Bernhard Bartsch

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Koreanische Fußball-Diplomatie

Militärisches Foul, politischer Elfmeter: Nordkoreas erste WM-Teilnahme seit 44 Jahren wird zum diplomatischen Duell zwischen Seoul und Pjöngjang.

Das Runde muss ins Eckige – vor diesem Gesetz sind alle Fußballer gleich. Doch wenige Wochen bevor Nordkoreas Kicker zum ersten Mal seit 44 Jahren bei einer Weltmeisterschaft den Ball im gegnerischen Tor versenken könnten, bereitet ihren Landsleuten ein anderes Rechteck Probleme: Bisher ist unklar, wie das südafrikanische Fußballfest ins nordkoreanische Fernsehen kommen soll.

Denn Nordkoreas WM-Teilnahme ist Teil des politischen Dauerduells zwischen Pjöngjang und Seoul geworden. Ob Fernsehübertragung, Trainingslager oder Fanblock – auf allen Positionen wird derzeit diplomatisch gedribbelt. Begonnen hat die Partie mit einem militärischen Foul der Nordkoreaner: Ende März sank nahe der umstrittenen Seegrenze das südkoreanische Patrouilleschiff „Cheonan“ mit 46 Matrosen an Bord – abgeschossen von einem nordkoreanischen Torpedo, wie man in Seoul fest überzeugt ist. Zwar riss Pjöngjang mit Unschuldsmine die Hände in die Höhe, doch seitdem sucht man in Südkorea auf einer Kontermöglichkeit und startet nun zum Gegenangriff an der Fußballflanke: Laut Vertrag mit der Fifa liegen die Übertragungsrechte für die gesamte koreanische Halbinsel bei dem südkoreanischen Privatsender SBS. Bei der letzten Weltmeisterschaft gab SBS die Spiele umsonst an Nordkorea weiter. Südkoreas Regierung, die allen Übermittlungen von Rundfunksignalen in den Norden zustimmen muss, unterstützte das Übertragungsgeschenk und übernahm sogar die Datentransferkosten von 132.500 US-Dollar.

Aber diesmal spielt Südkorea mit einen neuen System. „Angesichts der jüngsten Provokationen gegen den Süden, vertritt die Regierung die Position, dass der Norden einen angemessenen Preis bezahlen muss“, heißt es im Wiedervereinigungsministerium. Auch SBS-Vizedirektor Yang Chul-hoon sagt: „Unsere Linie heißt: Keine kostenlose Übertragung“. Selbst wenn die Regierung den innerkoreanische Übertragungs-Abspiel doch noch genehmigen sollte, will Yang eine Gegenleistung verlangen: SBS-Reporter sollen sich während der WM frei in Nordkorea bewegen können, um die Reaktionen der Fans einzufangen – offensichtlich ein Versuch, hinter die Kulissen des abgeschotteten Landes zu schauen.

Südkoreas politisches Tackling erwischt Nordkorea auf dem falschen Fuß. Eigentlich wollte Pjöngjangs die WM für eine Propagandaoffensive nutzen, die dem in Armut lebenden Volk demonstrieren soll, dass Nordkorea in der Welt Ruhm und Respekt genießt. Seit Monaten beschwört die Staatspresse den Mythos von 1966, als Nordkorea das Viertelfinale erreichte und auf dem Weg dorthin Italien besiegte. Doch um den neuerlichen WM-Auftritt angemessen in Szene zu setzen, braucht das verarmte Land ausländische Unterstützung – und hatte dabei auf Seoul gesetzt. „Nordkorea hat Probleme, genügend Geld für die notwendigen Gerät aufzutreiben, um vor Ort berichten und Filme schneiden zu können“, sagte ein südkoreanischer Regierungssprecher. „Deshalb haben sie um unsere Hilfe gebeten.“ Doch nach der „Cheonan“-Tragödie hat Seoul kein Interesse mehr, Nordkoreas Journalisten zu sponsorn.

Südkorea ist nicht die einzige Flanke, von der Nordkoreas WM-Ambitionen unter Druck geraten. Auch das Trainingslager ist umstritten. Seit vergangener Woche bringen sich die Nordkoreaner im Schweizer Bergort Anzère in Form, bevor sie Ende Mai in Simbabwes Hauptstadt Harare ihr Lager aufschlagen wollen. Gegner von Präsident Robert Mugabe haben dort bereits Proteste angekündigt, denn den alten Potentaten und Nordkoreas Herrscher verbindet eine unheilvolle Freundschaft. Mitte der Achtziger schickte Pjöngjang nordkoreanische Soldaten nach Simbabwe, um Mugabes Truppen auszubilden, die wenig später gegen interne Widersacher eingesetzt wurden. 20.000 Menschen sollen bei der Unterdrückungskampagne getötet worden sein.

Nichtsdestotrotz hat Nordkoreas Nationaltrainer Kim Jong-hun seinen Landsleuten einen „großen Erfolg“ versprochen. Auch der Star des nordkoreanischen Teams, der in Japan spielende Jong Tae-se, gab sich kürzlich in einem Interview kämpferisch. „Mental und physisch sind wir jedem anderen Team in Asien überlegen“, sagte der Stürmer, der auch in Südkorea beliebt ist und dort sogar in Fernsehwerbungen auftritt. „Unser Team arbeitet sehr hart.“ Da Nordkorea in der Gruppenphase gegen Brasilien, Portugal und die Elfenbeinküste antreten muss, ist ein Weiterkommen aber unwahrscheinlich.

Sicher ist: Die Nordkoreaner können in Südafrika kaum auf Motivation von den Rängen hoffen. Außer einigen Apparatschiks werden bei der WM kaum nordkoreanische Fans dabei sein. Möglicherweise wird Pjöngjang aber die rund tausend nordkoreanischen Arbeiter ins Stadion schicken, die den Südafrikanern seit einigen Monaten bei der Fertigstellung ihrer Stadien helfen und damit für ihr Vaterland Devisen erwirtschaften. Außerdem will der nordkoreanische Fußballverband Tickets an tausend chinesische Fans verteilen, damit diese ihr Bruderland anfeuern.

Die Chinesen könnten es auch sein, die auf der koreanischen Halbinsel letztlich die Entscheidung im Übertragungspoker herbeiführen – indem sie ihrerseits die Spiele nach Nordkorea übertragen. Ein sauberer Treffer wäre das nicht. Aber Hauptsache, das Runde kommt ins Eckige.

Bernhard Bartsch | 14. Mai 2010 um 14:28 Uhr

 

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