Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Klappern als Handwerk

Lebensläufe chinesischer Jobbewerber sind oft voller Erfindungen. Lange galt Schummeln als Volkssport – bis 200 Piloten mit Falschangaben erwischt wurden.

Ist ein Zeitungsbote ein Logistikdienstleister? Sind Kellner Customer Manager? Und dürfen sich Nachhilfelehrer als Dozenten oder akademische Berater bezeichnen? In Lebensläufen wird häufig Sprachkosmetik betrieben– und warum sollten Jobsuchende auch bescheidener auftreten als ihre Arbeitgeber, die nach außen oft ebenso gerne übertreiben?

Nirgends dürfte die Lebenslaufkosmetik allerdings wildere Blüten treiben als in China, wo in den vergangenen Jahren Millionen anspruchsvoller Jobs entstanden sind, obwohl nur wenige Chinesen Erfahrung darin haben, Fabriken zu managen, Forschungsprojekte zu koordinieren oder Werbekampagnen zu entwerfen. Deshalb ist es durchaus üblich, bei Bewerbungen nicht nur zu beschönigen, sondern sich Teile seine Biographie frei zu erfinden. Wer damit durchkommt, kann hinterher an seinen Aufgaben wachsen, und wer auffliegt guten Gewissens sagen, alle anderen machten es doch genauso.

Doch was bisher als Volkssport galt, wird vielen Chinesen unheimlich, nachdem die Flugaufsichtsbehörde CAAC eingestehen musste, dass sich auch in ihren Reihen viele Schummler befinden. Über 200 Piloten sollen in den vergangenen Jahren auf der Basis von falschen Angaben zur Flugerfahrung eingestellt worden sein, berichteten chinesische Medien. Mehr als die Hälfte der Flugkapitäne arbeitete für die Fluglinie Shenzhen Airlines, die in der Kritik steht, nachdem Ende August eine ihrer Maschinen im nordchinesischen Yichun über die Landebahn hinausschoss. 42 Menschen starben, 54 wurden verletzt. Den Jobbewerbern soll der Betrug leicht gefallen sein, weil Chinas Fluglinien einen Großteil ihrer Piloten von der Armee rekrutieren, in deren Reihen es viel Korruption gibt. Künftig sollen Referenzen genauestens geprüft werden, versprach ein CAAC-Sprecher.

Auch unter prominenten Chinesen sind Lebenslauflügen weit verbreitet. Im Juni enthüllte der Blogger Fang Zhouzi, dass Chinas bestbezahlter Manager seine akademischen Titel frei erfunden hatte. Tang Jun, ehemals China-Chef von Microsoft und heute Präsident des chinesischen IT-Konzerns Huadu, hatte stets behauptet, in Japan einen Masterabschluss gemacht und danach am renommierten California Institute of Technologie promoviert zu haben. In Wahrheit hatte er sein japanisches Studium jedoch abgebrochen und sich später bei einer unseriösen kalifornischen Briefkastenuniversität einen Doktortitel gekauft. Tang, der durch seine Bestseller-Autobiografie mit dem Titel „Jeder kann meinen Erfolg imitieren“ zum nationalen Vorbild avanciert war, gab die Mogelei indirekt zu. „Wenn man alle betrügen kann, ist das auch ein Zeichen von Fähigkeit, ein Symbol von Erfolg“, sagte der 48-Jährige in einem Interview.

Auch einer der berühmtesten chinesischen Religionsführer kam der als „Wissenschaftspolizist“ bekannte Blogger Fang auf die Schliche. Dem taoistischen Mönch Li Yi, der behauptete, mit Qigong-Techniken Krebs heilen zu können, wies er nach, dass er keineswegs schon im Alter von drei Jahren mit dem Studium der chinesischen Medizinklassiker begonnen habe, sondern die sich das Taoistengewand erst im Alter von 31 Jahren übergestreift hatte. Der selbsternannte Wunderheiler ist seitdem aus der Öffentlichkeit verschwunden. Allerdings ist es nicht ungefährlich, Chinas mächtigen nachzuspionieren. Vergangene Woche wurde Fang vor seiner Pekinger Wohnung von Schlägern aufgelauert, die ihn mit einem Hammer angriffen und mit Äther betäuben wollten. „Das ist offenbar ein Racheakt von jemandem, den ich überführt habe“, schrieb Fang auf seinem Blog, nachdem ihm die Flucht gelungen war. Einer seiner Mitstreiter, der Journalist Fang Xuanchang, hatte weniger Glück: Er wurde mit Eisenstangen brutal zusammengeschlagen.

Gefälschte Lebensläufe sind auch für deutsche Unternehmen in China ein Problem. „Bei vielen Bewerbern wissen wir, dass ihre Referenzen von vorne bis hinten erfunden sind“, sagt die Pekinger Personalleiterin eines großen deutschen Konzerns. „Aber am Ende bleibt uns häufig gar nichts anderes übrig, als einen solchen Schaumschläger einzustellen, weil alle anderen genauso sind.“ Zumindest Angaben zum Universitätsabschluss lassen sich inzwischen nachrecherchieren, weil alle chinesische Hochschulen ihre Absolventen in öffentlichen Datenbanken erfassen. Weil aber auch dort geschummelt werden kann und sich tausende Chinesen mit gefälschten Zeugnissen an ausländischen Universitäten bewarben, hat die deutsche Botschaft in Peking vor einigen Jahren eine Prüfstelle eingerichtet. Rund zwanzig Mitarbeiter sind dort damit beschäftigt, jeden Chinesen, der sich in Deutschland um einen Studienplatz bewerben will, zu überprüfen. Finanziert wird das Büro allerdings nicht von deutschen Steuergeldern, sondern über Gebühren der chinesischen Bewerber.

Bernhard Bartsch | 07. September 2010 um 14:48 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.