinesischen Propagandaapparats gehörte. Das Staatsfernsehen machte Chongqings Polizeichef zum Protagonisten einer Serie über Korruptionsbekämpfung, Zeitungen feierten ihn als Modellkader. Am Dienstag steht Chinas prominentester Verbrechensbekämpfer selbst vor Gericht, angeklagt wegen Landesverrats, Machtmissbrauchs und Bestechlichkeit. Das schwerste Vergehen des 52-Jährigen wird allerdings nicht öffentlich verhandelt: Wang hat der Kommunistischen Partei einen ihrer größten Skandale seit Jahrzehnten beschert. Nach einem Streit mit seinem Vorgesetzten, Chongqings Parteichef Bo Xilai, flüchtete Wang am 6. Februar in das US-Konsulat in Chengdu und trat damit eine Serie von Enthüllungen los, die zeigen, dass gravierender Amtsmissbrauch bis in die höchsten Parteiränge weit verbreitet ist.

Bo, der als aussichtsreicher Kandidat für einen Spitzenposten in der nächsten Führung galt, wurde wenige Wochen später gestürzt und seine Frau wegen Mordes an einem britischen Geschäftsmann zu einer ausgesetzten Todesstrafe verurteilt. Wang muss mit lebenslanger Haft rechnen. Wang kam 1983 in der nordostchinesischen Provinz Liaoning zur Polizei und machte schnell Karriere. Ende der 1990er Jahre fiel er bei einer Kampagne gegen die lokale Mafia dem damaligen Provinzgouverneur Bo Xilai auf. Die beiden wurden enge Verbündete – oder eher Komplizen, wie sich später herausstellen sollte. Als Bo 2007 als Parteichef nach Chongqing ging, traditionell eine Hochburg des organisierten Verbrechens, nahm er Wang mit, um gegen die dortigen Banden vorzugehen.

Bo wollte sich als Korruptionsbekämpfer profilieren, und Wang sorgte für die nötigen Massenverhaftungen, ohne es dabei selbst mit dem Gesetz allzu genau zu nehmen. Darüber hinaus unterstützte er seinen Chef auch bei anderen zwielichtigen Vorhaben. So installierte er ein Abhörnetzwerk, um Telefongespräche der Parteispitze zu belauschen, wie chinesische Medien kolportieren. Vergangenen Herbst bat Bos Frau Gu Kailai um Hilfe, um ihren Geschäftspartner Neil Heywood verschwinden zu lassen, mit dem sie sich zerstritten hatte. Gu vergiftete den Briten in einem Hotelzimmer, und Wang ließ die Leiche von der Polizei umgehend einäschern, um eine unabhängige Autopsie zu verhindern. Wenig später kam es deshalb zum Bruch zwischen Bo und Wang, worauf der Polizeichef aus Angst um sein Leben Zuflucht im US-Konsulat suchte. Nach einer Nacht stellte er sich der Polizei.

Viele Details des Falles sind bis heute unklar, doch der Prozess wird wenig Neues zutage fördern. Die Partei will den peinlichen Skandal ohne neue Enthüllungen beenden. Über das Urteil dürfte bereits auf höchster Ebene entschieden sein, doch um den Schein eines rechtsstaatlichen Verfahrens zu wahren, wird es wohl erst in einigen Tagen verkündet werden.

Bernhard Bartsch | 18. September 2012 um 03:02 Uhr

 

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