Bernhard Bartsch

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Klemmender Mythos

Toyota muss wegen klemmender Gaspedale bis zu acht Millionen Fahrzeuge zurückrufen. Es ist der größte Image-Unfall in der Konzerngeschichte.

„Nichts ist unmöglich. Toyota“ lautet der Werbeslogan des weltgrößten Autobauers. Nun ist tatsächlich das scheinbar Unmögliche eingetreten: Die Japaner, die über drei Jahrzehnte lang branchenweit den Ruf der zuverlässigsten Produktionsqualität genossen, müssen bis zu acht Millionen Autos aus dem Verkehr ziehen und mit dem größten Image-Unfall der Konzerngeschichte rechnen. Wegen klemmender Gaspedale könnten in Europa in den nächsten Tagen bis zu zwei Millionen Autos in die Werkstätte beordert werden, so die japanische Zeitung „Yomiuri Shimbun“. Die Zahl wurde von Toyota Deutschland allerdings nicht bestätigt. In den USA wurden vorige Woche 2,3 Millionen Fahrzeuge aus acht Toyota-Baureihen zurückgerufen.
Rutschende Fußmatten

Nach Ansicht der US-Verkehrsbehörden habe das Problem, das im schlimmsten Fall zum Verklemmen des Gaspedals und einer unfreiwilligen Vollgasfahrt führen kann, bereits Unfälle verursacht. Die Rückrufaktion könnte sich noch auf andere Länder ausweiten. So sollen auch in China 75 000 Autos überprüft werden.

Der Skandal trifft Toyota mitten in dem noch nicht abgeschlossenen Mängelfall um rutschende Fußmatten. Im vergangenen Herbst hatte das Unternehmen einräumen müssen, dass in den USA bei 4,2 Millionen Autos die Fußmatte unter das Bremspedal zu rutschen drohte. Da es sich diesmal allerdings um einen mechanischen Defekt handelt, ist der Imageschaden weitaus gravierender. Toyota sieht die Schuld für das Problem dem US-Zulieferer CTS, der das kritische Teil in Kanada fertigt. Ab kommendem Montag soll die Arbeit in drei US-Fabriken für ungewisse Zeit unterbrochen werden. Analysten schätzen den finanziellen Verluste für Toyota durch Verkaufs- und Produktionsstopp auf um die 550 Millionen Dollar. Noch vor kurzem hätten solche Summen bei Toyota als überschaubarer Schaden gegolten. Doch die Finanzkrise hat die Japaner schwer getroffen. Gründerenkel Akio Toyoda, der im vergangenen Jahr das Ruder übernahm wird zum Ende seines ersten Geschäftsjahrs Ende März wohl einen operativen Verlust von um die 350 Milliarden Yen (rund 2,8 Milliarden Euro) vermelden müssen.

Seit Bekanntwerden der jüngsten Qualitätsprobleme in der vergangenen Woche verlor die Toyota-Aktie mehr als 15 Prozent, was einen Börsenwert von rund 25 Milliarden Dollar entspricht. Weitaus gravierender als die finanziellen Verluste ist jedoch der Imageschaden.

Jahrzehnte lang galt Toyota als das am besten gemanagte Unternehmen der Automobilbranche, wenn nicht der ganzen Industrieproduktion überhaupt. Denn während westliche Fabriken sich darauf spezialisierten, fehlerhafte Teile auszusortieren, ließen die Japaner sie gar nicht erst entstehen. Alle Fließbandarbeiter wurden darin geschult, für die Qualität ihrer Aufgaben persönliche Verantwortung zu übernehmen und selbst zu beurteilen, ob sie ihre Vorgaben richtig erfüllt hatten.

An jedem Platz installierte Toyota seine berühmten roten Reißleinen, damit jeder Arbeiter die gesamte Produktion anhalten konnte, bevor er ein fehlerhaftes Teil weitergab. Außerdem wurden alle ermutigt, Verbesserungsvorschläge zu machen, so dass die Prozesse immer weiter verbessert wurden und der Ausschuss mit der Zeit gegen Null ging. Heute stammen viele Glaubenssätze der modernen Managementtheorie aus dieser so genannten „Toyota Methode“, die maßgeblich auf Firmengründer Sakichi Toyoda und seinen Sohn Kiichiro Toyoda sowie den Ingenieur Taiichi Ohno zurückgeht. Dazu gehören optimierte Zulieferketten („Just-in-time“-Produktion), flache Hierarchien und Teamwork, Fehlervermeidung („Poka Yoke“) und Verbesserungen durch die Mitarbeiter („Kaizen“). Dem System verdankte das Unternehmen nicht nur zuverlässige Qualität, sondern auch hohe Profite. Trotz der hohen japanischen Löhne fürchtete in „Toyota City“ noch vor zwei Jahren niemand um seinen Job. Einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey zufolge liegt die Wertschöpfung bei Toyota doppelt so hoch wie in gut geführten deutschen Fabriken. Die Gewinne ermöglichten Toyota, mehr Geld in die Entwicklung neuer Produkte zu stecken, als die Konkurrenz.

Nachdem jahrzehntelang deutsche Automobilhersteller die Innovationen der Branche vorangetrieben hatten, setzten sich Ende der Neunziger die Japaner an die Spitze der neuen Trends. 1997 brachte Toyota mit dem Prius das erste Auto mit Hybridantrieb auf dem Markt. Über seine Tochter Daihatsu produziert Toyota auch Energie sparende Stadtfahrzeuge mit kleinen Motoren.

Doch in der Krise wittert die Konkurrenz eine Chance, wieder an die Japaner heranzukommen. Nicht nur VW will Toyota den Rang als Branchenprimus ablaufen. Auch GM möchte den 2007 eingebüßten Titel als weltgrößter Autohersteller zurückerobern. Gestern erklärte das Unternehmen, in den USA Toyota-Fahrer mit Sonderangeboten zu einem Wechsel bewegen zu wollen. Wer umsteigt, erhält 1000 Dollar Rabatt.

Bernhard Bartsch | 29. Januar 2010 um 05:20 Uhr

 

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