Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Koreanisches Patt

Nordkorea ist auf dem Weg, ein Atomstaat mit einsatzfähigen Sprengköpfen zu werden. Nur eine Allianz zwischen Washington und Peking kann Pjöngjang stoppen.

Nordkorea demonstriert der Weltgemeinschaft wieder einmal die Grenzen ihrer Macht: Mit seinem dritten Atombombentest ignoriert Pjöngjang nicht nur die Forderungen der Vereinten Nationen, sein Nuklearprogramm einzustellen, sondern zeigt auch, dass die langjährigen Sanktionen die Aufrüstung nicht verhindern können. Und das, obwohl Nordkorea einer der ärmsten und isoliertesten Staaten der Erde ist.

Auch wenn noch wenig Details bekannt sind, scheint Nordkorea auf dem besten Wege, eine Nuklearmacht mit einsatzfähigen Waffen zu werden. Wenn Pjöngjangs Atomphysiker weiter entwickeln dürfen wie bisher, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie Sprengköpfe bauen können, die sich auf eine Rakete montieren lassen. Einen Interkontinentalflugkörper, der mehr als 10.000 Kilometer weit fliegen kann und sowohl die USA als auch weite Teile Asiens und Europas beschießen könnte, hatte Nordkorea bereits im Dezember erfolgreich getestet.

Warum lässt sich Pjöngjang nicht stoppen? Wie verfahren die Lage ist, zeigt sich, wenn man den nordkoreanischen Nuklearkonflikt mit dem andern großen Atomstreit vergleicht, der aktuell die internationale Politik beschäftigt: Die Aussicht, der Iran könne in den Besitz von Kernwaffen kommen, droht seit Jahren, den Nahen Osten in einen neuen Krieg zu stürzen. Israel denkt laut und Amerika leise über präventive Militärschläge nach. Nordkorea dagegen kann seit Jahren an seinem Atomprogramm arbeiten, ohne militärische Konsequenzen fürchten zu müssen.

Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen fühlt sich derzeit niemand von Nordkoreas Bomben akut bedroht. Zwar schickt Pjöngjang regelmäßig martialische Warnungen Richtung Seoul, Washington und Tokio. Doch nur wenige Strategen halten das Regime für selbstmörderisch genug, um seine Drohungen tatsächlich wahr zu machen. Einem amerikanischen Gegenangriff wäre das nordkoreanische Militär schließlich niemals gewachsen. Pjöngjangs Atomwaffenarsenal erscheint daher vor allem als Verhandlungschip, mit dem das Regime ausländische Einmischung verhindern und Hilfslieferungen erzwingen kann.

Zum anderen findet in Nordkorea ein Stellvertreterkonflikt der Großmächte USA, China und Russland statt. In eine militärische Konfrontation könnten leicht alle drei Länder verwickelt werden. Die Strategen in Washington, Peking und Moskau schrecken davor – völlig zurecht – zurück. Ohne Nordkorea als Pufferstaat würden sich auf der koreanischen Halbinsel die Armeen der großen Rivalen direkt gegenüber stehen. Der Status quo ist deshalb für alle Parteien das geringste Übel.

Die entscheidende Frage ist, ob Nordkoreas aggressive Aufrüstung an diesem diffizilen Mächtegleichgewicht etwas ändert. In Pjöngjang hofft man offenbar, dass es auch nach dem dritten Atomtest so kommen wird wie nach dem ersten und zweiten: Aus Angst vor einer unkontrollierbaren Eskalation kommen die Nachbarn über kurz oder lang an den Verhandlungstisch und versuchen, Nordkorea mit Hilfslieferungen Zugeständnisse abzukaufen. Pjöngjang spielt dabei mit, solange es ihm passt, und provoziert dann weiter.

Dieser Teufelskreis ließe sich jedoch brechen, wenn die Mächte der Region, allen voran China und die USA, zu dem Schluss kämen, dass die Bedrohung eines nuklearbewaffneten Nordkoreas außer Kontrolle gerät. Wenn Peking und Washington nicht um Pjöngjangs Willen in einen Konflikt hineingezogen werden wollen, dürfen sie sich nicht mehr gegeneinander ausspielen und aufhetzen lassen – sondern müssen endlich gemeinsame Sache machen.

Bernhard Bartsch | 12. Februar 2013 um 17:34 Uhr

 

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