Bernhard Bartsch

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Konfuzius und die Clowns

Einen Tag vor der Nobelpreiszeremonie in Oslo vergibt China einen eigenen Friedenspreis. Geehrt wird Taiwans Chefunterhändler mit der Volksrepublik.

Als der Friedensnobelpreis 1936 dem inhaftierten deutschen Schriftsteller und Pazifisten Carl von Ossietzky zugesprochen wurde, der mit Enthüllungsberichten über die verbotene Aufrüstung der Reichswehr den Zorn der Nazis auf sich gezogen hatte, stiftete Adolf Hitler kurzerhand eine Gegenauszeichnung. „Um für alle Zukunft beschämenden Vorgängen vorzubeugen, verfüge ich mit dem heutigen Tage die Stiftung eines Deutschen Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft“, hieß es in einem Führererlass. „Die Annahme des Nobelpreises wird damit für alle Zukunft Deutschen untersagt.“ Als Preisgeld wurden 100.000 Reichsmark ausgelobt.

An diesem Freitag wird zum ersten Mal seit 1936 ein Friedensnobelpreisträger seine Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen können, weil er als Regimefeind im Gefängnis sitzt. Die Vergabe der Auszeichnung an den chinesischen Schriftsteller und Demokratieaktivisten Liu Xiaobo hat bei der Kommunistischer Partei gewaltige Verärgerung ausgelöst. Und auch in Peking ist nun eine alternative Ehrung ins Leben gerufen worden: der Konfuzius-Friedenspreis. Am Donnerstag, einen Tag vor der Zeremonie in Oslo, soll er dem taiwanesischen Altpolitiker Lien Chan zugesprochen werden, der als Unterhändler zwischen Peking und Taipeh fungiert. Das Preisgeld beträgt 100.000 Yuan.

Wer genau hinter der Auszeichnung steht, ist unklar. Der Jury-Vorsitzende Tan Changliu, Philosophieprofessor an der Peking Universität, erklärte, der Konfuzius-Friedenspreis werde von einer nichtstaatlichen Organisation vergeben, die allerdings eng mit dem Kulturministerium zusammenarbeite. Noch ist unklar, inwieweit in den chinesischen Medien über den Konfuzius-Preis berichtet werden wird. Bisher hat die Staatspresse die neue Auszeichnung nicht erwähnt. Für Donnerstag haben die Organisatoren allerdings eine Pressekonferenz im Gebäude der staatlichen Mediengruppe „Beijing Ribao“ angekündigt.

Die Idee für die Auszeichnung war vor drei Wochen erstmals in einem Gastbeitrag der englischsprachigen Pekinger Zeitung „Global Times“ aufgekommen. Das Nobelpreiskomitee habe einen „Kriminellen unterstützt“ und unterstütze damit eine antichinesische Kampagne des Westens, hieß es dort. „Die Gründung eines weltweiten Konfuzius-Preises wird von vielen Völkern begrüßt werden.“ Er solle „Westlern beibringen, ihren eigenen Geist zu kultivieren und Menschen mit anderen nationalen Werten und Lebensarten freundlich zu behandeln.“ Dem Autor Liu Zhiqin brachte der Text umgehend Ärger mit seinem Arbeitgeber ein: Liu ist China-Repräsentant der Schweizer Kantonalbank und unterschrieb den Text mit seiner offiziellen Jobtitel. In China wird ausländische Kritik an Chinakritikern ausgesprochen gerne sehen. In der Zürcher Zentrale der Schweizer Traditionsbank will man von den regelmäßigen antiwestlichen Zeitungsbeiträgen ihres Chinachefs nichts gewusst haben. Eine Sprecherin erklärte auf Anfrage dieser Zeitung: „Derartige Meinungsäußerungen werden nicht wieder vorkommen.“

In China scheint Liu für seine Idee allerdings einen Nerv getroffen zu haben. „China ist ein Symbol für den Frieden“, heißt es in der offiziellen Preisbeschreibung. Mit einer Bevölkerung von über einer Milliarde Menschen gebühre China „eine stärkere Stimme im Weltfrieden haben“ als das kleine Norwegen, dessen Entscheidungen „notgedrungen vorurteilsbelastet und fehlerhaft“ ausfallen müssten.

Der erste Preisträger, Taiwans ehemaliger Vizepräsident Lien Chan, ist aus chinesischer Sicht eine gute Wahl, weil er in den vergangenen Jahren mehrfach Verhandlungsdelegationen in die Volksrepublik geführt hat. Taiwan gilt in der Volksrepublik als abtrünnige Provinz und die Wiedervereinigung als eine Frage der nationalen Ehre. Der 74-Jährige hat seine Auszeichnung bisher noch nicht kommentiert. Weitere Kandidaten seien unter anderem Bill Gates, Nelson Mandela und der Panchen Lama gewesen. Letzterer gilt als zweitwichtigster tibetischer Religionsführer, ist unter den Tibetern aber äußerst umstritten, weil der 1995 vom Dalai Lama ausgewählte Inkarnation des Panchen Lama in China unter ungeklärten Umständen verschwand und von Peking mit einem anderen Jungen ersetzt wurde.

Chinas Regierung versucht derweil weiterhin, Druck auf die in- und ausländischen Anhänger des 54-Jährigen Nobelpreisträgers Liu Xiaobo auszuüben, der derzeit eine elfjährige Haftstrafe verbüßt, weil er als Mitinitiator des Demokratiemanifests Charta 08 zum “Umsturz der Staatsgewalt” aufgerufen habe. Chinas Außenministeriumssprecherin bezeichnete seine internationalen Unterstützer als „Clowns”. Chinas Diplomaten haben ausländische Botschaften in Oslo mit Verbalnoten aufgefordert, nicht an der Preiszeremonie teilzunehmen. Nach Angaben des Nobelkomitees haben 44 der 65 in Norwegen vertretenen Länder die Einladung angenommen. Absagen kamen neben China aus Russland, Kasachstan, Kolumbien, Tunesien, Saudi Arabien, Pakistan, Serbien, Irak, Iran, Vietnam, Afghanistan, Venezuela, den Philippinen, Ägypten, Sudan, Ukraine, Kuba und Marokko. Keine Rückmeldung kam bisher von Algerien und Sri Lanka.
In Chinas stehen seit der Preisbekanntgabe am 8. Oktober zahlreiche prominente Regimekritiker unter Überwachung oder Hausarrest, darunter auch Lius Frau, Liu Xia. Mehrere Unangepasste wurden in den vergangenen Wochen daran gehindert, das Land zu verlassen, darunter der Künstler Ai Weiwei und Lius Anwalt Mo Shaoping. So soll ihre Teilnahme an der Zeremonie in Oslo verhindert werden.

Bernhard Bartsch | 09. Dezember 2010 um 03:56 Uhr

 

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