Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kommando zurück

Durch die Finanzkrise verloren Millionen chinesischer Wanderarbeiter plötzlich ihren Job. Nun sollen sie ebenso plötzlich in die Fabriken zurückkehren.

Zhang Quanshou sucht wieder Angestellte. „Kommt zurück: Im Perlflussdelta mangelt es an Wanderarbeitern“, lauteten die Schlagzeilen, mit denen die Zeitungen kürzlich über die jüngste Geschäftsreise von Chinas berühmtestem Jobvermittler berichteten. „Vor vier Monaten gab es keine Jobs, jetzt gibt es keine Arbeiter“, erklärt der als „Wanderarbeiterkommandant“ bekannte Zhang. 18 000 Menschen hatte seine Leiharbeitsfirma Quanshun in ihren besten Zeiten unter Vertrag, bevor die Finanzkrise Chinas Exporte einbrechen ließ und Zhang über die Hälfte der Arbeiter nach Hause schicken musste. Doch nun versucht er mit einer mehrwöchigen Tour durch seine Heimatprovinz Henan abermals tausende Landbewohner zu überreden, ihm wieder nach Südchina zu folgen.

„Die Fabriken haben wieder Aufträge und fragen mich, wo die Arbeiter geblieben sind“, sagt Zhang. Wenn in der Schuh-, Textil- und Elektronikindustrie Not am Mann ist, kann Zhang seine Angestellten für einen deutlich höheren Lohn weitervermieten – ein Geschäftsmodell, das ihn während der Boomjahre zum Multimillionär gemacht hat und seinen Reichtum nun wohl noch weiter vergrößern wird.

„Ab 16 Jahren, gesund und belastbar, gültige Ausweise verlangt, keine Erfahrung erforderlich“, steht auf seinen Flugblättern. Bewerbern verspricht er einen Monatslohn von 1 300 bis 2 500 Yuan (130 bis 250 Euro) plus Kost und Logis. Weil Zhang dafür bekannt ist, seine Versprechen zu halten, sehen viele Chinesen seine Rekrutierungsreise als Signal, dass die Krise tatsächlich bald zu Ende sein wird. Zwar rechnen Pekings Regierungsökonomen schon seit mehreren Monaten vor, dass es mit der Wirtschaft wieder bergauf geht. Aber wer glaubt in China schon den Statistiken?

Zhang gilt dagegen als unkorrumpierbares Barometer der konjunkturellen Großwetterlage: Wenn es im Perlflussdelta, wo rund ein Drittel der chinesischen Exporte hergestellt werden, wieder Jobs gibt, scheint Chinas größter Wachstumsmotor anzuspringen. Der Vermittlungsagentur Zhitong zufolge hatten im Mai allein in der südchinesischen Leichtindustriemetropole Dongguan 8 000 Unternehmen Stellen ausgeschrieben. Millionen Wanderarbeiter müssen deshalb überlegen, ob sie noch einmal die Reise in die Industriezonen antreten, von wo sie erst vor wenigen Monaten aufs Land zurückgeschickt wurden.

Eine schwere Entscheidung. Denn selbst wenn die Volksrepublik bald wieder einen Boom melden sollte, so ist der chinesische Wirtschaftswundertraum doch für viele zerplatzt. Nach offiziellen Angaben haben mindestens 35 Millionen Binnenmigranten ihren Job verloren, rund ein Fünftel der Landflüchtlinge, deren Gesamtzahl auf 150 Millionen bis 200 Millionen geschätzt wird. Da in China gute und schlechte Nachrichten gleichermaßen schöngefärbt werden, dürfte die tatsächliche Zahl der plötzlich Entlassenen noch weitaus höher liegen. Da es in China kein funktionierendes soziales Netz gibt und die meisten Wanderarbeiter ohnehin ohne Vertrag arbeiten, mussten sie ohne jegliche Entschädigung oder eine andere Form finanzieller Absicherung die weite Heimreise antreten. Dort sind oft ganze Familien von ihrem Einkommen abhängig.

Viele wurden zum Abschied sogar noch um den Lohn der letzten Monate geprellt, weil Fabrikbesitzer oder Bauunternehmer sich mit den Resten des Firmenvermögens absetzten. „Viele meiner Freunde trauen sich nicht mehr in die Stadt“, erzählt ein Bauarbeiter am Pekinger Westbahnhof, dem Hauptankunftsort für Wanderarbeiter in der chinesischen Hauptstadt. Er selbst will trotzdem nach mehrmonatiger Pause noch einmal versuchen, einen Job zu finden. Denn das Leben auf dem Land bietet erst recht keine Perspektive.

Aber auch in Peking ist es nicht mehr so einfach. „Die Arbeitsbedingungen sind schlechter geworden und in vielen Jobs soll man erst nach einem ganzen Jahr sein Gehalt bekommen“, sagt er. Kamen früher Baustellenleiter zum Bahnhof, um sich Arbeitertrupps zusammenzustellen, beherrschen nun Vermittler das Feld, bei denen es sich häufig um Betrüger handelt. „Mir hat jemand eine Arbeit als Wachmann angeboten, aber nachdem ich einen Monat gearbeitet hatte, wurde ich wieder vor die Tür gesetzt“, erzählt ein 17-Jähriger.

Zwar waren Chinas Wanderarbeiter schon immer leichte Beute für Ausbeuter. Doch in den letzten Jahren hatten sie vielerorts gelernt, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Die wirtschaftliche Entwicklung gab ihnen dazu die Gelegenheit. Denn mit dem Wohlstand stiegen auch die Ansprüche und Lebenshaltungskosten – und damit die Gehälter. In den Industriezonen waren Arbeitskräfte plötzlich Mangelware. Noch vor einem Jahr jagten Fabriken einander die Angestellten ab. Fortschrittliche Manager bemühten sich, ihre Belegschaft mit Vergünstigungen wie Fortbildungen, Feierabendveranstaltungen oder kostenlosen Kindergartenplätzen an sich zu binden. Einige experimentierten sogar mit Betriebsräten – eigentlich ein Tabu für Chinas alleinherrliche Unternehmer.

Pendeln zwischen Stadt und Dorf

Doch nun sind die Wanderarbeiter wieder zur gesellschaftlichen Verschiebemasse geworden, die zwischen Stadt und Dorf pendeln müssen, wie es die Konjunktur gerade hergibt. Zwar hat die Regierung erklärt, die Landbevölkerung unterstützen und auch fernab der Metropolen neue Jobs schaffen zu wollen, etwa im Straßen- und Eisenbahnbau. Anfang August erklärte der stellvertretende Direktor des Arbeitsministeriums, 97 Prozent aller Wanderarbeiter hätten inzwischen neue Jobs gefunden. Nur fünf Prozent seien dauerhaft aufs Land zurückgekehrt.

Experten wie der Ökonom Liu Yuanchun von der Pekinger Volksuniversität bezweifeln diese Angaben allerdings. „Das staatliche Konjunkturprogramm hat zweifellos einen positiven Effekt auf die Beschäftigungszahlen gehabt“, sagt Liu. „Aber die tatsächliche Zahl der Wanderarbeiter, die in die Städte zurückgekehrt ist und dort auch einen Job gefunden hat, ist sicherlich nicht so hoch, wie die offiziellen Zahlen vermuten lassen.“

Bernhard Bartsch | 19. August 2009 um 03:43 Uhr

 

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