Bernhard Bartsch

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Kommunistische Stiefbrüder

China gilt als Nordkoreas einziger Verbündeter. Doch die sozialistische Brudertreue ist erfüllt von Misstrauen.

Nordkorea und China seien wie „Lippen und Zähne“, beschrieb einst Mao Zedong die Beziehung der kommunistischen Bruderstaaten. Heute scheint es jedoch eher, als beiße sich China mit den Zähnen auf die Lippen: So sehr beide Länder auch nach außen ihre Freundschaft beschwören, so sehr ist das Verhältnis von wachsendem Misstrauen geprägt.

Zwar ist Pekings Regierung die einzige Macht, in der Pjöngjangs isoliertes Regime so etwas wie einen Verbündeten hat. Doch die Allianz ist eine Zweckehe, die auf realpolitischem Kalkül beruht. Auf der einen Seite braucht Nordkorea Chinas wirtschaftliche Hilfe und diplomatische Rückendeckung, ohne die das tyrannische Regime dem internationalen und internen Druck kaum standhalten könnte. Auf der anderen Seite dient Nordkorea den Chinesen als Puffer zu den Truppen der USA in Südkorea und als exklusive geostrategische Einflusszone. Obwohl die Chinesen Kims Gebaren, insbesondere das umstrittene Atomprogramm und die Provokationen gegenüber Südkorea, als Belastung empfinden, dient der Status quo auf der koreanischen Halbinsel ihren Interessen besser als jedes andere Szenario, etwa ein Zusammenbruch Nordkoreas oder eine Wiedervereinigung mit dem Süden.

Historisch ist das Verhältnis von Chinesen und Koreanern von gemischten Gefühlen geprägt: Engem wirtschaftlichen Austausch, großer kultureller Prägung und gelegentlicher politischer Einflussnahme, insbesondere durch die Chinesen, stand stets auch ein scharfes Abgrenzungsbedürfnis gegenüber. Der heutige Zusammenhalt der Nachbarn hat seine Wurzeln in der Ausbreitung des Kommunismus in Ostasien und vor allem dem Korea-Krieg. Als Kim Il-sung Anfang 1950 mit Stalins Unterstützung die militärische Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel plante, lehnte Mao eine Beteiligung zunächst ab. Nach einem jahrelangen Bürgerkrieg, der erst unlängst, im Oktober 1949, mit der Gründung der Volksrepublik zuende gegangen war, hatte andere Prioritäten. Doch da er den wenige hundert Kilometer von seiner Hauptstadt entfernt tobenden Krieg nicht ignorieren konnte, griff er drei Monate nach Kriegsbeginn doch in den Konflikt ein und schickte über 400.000 Soldaten. Der Krieg wurde unter dem Slogan „Korea unterstützen, Amerika bekämpfen“ zu einem Symbol des erfolgreichen Widerstands gegen die USA und ihre Alliierten stilisiert. Trotz des politischen Sieges endete der Krieg für Mao in einer persönlichen Tragödie: Sein ältester Sohn Mao Anying fiel bei einem amerikanischen Bombenangriff.

Nach dem Waffenstillstand im Jahr 1953 unterstützten die Chinesen Nordkorea beim Wiederaufbau, auch wenn Pjöngjangs Treue in erster Linie Moskau und nicht Peking galt. 1961 unterzeichneten beide Länder einen Vertrag für Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung. In dem bis heute geltenden Abkommen verpflichten sich beide Staaten, einander im Fall eines Angriffs militärisch zur Seite zu stehen. Mit Chinas Öffnung zum Westen Anfang der Siebziger begann sich das Verhältnis deutlich abzukühlen. Nordkoreas Erzfeinde, die USA und Südkorea, wurden für die Volksrepublik zu wichtigen Wirtschaftspartnern. Dass Peking 1992 offiziell diplomatische Beziehungen zu Seoul aufnahm, wurde in Pjöngjang als Verrat gewertet. Allerdings war China zu diesem Zeitpunkt, drei Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, das letzte Land, das Nordkorea vor einer völligen Isolation bewahren konnte.

So wurde Nordkorea für die Chinesen zu einem exklusiven Einflussbereich, zumindest wirtschaftlich. Heute ist die Volksrepublik Nordkoreas mit Abstand größter Wirtschaftspartner. Rund drei Viertel seines internationalen Warenverkehrs wickelt Nordkorea mit seinem großen Nachbarn ab. Chinesischen Zollstatistiken zufolge, liegen Chinas Exporte dabei weit über den Importen. 2009 betrug das Handelsvolumen 2,7 Milliarden Dollar, wovon Chinas Warenlieferungen nach Nordkorea, darunter 520.000 Tonnen Rohöl, 51.000 Tonnen Benzin und Lebensmittel, gut 1,9 Milliarden Dollar ausmachten. Dies war ein Rückgang von vier Prozent gegenüber 2008. Die Importe aus Nordkorea, vor allem Mineralien, Kohle und Meeresfrüchte, hatten dagegen einen Wert von 793 Millionen Dollar und lagen damit 4,3 Prozent über dem Vorjahr. Die Vollständigkeit der Statistiken ist jedoch umstritten. Zahlreichen Berichten wird entlang der 1400 Kilometer langen Grenze in großem Maßstab geschmuggelt. Unklar ist auch, welche Rolle die Chinesen in Nordkoreas Binnenwirtschaft spielen. Experten gehen davon aus, dass ein Großteil der Rohstoffe von China kontrolliert wird. Medienberichten zufolge soll China außerdem mindestens einen nordkoreanischen Hafen, in Rajin, betreiben und Industriezonen aufbauen.

Allerdings geht mit Chinas wirtschaftlichem Einfluss nur sehr begrenzter politischer Einfluss einher. Pekings Bemühungen, Nordkorea zu Wirtschaftsreformen nach chinesischem Vorbild zu bewegen sind bisher ebenso gescheitert wie die Versuche, Pjöngjang zur Aufgabe eines Atomwaffenprogramms zu überreden. Beides wäre in Chinas Interesse. „Peking hat keinen Hebel, um Nordkorea unter Druck zu setzen“, sagt der Politologe Andrei Lankov von der Kookmin-Universität in Seoul. „Peking hat nur einen Hammer: Es könnte die Grenze dicht machen und das Regime damit wirtschaftlich in die Knie zu zwingen versuchen.“ Doch bisher gibt es keine Anzeichen, dass Peking zu derartigen Maßnahmen bereit sein könnte. „China möchte Kim Jong-ils Regime erhalten, nicht zerstören“, so Lankov. Deshalb sorge die Volksrepublik dafür, dass die Sanktionen des UN-Sicherheitsrats das Nachbarland nicht zu hart treffen. Zwar unterstützten die Chinesen nach Nordkoreas erstem Atombombentest im Jahr 2006 die UN-Sicherheitsrats-Resolution 1718 und drei Jahre später die Resolution 1874. Allerdings stellten sie sicher, dass die beschlossenen Zwangsmaßnahmen hinter den Forderungen des Westens zurück blieben. Wo internationale Hilfsorganisationen Nordkorea nur noch in sehr begrenztem Maßstab mit Treibstoff oder Lebensmitteln versorgen können, springt China in die Bresche. Der Umfang dieser Lieferungen ist allerdings unklar.

Ausländische Regierungen, die den Druck auf Nordkorea erhöhen wollen – vor allem Washington und Tokio, neuerdings aber auch wieder Seoul – werfen Peking vor, eine doppelte Agenda zu verfolgen. Doch dass China nicht von seinem Kurs abzurücken gedenkt, zeigte sich Anfang Mai, als Kim Jong-il zum ersten Mal seit vier Jahren sein Land verließ, u in seinem gepanzerten Sonderzug die Volksrepublik zu bereisen. Die Chinesen nahmen auf alle Empfindlichkeiten des „Geliebten Führers“ Rücksicht und gestatteten ihm wie schon bei den vier früheren Besuchen seit seiner Machtübernahme, vollständig unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu reisen. Ausländische Journalisten, die ihn in einem Hotel in Dalian aufspürten und fotografierten, wurden festgenommen. Offiziell bestätigt wurde die Visite erst, nachdem Kim wieder nach Nordkorea zurückgekehrt war. Die gesamte chinesische Nomenklatura, darunter der komplette neunköpfige Ständige Ausschuss des Politbüros, empfing Kim in Beijing, nachdem er zuvor Dalian und Tianjin besucht hatte, wo ihm die Chinesen die Erfolge ihres Wirtschaftsbooms vorführten. In offiziellen Stellungnahmen bestätigten beide Länder einander ihre gegenseitige Freundschaft. Chinas Premier Wen Jiabao sprach von „großem Potenzial, um die Kooperation in Wirtschaft und Handel zu entwickeln“. Kim betonte seinerseits die Qualität einer „Freundschaft, die sich auch in schwierigen Zeiten bewiesen habe“.Was tatsächlich hinter geschlossenen Türen besprochen wurde, löste ebenso Rätselraten aus wie die Frage, ob Kim die Reise genutzt habe, um seinen jüngsten Sohn und mutmaßlichen Wunschnachfolger Kim Jong-un, in Peking vorzustellen. Auf der veröffentlichten Delegationsliste fehlte sein Name. Zu einer Wiederaufnahme der Sechs-Parteien-Gespräche, die für China ein wichtiges Forum der Profilierung auf dem internationalen politischen Parkett geworden ist, konnte Peking Kim nicht direkt überreden.

Während der Westen Chinas respektvollen Umgang mit Kim kritisch betrachtet, sehen die Chinesen ihn als Aushängeschild für ihre eigene Form der Diplomatie. Nichteinmischung in interne Angelegenheiten ist ein Grundprinzip der chinesischen Außenpolitik und ein Garant für Pekings wachsenden Einfluss in der Dritten Welt, wo viele Regierungen mit zweifelhafter Legitimation herrschen. Die Volksrepublik wird dort zunehmend als besserer Koalitionspartner wahrgenommen als westliche Staaten.

Bernhard Bartsch | 27. Mai 2010 um 04:36 Uhr

 

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