Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Koreanisches Theater

Vor 60 Jahren brach der Koreakrieg aus – und ist bis heute nicht beendet. Ein Besuch bei den US-Soldaten, die den Waffenstillstand am 38. Breitengrad sichern.

Das „Affenhaus“ bleibt heute leer. Die Spitzengardinen hinter den Fenstern der grauen Baracke sind zugezogen, die Türen versperrt ein Kettenschloss. „Manchmal schleichen sich die Nordkoreaner dort hinein und reißen plötzlich die Vorhänge auf, um uns den Vogel oder den Mittelfinger zu zeigen“, erklärt Sean Howard. „Aber wir ignorieren sie. Das hier ist kein Ort für Albereien: Jede Provokation könnte zu einem militärischen Zwischenfall führen.“

Howard trägt einen hellen Anzug in Tarnfarben, Springerstiefel, eine Pistole am Gürtel und Abzeichen, die ihn als Private First Class ausweisen, als Obergefreiten. Eine tiefschwarze Sonnenbrille verhindert jeden Blickkontakt. „Wir wollen mit unseren Feinden kein Augenstechen spielen“, sagt der Soldat und meint das Spiel, bei dem zwei sich anstarren, bis einer blinzelt.

Howard diente im Irak, bevor die US-Armee ihn ins „Korean theater“ schickte, wie das Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea im US-amerikanischen Militärjargon heißt. 28.500 US-Soldaten sind auf der Halbinsel stationiert, doch an vorderster Front steht nur ein kleines Bataillon, das den Frieden in der sogenannten Gemeinsamen Sicherheitszone der Vereinten Nationen gewährleisten soll: Sechs Militärbaracken aus Fertigteilen, genau über dem Grenzstreifen platziert, sollen im Ernstfall als Räume für Krisengespräche bereitstehen.

„Die Gebäude wurden 1953 errichtet, um den Waffenstillstand des Koreakriegs auszuhandeln“, erklärt Howard. „Sie sind bis heute mit T für ,temporär gekennzeichnet. Damals dachte man, dass dem Ende der Kampfhandlungen bald ein Friedensvertrag folgen würde.“ Stattdessen geht der Konflikt im Korean theater an diesem Freitag in sein siebtes Jahrzehnt. „Theater“, das heißt im militärischen Englisch Kriegsschauplatz. Aber es heißt eben auch Theater.

Die kleine UN-Sicherheitszone, gut einen halben Quadratkilometer groß, ist der einzige Ort entlang der 250 Kilometer langen Grenze, an dem sich Soldaten beider Seiten unmittelbar gegenüberstehen. Die Koreaner nennen ihn bis heute Panmunjom – so hieß das Dorf, das hier einst zwischen die Fronten geriet. Wo früher Bauern Reis und Gemüse anpflanzten und in die 50 Kilometer südlich gelegene Metropole Seoul verkauften, spielt sich heute en miniature der große Konflikt ab, dessen teils grausame, teils bizarre Episoden seit 60 Jahren das Leben der insgesamt 75 Millionen Koreaner bestimmt.

„Auf den ersten Blick mag es einem hier friedlich erscheinen“, sagt Lieutenant Colonel John Rhodes, der Kommandeur des Sicherheitsbataillons, beim Rundgang über Camp Bonifas. Hier sind 500 US-amerikanische und südkoreanische Bewacher gemeinsam stationiert. Neben den Wohn- und Bürobauten stehen ein Laden, ein Internetcafé, eine Kirche. Es gibt Baseball- und Basketball-Plätze und einen Ein-Loch-Golfplatz, den Rhodes stolz die „gefährlichste Golfanlage der Welt“ nennt. „Man darf sich nicht täuschen lassen: Die Nordkoreaner sind unberechenbar und können jederzeit etwas sehr Dummes tun“, erklärt er.

Der Komandeur erinnert damit an den Abschuss des südkoreanischen Kriegsschiffs Cheonan Ende März. Dabei starben 46 südkoreanische Matrosen. „Es war der schwerste Zwischenfall seit Ende des Koreakriegs“, betont Rhodes. „Das ist eben typisch für Nordkorea: Jahrelang passiert nichts, aber dann schlagen sie zu – und unser Job ist es, darauf vorbereitet zu sein.“

Auf Regierungsebene hat der Cheonan-Zwischenfall zu einer Eiszeit geführt – und zum endgültigen Ende der „Sonnenscheinpolitik“, in die Koreaner auf beiden Seiten zehn Jahre lang ihre Hoffnung auf eine Annäherung setzten. Ende Mai kappte Seoul fast alle Handelsverbindungen mit dem Norden und kündigte demonstrative Marine-Manöver an. Pjöngjang soll im Gegenzug im Mai erneut Nuklearexperimente durchgeführt haben, wie südkoreanische Wissenschaftler aus Luftproben von der Grenze schließen. Nun droht Nordkorea gar mit einem „totalen Krieg“.

Doch obwohl politisch scharf geschossen wird, herrscht im Waffenstillstandsdorf Panmunjom weiter eiserne Ruhe. „Es gibt keine Zeichen für eine Mobilmachung des Nordens“, sagt Rhodes. Ein striktes Protokoll regelt den Alltag. Auf ihren Patrouillengängen notieren die Soldaten penibel alle Vorkommnisse auf der anderen Seite. Je weniger es sind, umso größere Bedeutung messen sie jedem einzelnen zu. Zum eigenen Schutz tragen die Soldaten nur leichte Handfeuerwaffen.

Einmal am Tag überprüfen die Soldaten, ob das Krisentelefon zu den Nordkoreanern intakt ist. In normalen Zeiten heben die Nordkoreaner den Hörer ab und legen gleich wieder auf – ohne ein Wort zu sprechen. In schlechten Zeiten lassen sie es klingeln. Dann greift sich der UN-Kommandeur ein Megaphon, eilt zusammen mit einem Übersetzer an die Grenzlinie und ruft den nordkoreanischen Wachposten zu, doch bitte ans Telefon gehen zu gehen, wenn´s läutet. „Manchmal geht das tagelang so“, erklärt Rhodes. Er will nicht sagen, wie die Kommunikation derzeit so läuft im Korean theater.

Obwohl Nordkoreas Volksarmee mit 1,2 Millionen Soldaten fast doppelt so groß ist wie die Streitkräfte im Süden, wäre sie deren technischer Übermacht im Kriegsfall kaum gewachsen. Weil aber ein Drittel der Südkoreaner innerhalb der Reichweite von nordkoreanischen Kurzstreckenraketen lebt, stellt der rückständige Norden für den entwickelten Süden eine ernste Bedrohung dar. „Kim Jong Il könnte den Süden nie besiegen, aber er könnte große Zerstörung anrichten“, sagt der 78-jährige südkoreanische Friedensaktivist und Koreakriegsveteran Kim Sang Hun. „Die junge Generation kann sich heute zwar nicht mehr vorstellen, dass es noch einmal einen Krieg geben könnte, aber für die Älteren unter uns ist er immer noch präsent.“

Der Krieg: Das ist für die Koreaner ein zutiefst prägendes Moment ihrer Identität. Immer wieder bemächtigten sich die regionalen Großmächte der strategisch wichtigen Halbinsel. Die Eigenheiten ihrer Bewohner interessierten sie wenig – bis heute betrachten viele Chinesen und Japaner Korea als schlechte Kopie ihrer jeweils eigenen Kultur.

Koreas letzte Phase echter nationaler Selbstständigkeit liegt inzwischen über hundert Jahre zurück: Anfang des 20. Jahrhunderts kolonialisierten die Japaner die Halbinsel, in der Hoffnung, sie als Brückenkopf für die Eroberung Chinas zu nutzen. Nachdem Tokios Träume einer „Großasiatischen Wohlstandssphäre“ 1945 in den Trümmern von Hiroshima und Nagasaki untergegangen waren, beschlossen die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs in Potsdam die Teilung der Halbinsel: Nördlich des 38. Breitengrades übernahmen die Sowjets die Kontrolle, südlich davon die US-Amerikaner. „Niemand hätte gedacht, dass der 38. Breitengrad eine permanente Trennungslinie werden könnte“, sagt der Politologe Andrei Lankov von der Kookmin-Universität in Seoul.

Doch ausgerechnet ein Wiedervereinigungsversuch zementierte die Teilung: Am 25. Juni 1950, heute vor 60 Jahren, startete die von Moskau installierte nordkoreanische Regierung des Revolutionsführers Kim Il Sung einen Überraschungsangriff und drängte die südkoreanischen und amerikanischen Truppen zunächst bis auf die Südspitze der Halbinsel zurück. Doch die USA konterten an der Spitze einer internationalen Allianz, gegen die sich die Nordkoreaner nur mit massiver Unterstützung Chinas erwehren konnten. Drei Jahre und schätzungsweise drei Millionen Tote später standen beide Seiten wieder dort, wo sie angefangen hatten: am 38. Breitengrad.

Am 27. Juli 1953 unterzeichneten beide Seiten in Panmunjom einen Waffenstillstandsvertrag. Dass die innerkoreanische Grenze seitdem die am schärfsten bewachte und am wenigsten durchlässige auf dem Globus ist, legte die Grundlage für die unterschiedlichen Entwicklungen der beiden Koreas: Während der Norden heute isoliert und eines der ärmsten Länder der Welt ist, wuchs Südkorea zu einer wohlhabenden Industrienation heran. Die Amerikaner engagierten sich in Südkorea keineswegs als Förderer der Demokratie. „Die USA hatten nur ihre regionalen Machtinteressen im Kopf und arbeiteten bereitwillig mit Südkoreas Militärdiktatoren“, sagt Aktivist Kim. „Unsere Demokratie haben wir uns selbst erkämpft.“

Obwohl die USA in Südkorea nicht sonderlich beliebt sind und es in den vergangenen Jahren immer wieder antiamerikanische Proteste gab, erkennt die Mehrheit der Südkoreaner an, dass sie der US-Präsenz einen großen Teil ihres Fortschritts verdanken. „Ohne die USA wäre Südkorea nicht so sicher und modern“, sagt Kim. Auch in Washington sieht man Korea als Beweis dafür, dass die Welt Amerikas militärisches Engagement braucht. Wenn den Amerikanern im Nahen Osten vorgeworfen wird, Stabilität eher zu zerstören als zu schaffen, so verweisen sie auf Ostasien, wo sie seit 57 Jahren ein Wiederaufflammen des Koreakriegs verhindern.

„Es geht um viel mehr als um die koreanische Halbinsel“, sagt Rhodes bei Burger und Tacos in der Kantine. Hinter der Theke hängen Fotos von US-Prominenten, die zur Hebung der Truppenmoral auf Besuch waren, zuletzt Countrysänger Toby Keith und die Dallas Cowboys Cheerleaders. Auf einem großen Bildschirm läuft ein Zeichentrickfilm. Neben dem Billardtisch liegen Stapel mit Flugblättern zum Umgang mit Gefechtsstress oder sexueller Belästigung. „Wenn es hier zu einem Zusammenstoß kommt, beeinträchtigt das die Stabilität in der ganzen Region“, erklärt Rhodes, „China, Russland, Japan – alle mischen in diesem Konflikt mit.“

Dass der Vorhang fällt im Korean theater, ist in der gegenwärtigen Lage nicht zu erwarten. Für einen Abzug der US-Truppen gibt es keine Pläne, auch wenn das Kommando im Kriegsfall ab 2012 der koreanische Generalstab führen soll. „Wir sind auf Bleiben eingestellt“, sagt Rhodes. Für ihn selbst geht es Ende des Jahres weiter: Zu seinem dritten Irak-Einsatz. Glücklich ist er darüber nicht. „Eigentlich hatte ich auf Afghanistan gehofft“, erklärt er. „Im Irak bilden wir vor allem irakische Truppen aus, aber in Afghanistan gibt es richtige Kampfeinsätze – und das ist es doch, wofür wir eigentlich in diesem Job sind.“

Bernhard Bartsch | 25. Juni 2010 um 02:35 Uhr

 

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