Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Konjunkturelle Tiefebene

Chinas Wirtschaft sendet widersprüchliche Signale. Zwar scheint die Volksrepublik die Talsohle erreicht haben, doch ein Aufschwung ist noch nicht in Sicht.

Keine Wirtschaftsmetapher wird derzeit so häufig verwendet wie die „Talsohle“. Das Bild suggeriert, hinter dem Tiefpunkt werde bald der nächste Anstieg beginnen. Doch Analogien sind keine Gesetzmäßigkeiten, und im Fall Chinas legen die Konjunkturdaten nahe, dass sich die Talsohle auch zur Tiefebene ausdehnen kann. Denn obwohl die Statistiken der Volksrepublik seit Wochen Hoffnungen nähren, die erste große Wirtschaftsmacht könne das Ende des Abschwungs erreicht haben, lässt sich bisher jede positive Meldung mit einer negativen aufwiegen. Ein Aufschwung ist noch nicht in Sicht.

Auch in den vergangenen Tagen warteten Chinas Staatsstatistiker mit gemischten Signalen auf: Einerseits stiegen die Einzelhandelsverkäufe und Investitionen, andererseits brachen Industrieproduktion und Exporte weiter ein. Die Hoffnungsschimmer stammen derzeit vor allem von den Auswirkungen des 460 Milliarden Euro schweren Konjunkturpakets, mit dem Peking die Wirtschaft zu beleben versucht. In den städtischen Räumen nahmen die Investitionen in den ersten vier Monaten um fast ein Drittel zu. Im Transportsektor, einem Schwerpunkt des staatlichen Investitionsplans, stiegen die Ausgaben sogar um 94,2 Prozent. Am Mittwoch beschloss das Kabinett, zusätzlich knapp sieben Milliarden Euro in den Technologiesektor zu investieren, insbesondere in die Bereiche Biotechnologie, Medizin, Luftfahrt, Kommunikation und alternative Energien. „Es ist wichtig, die Rolle von Technologie als Triebkraft des Wirtschaft zu stärken“, hieß es in einer offiziellen Stellungnahme.

Die Einzelhandelsumsätze stiegen im April um 14,8 Prozent und legen nahe, dass Pekings Bemühungen, den Konsum zu einer stärkeren Stütze der chinesischen Wirtschaft zu machen, Erfolge zeigen. „Die Schwäche des Binnenkonsums gegenüber Investitionen und Exporten ist eines der entscheidenden Strukturprobleme der chinesischen Wirtschaft“, erklärte Wang Tao, China-Analystin der UBS. „Die politischen Entscheidungen der letzten Zeit sind Schritte in die richtige Richtung, aber es braucht noch viel mehr.“

Doch die Zahlen in Sektoren, die nicht unmittelbar vom Staat unterstützt werden, sehen nach wie vor finster aus. Die Exporte brachen im April um 22,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein und schrumpften damit im sechsten Monat in Folge. „Die Zukunft der Weltwirtschaft bleibt ungewiss, und es ist schwierig, die Aussichten für Chinas Exporte optimistisch zu sehen“, erklärte Qu Jingmei vom staatlichen Informationszentrum. Die Importe sanken im Jahresvergleich um 23 Prozent. Chinas Industrieproduktion war im April sogar wieder schwächer als im Vormonat. Nachdem die Betriebe im März noch 8,3 Prozent mehr hergestellt hatten als im Vorjahr, waren es im April nur noch 7,3 Prozent.

Ob China damit sein Wachstumsziel von acht Prozent erreichen kann, ist unter Experten weiterhin umstritten. Im ersten Quartal lag Chinas Wachstum bei 6,1 Prozent und damit deutlich unter dem Mindestwert von acht Prozent, den die Pekinger Regierung für notwendig hält, um Massenarbeitslosigkeit zu vermeiden und die soziale Stabilität zu sichern. Nach offiziellen Schätzungen haben inzwischen 23 Millionen Wanderarbeiter ihren Job verloren. Zwar klingt ein Wachstum von sechs Prozent nach westlichen Standards noch immer nach einem gewaltigen Boom. Doch das Wirtschaftswachstum von Schwellenländern lässt sich nicht unmittelbar mit dem von Industrienationen vergleichen. Nach Angaben der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften hat China aufgrund seines niedrigen Entwicklungsstands und seiner Demographie ohnehin bereits ein Grundwachstum von fünf bis sechs Prozent. Nach dieser Rechungen steht auch China auf der Schwelle zur Rezession.

Bernhard Bartsch | 15. Mai 2009 um 02:28 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.