Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Koreanisches Poker

Kim Jong-il reizt – und weiß, dass seine Aggression bisher immer belohnt worden ist.

Nordkoreas Diktator Kim Jong-il hat eine eigenwillige Art, der Welt Verhandlungen anzubieten. Erst führte er US-Wissenschaftlern eine neue Nuklearfabrik vor, die zur Herstellung von atomwaffenfähigem Uran verwendet werden könnte – eine offene Aufrüstungsdrohung. Nun ließ er auch noch unvermittelt Granaten auf eine südkoreanische Insel schießen – eine unverhohlene Warnung, dass er zu Gewalt bereit ist, wenn er nicht bekommt, was er will.

In anderen Ländern würden derartige Provokationen wohl Sanktionen und womöglich militärische Vergeltungsschläge hervorrufen. Doch in Nordkorea ist Aggression bisher letztlich immer belohnt worden – und es steht zu erwarten, dass es Pjöngjang auch diesmal gelingen wird, dem Ausland politische Zugeständnisse und wirtschaftliche Unterstützung abzuringen.

Seit Nordkoreas zweitem Atombombentest im Mai 2009 sind alle Bemühungen zur Wiederaufnahme der Sechs-Parteien-Gespräche zwischen den beiden Koreas, den USA, China, Japan und Russland gescheitert. Vor allem die Positionen Pjöngjangs und Washingtons scheinen unvereinbar: Die Amerikaner wollen erst an den Verhandlungstisch zurückkehren, wenn Nordkorea sein Nuklearprogramm eingestellt hat, doch genau dafür wollen die Nordkoreaner Gegenleistungen bekommen, darunter die Aufhebung der Uno-Sanktionen und Hilfslieferungen – das alte Spiel.

Zwar haben die USA angekündigt, sich diesmal nicht erpressen lassen zu wollen. Doch je aggressiver Nordkorea auftritt, umso mehr gerät Washington unter Druck, seine harte Position aufzugeben. Vor allem die Südkoreaner, aber auch die Japaner haben Angst vor einer weiteren atomaren Aufrüstung des Kim-Regimes, und auch den Amerikanern graust davor, dass Pjöngjang sein Nuklearwaffenarsenal vergrößern und verbessern könnte. Allerdings gibt es nur zwei Möglichkeiten, dies zu verhindern. Die eine Strategie bestünde darin, den Kollaps des Systems herbeizuführen, entweder militärisch oder durch eine wirtschaftliche Totalblockade, bis die Nordkoreaner vor lauter Elend gegen ihre Tyrannen aufbegehren. Doch ganz abgesehen von den Erfolgsaussichten solcher Unterfangen hat an einem Zusammenbruch Nordkoreas keine Seite ein Interesse: Die Südkoreaner fürchten sich vor einer teuren Wiedervereinigung, die Chinesen wollen Nordkorea als exklusive wirtschaftliche Einflusszone behalten und sowohl die USA, China als auch Russland sehen in dem Land einen willkommenen Pufferstaat zwischen ihren jeweiligen Einflusszonen. Die andere Strategie wäre die erneute Einbindung Nordkoreas. Zwar dürfte keine der beteiligten Parteien mehr so naiv sein, ernsthaft auf eine völlige Denuklearisierung Nordkoreas zu hoffen. Doch Pjöngjangs Aufrüstungstempo und Aggressivität sind allemal leichter zu kontrollieren, wenn die Kims nicht auf Konfrontationskurs sind, sondern sich von Verhandlungen Vorteile erhoffen können. So war es in der Vergangenheit. Und so wird es auch in Zukunft wieder sein.

Bernhard Bartsch | 23. November 2010 um 16:15 Uhr

 

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