Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kollektive Notwehr

Chinas Internetgemeinde macht eine Fußpflegerin zur Volksheldin – weil sie einen zudringlichen Regierungsbeamten erstochen hat.

Das Volk bloggt, die Partei blockt – nach diesem Muster tobt im chinesischen Internet der Kampf um Presse- und Meinungsfreiheit. Obwohl Peking sein Informationsmonopol mit einer „Great Firewall“ aus Zensursoftware und Cyberpolizei verteidigt, gelingt es der Online-Gemeinde immer wieder, die Regierung vor aller Welt bloß zu stellen. So wie in ihrer jüngsten Schlacht, die sie im Namen einer Fußpflegerin schlägt, der wegen Mordes die Todesstrafe drohte – bis in der Internetöffentlichkeit die Frage nach Tätern und Opfern aufkam.

Begonnen hat alles mit einer Kurzmeldung auf der Nachrichtenseite des Städtchens Enshi in der Provinz Hubei. Am 10. Mai sei der Chef der örtlichen Investitionsbehörde im Xiongfeng-Hotel von einer Angestellten namens Deng Yujiao erstochen worden. In Dengs Handtasche habe die Polizei Psychofarmaka gefunden, hieß es. Eine Verrückte also, mal wieder.

Doch was für Außenstehende einleuchtend klingen mochte, erregte in Enshi Verdacht. Schließlich betrieb das Xiongfeng-Hotel das Badehaus „Traumstadt“, das wie viele Badehäuser auch als Bordell fungierte. Schon bald war in Chaträumen eine detailliertere Version des Tathergangs zu lesen: Die 21jährige Deng Yujiao, die in dem Hotel seit kurzem als Fußpflegerin arbeitete, hatte am besagten Abend im Badetrakt ihre Wäsche gewaschen und war von dem Kader und zwei Untergebenen aufgefordert worden, mit ihnen in die Wanne zu steigen. Als sie sich weigerte und erklärte, dass sie nicht für „besondere Dienstleistungen“ zu haben sei, versuchten die Männer sie zu vergewaltigen. Der Chef der Investitionsbehörde schlug ihr dabei mit einem Geldbündel ins Gesicht und rief: „Du Schlampe glaubst wohl nicht, dass ich dich mit Geld totprügeln könnte? Einen ganzen Lastwagen Geld werde ich kommen lassen und dich darunter begraben.“ In ihrer Not griff sich Deng ein Obstmesse und rammte es dem Beamten in den Bauch. Die Polizei, die sie danach von ihrem Handy anrief, verhaftete sie wegen Mordes und schickte sie in eine psychiatrische Anstalt, wo man sie ans Bett gefesselt und mit Medikamenten ruhig gestellt wurde.

Die Geschichte verbreitete sich in der chinesischen Blogosphäre wie ein Lauffeuer. Als die Suchmaschinenbetreiber dem Zensurapparat meldeten, dass der Name Deng Yujiao plötzlich tausendfach abefragt worden sei, erzielte er bereits Millionen Treffer. Prominente Blogger und Journalisten reisten nach Enshi, um selbst zu recherchieren. Dass mehrere von ihnen zusammengeschlagen wurden, bewies, dass die örtliche Polizei viel zu verbergen hatte. In Chatforen wurde Deng als „Heldin des Jahres“ gefeiert. „Unser Land ist voller ekelhafter Beamten“, lautete ein anonymer Eintrag. „Gut, dass wenigstens einer tot ist.“

Die Partei reagierte alarmiert – wohl wissend, dass sich die Internetgemeinde mit Deng nicht nur solidarisiert, sondern auch identifiziert. „Fehlverhalten von Beamten, das im Netz offengelegt und verbreitet wird, kann gewaltige Kritik von Internetbenutzern hervorrufen und die öffentliche Meinung über die Partei und Regierung radikal verändern“, hieß es Ende Mai in einem offiziellen Bericht. Schon im vergangenen Jahr hatte die Regierung ein Propaganda-Desaster erlebt, als der Polizistenmörder Yang Jia Star avancierte. Yang war unschuldig verhaftet und bei der Vernehmung zusammengeschlagen worden, worauf er sechs Polizisten erstach. Vor dem Gericht gab daraufhin es Solidaritätskundgebungen; Demonstranten trugen T-Shirts mit der Aufschrift „Lang lebe Yang Jia“. Dass Yang hingerichtet wurde, ohne dass der Auslöser seiner Tat vor Gericht thematisiert worden wäre, bezeichneten prominente Blogger wie der Künstler Ai Weiwei als „Beweis, dass es in China keinen Rechtsstaat gibt.“

Diesmal versuchen die Behörden schlauer zu sein. Nachdem sie drei Wochen vergeblich versucht hatten, die Geschichte wieder einzufangen, legten sie einen eigenen Polizeibericht vor, der eingesteht, dass Deng aus Notwehr gehandelt habe, wenn auch „mit übertriebenen Mitteln“. Vor Gericht wird Deng, die inzwischen wieder zuhause wohnen darf, nun nicht mehr wegen Mordes, sondern nur noch wegen Totschlags angeklagt. Zumindest die Todesstrafe droht ihr damit nicht mehr, auch wenn bezweifelt werden darf, ob sie ein faires Verfahren erhalten wird. Aussagen des obersten Gerichtshofs, der sich in Peking zu dem Fall äußerte, sorgten im Internet bereits für neuen Unmut über das Rechtsverständnis der Regierung: „Je mehr Aufmerksamkeit die Medien einem Fall schenken, umso rationaler bleibt das zuständige Gericht“ sagte ein Sprecher. Das Urteil werde aus „einer Kombination aus gründlichen Überlegungen zu den legalen und sozialen Auswirkungen“ bestehen. „Ist es jetzt also offizielle Politik, dass man nur eine Chance auf Gerechtigkeit hat, wenn man prominent ist und die Regierung Angst vor Protest hat?“ fragte ein Blogger.

Aufgrund des öffentlichen Drucks wurden mehrere Wochen nach der Tat auch Ermittlungen gegen die beiden Begleiter des Getöteten eingeleitet. Ihre Posten in der Stadtregierung mussten sie bereits räumen. Außerdem kündigten Enshis Behörden an, künftig scharf gegen Prostitution, Glücksspiel und Drogenkonsum vorgehen zu wollen. In den kommenden Wochen sollen alle Bordelle geschlossen werden. Sollte es der Regierung damit tatsächlich ernst sein, müsste sich die Direktive schnell umsetzen lassen. Der Fall Deng Yujiao hat schließlich bewiesen, dass Beamten genauestens Bescheid wissen, wo sie die Bordelle finden.

Bernhard Bartsch | 11. Juni 2009 um 00:10 Uhr

 

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