Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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König Kim III.

Die Herrschaft von Nordkoreas Kim-Clans geht in die dritte Generation. Das Land wird damit zur ersten kommunistischen Erbmonarchie.

William Shakespeare liebte Tyrannen, und das aus gutem Grund. Kein Stoff bescherte ihm verlässlichere Erfolge als Dramen über Herrscher zwischen Allmacht und Ohnmacht. In der Realität würde zwar niemand die Exzesse eines Macbeth oder Richard III. erleben wollen, aber auf der Bühne garantierten schlechte Regenten stets das bessere Theater.

Wenn die Weltöffentlichkeit derzeit wieder nach Nordkorea blickt, dann folgt auch sie vor allem der shakespearianischen Lust am Schauen und Schaudern. Der kränkelnde Diktator Kim Jong-il will diese Woche seine Arbeiterpartei zusammenrufen, um seinen jüngsten Sohn formell als Machterben zu installieren. Die Regentschaft des Kim-Clans soll damit in die dritte Generation gehen: 62 Jahre, nachdem Kim Il-sung mit Stalins Segen die Demokratische Volksrepublik Korea proklamierte, und 16 Jahre, nachdem sein Tod seinen Sohn Kim Jong-il zum Alleinherrscher machte, soll nun Kim Jong-un schrittweise die Staatsgeschäfte übernehmen. Nordkorea wird damit zur ersten kommunistischen Erbmonarchie.

Zwar ist über Kim III. bisher kaum mehr bekannt, als dass er knapp 30 Jahre alt und zeitweise in der Schweiz zu Schule gegangen sein soll. Trotzdem sind die Hoffnungen groß, dass er das Volk aus der familiären Geiselhaft entlassen und auf den Weg der Reformen führen könnte – spätestens nach dem Tod seines Vaters. Man kann sich schwer vorstellen, dass Kim Jong-un den Isolationismus seines Vaters noch Jahrzehnte fortführen will. Er dürfte sich kaum Illusionen darüber machen, dass Nordkorea heute nicht nur eines der ärmsten und verschlossensten Länder der Welt ist, sondern auch eines der meist verachteten, meist bemitleideten und meist verspotteten. Dabei hat der Staat die Vorraussetzungen für erfolgreiche Reformen: Seine Lage zwischen China, Russland und Südkorea ist strategisch günstig, es verfügt über eigene Rohstoffe, und die Weltgemeinschaft würde Nordkorea bereitwillig wirtschaftlich auf die Füße helfen, wenn sie damit das Problem einer unberechenbaren Atommacht lösen könnte.

Allerdings erbt Kim Junior ein Regime mit wenig Handlungsspielraum und schwindender Autorität. Sein Großvater Kim Il-sung regierte noch mit dem Charisma eines Revolutionshelden, der sich seine Position im Krieg gegen Japaner und Amerikaner erkämpft hatte und seinem Volk die Vision eines Neuanfangs nach sowjetischem Vorbild aufzeigen konnte. Zwar konnte Kim I. seine Versprechen nicht halten und sich nur durch Grausamkeit gegenüber seinen Widersachern an der Macht halten, doch seine Aura reichte aus, um in der Öffentlichkeit das Bild vom „Großen Führer“ aufrecht zu erhalten.

Kim Jong-il, versuchte die Ausstrahlung seines Vaters zu imitieren, indem er sich von der Staatspropaganda als „Geliebten Führer“ mit übermenschlichen Fähigkeiten inszenieren ließ: Bei seiner Geburt soll im tiefsten Winter der Frühling ausgebrochen sein, während des Studiums will er jeden Tag ein Buch geschrieben haben, und angeblich muss er nie die Toilette aufsuchen. In Wirklichkeit beruht die Herrschaft von Kim II. jedoch auf einem komplexen Machgeflecht, das nach dem alten Spiel von Zuckerbrot und Peitsche funktioniert. Die Familien der einflussreichen Fraktionen in Partei und Militär leben in einer abgeschlossenen Wohlstandssphäre, riskieren aber ihr Leben, wenn Zweifel an ihrer Loyalität aufkommen.

Auch Kim Jong-un dürfte in den kommenden Jahren propagandistisch verklärt werden, doch im Alltag herrscht er nur mit der Restautorität eines Revoluzzerenkels. Sein politisches Überleben hängt davon ab, dass der die Privilegien der Herrschaftselite sichern kann. Dabei dürfte es Kim III. zunehmend schwer fallen, seine Verbündeten zufrieden zu stellen. Denn je stärker Nordkorea international auf Konfrontationskurs geht, umso schwieriger kommt es an die nötigen Devisen. Und je mehr der interne und externe Druck auf das Regime zunimmt, umso mehr Mächtige dürften nach Alternativen zur Kim-Herrschaft suchen. Sollte das Regime stürzen, wird Kim Jong-un als erstes für die Schreckensherrschaft seiner Familie büßen müssen.

Nordkorea wird also weiter Stoff für Welttheater bieten – und Kim Jong-un hat das Potential für eine große Tragödienfigur. In Richard III. belegte Shakespeare seinen tyrannischen Protagonisten mit dem Fluch, seine Freunde für Verräter zu halten und seine Verräter für Freunde – und nie wieder ruhig zu schlafen. Kim III. könnte ein ähnliches Schicksal erleiden – außer er beweist die Größe, das üble Spiel seiner Väter zu beenden.

Bernhard Bartsch | 06. September 2010 um 01:08 Uhr

 

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