Bernhard Bartsch

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Kims Kommando

Militär Nordkorea ist das am stärksten militarisierte Land der Welt. Die Armee ist die wichtigste Machtstütze des Regimes.

Nordkorea gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, doch es leistet sich einen der größten Militärapparate: Rund 1,2 Millionen Soldaten zählt die Koreanische Volksarmee (KVA). Das ist weltweit Rang vier und gemessen an der Bevölkerungszahl der mit Abstand höchste Militarisierungsgrad. Zwischen vier und acht Millionen Nordkoreaner werden außerdem als Reservisten geführt.

Reine Mannschaftszahlen sagen allerdings wenig über die Schlagkraft der nordkoreanischen Truppen aus: Die Ausstattung der KVA ist größtenteils veraltet. Den modernen Armeen der USA und Südkoreas, denen die Nordkoreaner an der innerkoreanischen Grenze gegenüberstehen, wären sie im Fall eines Krieges nicht gewachsen. Trotzdem kann die KVA große Zerstörung anrichten, wie sie gestern gezeigt hat. Außerdem verfügt sie seit 2006 mit der Atombombe über einen Trumpf, der sie vor Militärschlägen schützt. Zwar gehen westliche Experten davon aus, dass Nordkoreas Plutoniumvorräte nur für fünf bis zehn Sprengköpfe reichen und das Land nicht über geeignete Trägerraketen verfügt. Doch auch die Gefahr einer sogenannten „schmutzigen Bombe“, bei der Sprengpulver mit radioaktivem Material vermischt wird, ist groß genug, um Nordkorea zu einer ernstzunehmenden militärischen Bedrohung für seine Nachbarn zu machen.

Für Nordkoreas Diktator Kim Jong-il ist die Bombe das wichtigste Drohmittel, um sich gegen ausländische Destabilisierungsversuche zu wehren. Schon unter seinem Vater, Staatsgründer Kim Il-sung, war die Armee die wichtigste Machtstütze des Systems, schließlich baute der Revolutionär seine Herrschaft auf Guerillatruppen auf, mit denen er einst gegen die japanische Besatzung gekämpft hatte. Die vollständige Militarisierung der nordkoreanischen Gesellschaft vollzog dann Kim Jong-il, der Mitte der 90er Jahre die Devise „Militär zuerst“ ausgab und den Staatsapparat entlang der Armeestrukturen organisierte. Militär, Regierung und Partei sind in Nordkorea untrennbar verbunden.

Das Militär spielt auch eine Schlüsselrolle für den Fortbestand des Systems. Als Kim im September seinen Sohn Kim Jong-un als Wunschnachfolger installierte, ernannte er ihn zunächst zum General und dann zu seinem Stellvertreter in der Militärkommission. Doch die Autorität des jungen Kim ist beschränkt. Überläufer berichten, der designierte Führer werde in Militärkreisen nicht akzeptiert. Denkbar ist deshalb, dass nach dem Tode Kim Jong-ils eine Gruppe mächtiger Militärs die Macht übernehmen würde – eine Option, die angeblich auch China heimlich unterstützt, wo man hofft, dass Generäle leichter zu beeinflussen sind als die eigenwilligen Kims. Gleichzeitig spekulieren westliche Geheimdienste darüber, dass die jüngsten Provokationen des Militärs ein Versuch des jungen Kim Jong-un seien, sich im System Respekt zu verschaffen. Er soll den Angriff auf das südkoreanische Kriegsschiff Cheonan im März befohlen haben, bei dessen Untergang 46 Matrosen starben. Womöglich geht auch der Beschuss der Insel Yeonpyeong auf sein Konto.

Bernhard Bartsch | 24. November 2010 um 04:20 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Dennis Fischer

    28. November 2010 um 14:34

    Ich glaube, die Gefahr einer nennen wir es mal Atombombe oder schmutzige Bombe, ist angesichts der biologischen und chemischen Waffen in deren Besitz sich Nordkorea befindet, vernachlässigbar. Die biologischen und chemischen Waffenprogramme laufen seit mindestens den 1980er Jahren (wenn nicht sogar schon seit den 60er Jahren) erfolgreich und stellen im Gegensatz zu den flugunfähigen Atomsprengsätzen der Kategorie „Kleiner als Hiroshima“ eine absolut reale Gefahr für die Städte Südkoreas dar. Wie auch bei Atomwaffen irgendeiner Art ist nicht damit zu rechnen, dass Nordkorea diese zuerst einsetzen wird, aber dennoch bilden die BC-Waffen ein gigantisches Bedrohungspotential. Warum werden die in der Berichterstattung immer vernachlässigt?