Bernhard Bartsch

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Korrekt korrupt

China spielt Pressefreiheit: Mit einer Kampagne gegen bestechliche Journalisten wollen die Staatsmedien ihr Image aufpolieren.

Um die Glaubwürdigkeit der chinesischen Medien steht es nicht zum Besten. Wann immer sich Journalisten an politisch sensible Themen wagen, ist der Zensor zur Stelle und „harmonisiert“, wie es im Propagandachinesisch heißt. Die Wirklichkeitskosmetik ist kein Geheimnis, doch um von den großen Verzerrungen der Pressefreiheit abzulenken, werden kleine Verfehlungen umso härter bestraft. Mit lautem Trommelwirbel präsentierte Chinas Presseamt deshalb seinen neuesten Bericht zur journalistischen Flurbereinigung: 76 Beschwerden wegen Bestechlichkeit oder Erpressung seien im Jahr 2009 eingegangen, erklärte Behörden-Vizechefin Li Dongdong. In mehr als zwanzig Fällen seien die beschuldigten Journalisten zu Haftstrafen verurteilt worden. Details über Geld und Gründe nannte Li nicht, die politische Botschaft war schließlich auch ohne eindeutig: Wahrheitsmanipulation ist in China kein Kavaliersdelikt.

Zwar wurde in China im vergangenen Jahr tatsächlich eine Reihe von Fällen, bekannt, in denen Journalisten ihren Presseausweis wie eine Bankkarte benutzten: Sie ließen sich von Bergwerksbetreibern dafür bezahlen, dass sie nicht über Sicherheitsprobleme berichteten – ein Trick, mit dem man in China bei hunderten Minen abkassieren kann. Doch wäre es dem Presseamt mit seiner Kampagne gegen käufliche Medien tatsächlich ernst, müsste es etwa auch gegen die gängige Praxis vorgehen, dass Journalisten in China in der Regel nur an Pressekonferenzen teilnehmen, wenn die Veranstalter ein als „Fahrgeld“ deklariertes Honorar bezahlen. In vielen Verlagen macht dies einen großen Teil der Redakteursgehälter aus, und nur wenige von Chinas 2000 Zeitungen und 10.000 Magazinen untersagen ihren Angestellten effektiv, „Fahrgeld“ anzunehmen.

Dem Presseamt geht es jedoch weniger um Geld als um Gehorsam. Die Existenz von schwarzen Schafen dient als Vorwand, um die Kontrolle über die Medien zu erhöhen. Kürzlich erklärte Vizedirektorin Li, angehende Journalisten müssten sich künftig einer neuen Prüfung unterziehen. „Wer sich nicht mit der Geschichte des Journalismus der Kommunistischen Partei Chinas oder der Marxistischen Nachrichtentheorie und Medienethik auskennt, kann den Test nicht bestehen“, warnte Li. Außerdem soll eine zentrale Datenbank bald alle 230.000 chinesischen Redakteure erfassen, damit Beamte im ganzen Land schnell nachvollziehen können, ob Journalisten tatsächlich zum staatlichen Pressesystem gehören oder etwa für inoffizielle Internetmedien arbeiten. Denn die Recherchen kritischer Blogger sind für die Glaubwürdigkeit des chinesischen Nachrichtenapparats eine weitaus größere Bedrohung als die etwa zwanzig inhaftierten Auftragsschreiber – weshalb die Zahl derer, die in China im Gefängnis sitzen, weil sie nicht von der Wahrheit lassen konnten, auch weitaus größer ist.

Bernhard Bartsch | 08. April 2010 um 17:05 Uhr

 

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