Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Kogas Verrat

Ein japanischer Top-Bürokrat gibt seinen Kollegen die Schuld für Japans Misere und die Katastrophe von Fukushima. Sein Buch ist ein Überraschungsbestseller.

Am schlimmsten ist es im Fahrstuhl. „Wenn ich in einen Lift komme, in dem schon ein Kollege steht, beschäftigt der sich sofort demonstrativ mit seinem Handy oder verfolgt angestrengt die Stockwerke“, erzählt Shigeaki Koga. „Hauptsache, er muss keinen Kontakt mit mir haben.“ Auf den Fluren des Tokioter Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie, kurz METI genannt, in dem er seit mehr als 30 Jahren arbeitet, wird Shigeaki Koga kaum noch gegrüßt. Vorgesetzte haben ihm den Rücktritt nahe gelegt. „Je höher jemand in der Hierarchie ist, umso mehr Angst hat er davor, mit mir gesehen zu werden“, sagt der 55-jährige Koga. „Nur einige der Jüngeren trauen sich noch, mit mir Kontakt zu haben und mir hinter vorgehaltener Hand zu sagen, dass sie in Wahrheit genauso denken wie ich.“

Denn Koga hat ein Tabu gebrochen, an das sich in Japan noch niemand gewagt hat: Mit seinem Überraschungsbestseller mit dem Titel „Kollaps von Japans Zentralverwaltung“ hat sich der Top-Beamte mit dem eigenen System angelegt. Er gibt Japans Bürokratie die Verantwortung dafür, dass sich das Land seit mehr als zwanzig Jahren im Krisenmodus befindet. Für alle nationalen Sorgenthemen – stagnierende Wirtschaft, explodierende Verschuldung, wachsende Sozialprobleme – könnte es längst Lösungen geben, würden die Beamten statt ihrer eigenen Interessen das Wohl des Landes verfolgen, glaubt Koga. „In Japan steuern die Bürokraten die gewählten Politiker – nicht umgekehrt, wie es eigentlich sein sollte.“

Vor allem das desaströse Krisenmanagement während der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März habe das Versagen des Systems bloßgestellt wie ein Offenbarungseid. Beamte seines Ministeriums, das für den Nuklearsektor verantwortlich und mit Firmen wie dem Fukushima-Betreiber Tepco eng verwoben ist, hätten dem Premierminister und der Öffentlichkeit entscheidende Informationen vorenthalten, sagt Koga. Unbequeme Erkenntnisse, die Widerstände gegen Kernenergie hätten schüren können, seien verschwiegen worden. „Heute ist klar, dass dadurch Evakuierungsmaßnahmen verzögert und hunderttausende Menschen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wurden“, sagt der Beamte. Dass er damit an die Öffentlichkeit geht und Anti-AKW-Aktivisten sowie kritischen Medien Munition für ihren Kampf gegen die Kernkraft gibt, gilt im System als unerhörter Verrat. Doch Koga ist mit sich im Reinen, und der Erfolg seines Buches, das sich seit Erscheinen im Mai bereits 400 000 Mal verkauft hat, zeigt, dass die japanische Gesellschaft Konformismus und Konfliktvermeidung nicht mehr als höchste Werte ansieht. „Das Thema hat einen Nerv getroffen“, erzählt er beim Gespräch in der Garderobe eines Tokioter Fernsehstudios.

Nach seinem Arbeitstag im Ministerium war er am Abend zu Gast in der Talkshow eines Online-Fernsehsenders. Eine Rekordzahl von 20 000 Zuschauern hat das Gespräch verfolgt. „Die Menschen sind ratlos, wie es mit dem Land weitergehen soll, und haben schon lange das Vertrauen in die Politik und die Bürokratie verloren“, sagt Koga. „Dass nun erstmals jemand aus dem System über die Probleme schreibt, macht alles viel klarer.“ Dabei galt Japans Bürokratie einst als größter Garant des Erfolgs. Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg beruhte maßgeblich auf der effektiven Kooperation zwischen Staat und Wirtschaft. Das heute vielgescholtene Superministerium METI spielte dabei eine Schlüsselrolle.

Doch je steiler es mit Japans Wirtschaft bergauf ging, umso schneller expandierte auch der Verwaltungsapparat. „In den Boomjahren fand niemand etwas dabei, dass die Beamten auch von den Früchten des Erfolgs profitierten“, sagt Koga. „Aber als das Wachstum Ende der 80er nachließ und es an den Beamten gewesen wäre, Wege aus der Krise zu finden, konzentrierten sie sich stattdessen nur noch darauf, möglichst viele von ihren Privilegien zu sichern.“ Dass die seit 1955 ununterbrochen regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) engstens mit der Bürokratie verwoben war, machte Reformen auf Kosten des Beamtenstandes unmöglich. Erst 2009 gelang es der Demokratischen Partei (DPJ) mit dem Versprechen, die Vorherrschaft der Bürokratie zu brechen, die Macht zu übernehmen. „Dass die DPJ die Bürokratie zu ihrem Gegner erklärte, war eine gute Wahlkampfstrategie, aber als sie dann an der Regierung war, musste sie feststellen, dass sie gegen die festgefahrenen Strukturen wenig ausrichten kann“, erklärt Koga. Das Regierungsviertel Kasumigaseki habe sich zu einem „Friedhof der Talente“ entwickelt, in dem Japans hellste Köpfe darauf getrimmt würden, ihre Karriere systeminternen Stellungskriegen um Macht und Privilegien zu widmen.

Der Schock von Fukushima biete nun die rare Gelegenheit, öffentliche Unterstützung für echte Reformen zu mobilisieren. Tatsächlich versucht der bisher glücklose Premierminister Naoto Kan mit einem neuen Energiekonzept wieder die Gunst der Wähler zu gewinnen. Kürzlich übertrug er die AKW-Aufsicht dem Umweltministerium – für Kogas nuklearfreundliche Kollegen im METI eine harte Niederlage. Das reicht aber als wirkungsvoller Neuanfang nicht. „Um wirklich etwas zu verändern, braucht das System starke Talente, Vorbilder und Führungsfiguren“, sagt Koga. „Aber da davon derzeit nichts zu sehen ist, bin ich leider pessimistisch.“

Bernhard Bartsch | 21. August 2011 um 14:13 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.