Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kims Kampf

Der Diktator zündelt mit der Atombombe und das Volk hungert: Immer wieder fliehen Nordkoreaner aus ihrem Land. Der Aktivist Kim Sang-hun hilft ihnen dabei.

Kim Sang-hun (Copyright: Martin Gottske)Zum Vatertag erhielt Kim Sang-hun einen Anruf von einem Mann, an den er sich zunächst nicht erinnern konnte. „Ich weiß, ich habe mich lange nicht gemeldet“, entschuldigte sich der Anrufer mit tränenerstickter Stimme. „Aber ich denke jeden Tag an Sie und danke Ihnen für das neue Leben, das sie mir geschenkt haben.“ Sein Akzent verriet ihn schon nach den ersten Worten als Nordkoreaner, doch es dauerte einige Sätze, bis Kim ihn wieder vor sich sah: einen hageren, stillen Mann Anfang vierzig, Ingenieur von Beruf. Er hatte zu einer kleinen Gruppe von nordkoreanischen Flüchtlingen gehört, mit denen Kim vor einigen Jahren mehr als 3000 Kilometer quer durch China gereist war. Tagsüber hatten sie sich in Wohnungen versteckt, die Kim entlang der Strecke angemietet hatte, nachts waren sie in Bussen oder Zügen unterwegs. An einem unbewachten Landstrich der südchinesischen Grenze hatte Kim seine Schützlinge einem anderen Führer übergeben, der sie nach Thailand geschmuggelt und dort in die südkoreanische Botschaft gebracht hatte.

„Sein Anruf hat mich überrascht, denn ich hatte nicht damit gerechnet, noch einmal von ihm zu hören“, erzählt Kim, ein rastloser 81-Jähriger mit schütterem weißem Haar und jugendlich wachen Augen. Seine Freude war allerdings nicht ungetrübt. „Eigentlich müsste mein Telefon am Vatertag pausenlos klingeln“, sagt er. „Aber die wenigsten Flüchtlinge kämen je auf die Idee, danke zu sagen.“

Mit Dankbarkeit zu rechnen hat Kim Sang-hun sich schon lange abgewöhnt. Denn das Terrain, auf dem er sich bewegt, bringt den menschlichen Kompass leicht durcheinander. Der Menschenrechtsaktivist operiert im Herzen des Konflikts zwischen Nord- und Südkorea – eines Konflikts, der durch den nordkoreanischen Atomtest Anfang der Woche wieder verstärkt in den Blickpunkt gekommen ist.

Hunderten Nordkoreanern hat Kim geholfen, in den Süden zu fliehen. Doch er will sie nicht nur vor Armut und Grausamkeit retten, sondern auch ihre Lebensgeschichten dokumentieren und damit den Lauf der Politik beeinflussen. Damit macht er sich nicht nur Freunde – auf beiden Seiten. „Was in Nordkorea passiert, ist eines der größten Menschenrechtsverbrechen unserer Zeit“, sagt Kim. Er sitzt in einem engen Büro in Seoul. Die Wände sind beklebt mit Notizzetteln, einem winzigen Ausschnitt des Faktenmosaiks, das Kim hier seit zehn Jahren mit einer kleinen Gruppe von Mitstreitern zusammenzusetzen versucht. In den Regalen stehen dicke Ordner voller Gesprächsprotokolle – Interviews mit mehr als 8000 Flüchtlingen. Nirgends ist mehr Wissen über das abgeschottete Land gespeichert als in ihrem „Database Center for North Korean Human Rights“. Wenn es nach Kim geht, wird das Archiv eines Tages vor einem internationalen Gerichtshof liegen – als Beweismaterial für eine Menschenrechtsklage gegen Nordkoreas Regime dienen. „Wir können belegen, dass in Nordkorea Menschen sterben, weil ihre Regierung sich weigert, internationale Lebensmittelhilfe anzunehmen“, sagt Kim. „Wir haben Zeugenaussagen, dass tausende Menschen als politische Häftlinge in Straflagern gehalten werden, wo sie sich zu Tode arbeiten müssen.“ Überraschen würde das die wenigsten, aber wo bleibt der internationale Aufschrei? Weil das Land so verschlossen sei, dass fast keine Bilder nach außen dringen, finde die Tragödie in den Weltmedien kaum statt, glaubt Kim. Zwar gebe es politischen Druck und Sanktionen, wenn Nordkorea mit seinen Atomwaffen drohe oder Raketentests absolviere. Aber nicht wegen der humanitären Katastrophe. „Das ist ein Skandal“, findet Kim. „Die Welt – und vor allem Südkorea, – darf die Augen nicht länger verschließen.“ Aber wie kann er sie ihr öffnen?

Knapp 40 Kilometer Luftlinie trennen die Räume des „Database Center for North Korean Human Rights“ von der innerkoreanischen Grenze. Mit dem Auto wäre man in einer Stunde dort, doch wenn man vor Kims Büro auf die Straße tritt, scheint Nordkorea Lichtjahre entfernt. Gut gekleidete Angestellte strömen aus modernen Glastürmen, vor den Restaurants bilden sich Schlangen. Vor der Ampel staut sich der Verkehr. Junge Leute drücken den Vorbeieilenden Werbebroschüren in die Hand. Vor einigen Jahren hat sich Kim auch einmal hier hin gestellt, Flugblätter über das Leiden in Nordkorea verteilt und versucht, mit den Passanten ins Gespräch zu kommen. Kaum einer interessierte sich für ihn.

60 Jahre nach dem Ende des Koreakriegs liegen Welten zwischen den beiden Staaten. Während südlich des 38. Breitengrades für den globalen Markt produziert und auf hohem Niveau konsumiert wird, gleicht das Land nördlich der Demarkationslinie einem stalinistischen Themenpark. Die Weltmedien verfolgen die Meldungen aus dem Reich des jungen Regenten Kim Jong-un, der in der kommunistischen Erbmonarchie in dritter Generation die Macht hat, wie eine Realsatire: mit seinem skurrilen Herrscherkult und seiner anachronistischen Propaganda ist Nordkorea ein Staat, über den man leicht lachen kann.

In Südkorea ist die Wahrnehmung allerdings deutlich weniger humorvoll. Für die Südkoreaner sind die Entwicklungen im Norden eine Existenzfrage. Nicht nur Pjöngjangs Atombombenarsenal macht dem Süden Sorgen, sondern vor allem die Aussicht auf einen möglichen Kollaps des Regimes. Laut südkoreanischer Verfassung ist die Wiedervereinigung zwar erklärtes Staatsziel, doch aus Angst um ihren Wohlstand hoffen inzwischen viele Südkoreaner, dass ihr Land geteilt bleiben wird. „Vor allem junge Südkoreaner haben kaum noch das Gefühl, dass die Menschen im Norden ihre Landsleute sind“, sagt Andrei Lankov, Politologe an der Kookmin Universität in Seoul. „Entsprechend gering sind auch ihre Sympathien.“

Dabei leben inzwischen 23 000 Nordkoreaner in ihrer Mitte. Tausende fliehen jährlich über die chinesische Grenze, um von dort in den Süden zu gelangen. Weil China aus Rücksicht auf sein Bruderland verhindert, dass Deserteure in ausländische Botschaften flüchten, müssen diese meist den Umweg über Drittländer wie Thailand, Russland oder die Mongolei nehmen, wo Seouls diplomatische Vertretungen Überläufer bereitwillig aufnehmen. „Kim Sang-hun ist einer der Pioniere dieser Flüchtlingsrouten“, sagt der amerikanische Missionar Tim Peters, dessen Organisation Helping Hands ebenfalls nordkoreanische Flüchtlinge unterstützt. „Er ist so etwas wie die graue Eminenz der koreanischen Menschenrechtsbewegung.“

Seine Mission begann Kim in einem Alter, in dem andere sich zur Ruhe setzen: nach seiner Pensionierung. Sein Berufsleben verbrachte er bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), 14 Jahre davon in Entwicklungsländern. In Südostasien beriet er Bauern, wie sie ihre Felder besser bestellen können, in Afrika bemühte er sich um sauberes Trinkwasser und in Lateinamerika plante er eine Fabrik, die Kekse für Schulkinder produzierte. Doch das Engagement hinterließ bei ihm ein ungutes Gefühl: Konnte es richtig sein, dass er als Südkoreaner sich überall auf der Welt um Armutsbekämpfung bemühte, aber dem Leiden in seinem eigenen Bruderland hilflos zusah?

Mitte der 90er begann Kim deshalb, nach China zu reisen, an die Grenze zu Nordkorea, wo schon damals tausende Flüchtlinge lebten und sich als Bauarbeiter, Kellnerinnen oder Prostituierte durchschlugen. Wer von den chinesischen Behörden entdeckt wurde, musste mit seiner Auslieferung und schweren Strafen rechnen. „Damit verstößt China gegen die Uno-Flüchtlingskonvention“, klagt Kim. „Aber die Uno will keinen Streit mit Peking und ignoriert das Problem.“ Die einzige Möglichkeit für die Deserteure, in Sicherheit zu kommen, war die Flucht nach Südkorea. Zusammen mit anderen Aktivisten kundschaftete Kim aus, welche westlichen Botschaften in China leicht zugänglich waren und wie man Nordkoreaner in Drittländer schleusen konnte. Er mietete Wohnungen und organisierte Transporte, stets unter höchster Geheimhaltung, um nicht die Aufmerksamkeit chinesischer Behörden oder nordkoreanischer Agenten zu erregen. Finanziert wurde Kims Operation von südkoreanischen Geldgebern, vor allem Kirchengruppen, doch die Spendenbereitschaft war gering.

Weil die Fluchtorganisation nur Einzelnen hilft und am System nichts ändert, suchte Kim eine wirkungsvollere Möglichkeit, das Regime in Nordkorea zu unterminieren. 2003 gründete er mit Mitstreitern das „Database Center“, um systematisch die Aussagen von Überläufern zu sammeln, eine Aufgabe, der sich bisher nur der südkoreanische Geheimdienst gestellt hatte. Seine Ergebnisse trägt Kim in dicken Bänden zusammen, zuletzt in einem tausendseitigen Bericht über Folter und Arbeitslager. „Unser Ziel ist es, gerichtsverwertbare Aussagen zu bekommen“, erklärt er. „Deswegen erheben wir nur Vorwürfe, die von mehreren Informanten unabhängig voneinander belegt werden.“

Zu Kims Hauptzeugen gehört ein stämmiger, düster dreinschauender Mann Ende fünfzig namens Lee Yong-guk, der in einem abgelegenen Dorf nahe der Grenze zu Nordkorea Enten züchtet. Kim begrüßt ihn mit einer herzlichen Umarmung und lässt sich die Ställe zeigen, in denen tausende Küken piepen. Dann ziehen sie sich in den kleinen Wohncontainer zurück. Lee macht Nescafé und weist seinen kleinen Sohn an, draußen zu spielen. Er soll nicht wissen, was sein Vater in der Vergangenheit erlebt hat.

Lee Yong-guk gehörte 18 Jahre lang zum Korps der Bodyguards des 2010 gestorbenen Diktators Kim Jong-il. „Es war eine große Ehre, in der Nähe des geliebten Führers sein zu dürfen“, erzählt er. Lee stand Wache, wenn der Tyrann seine Minister oder Staatsgäste empfing, aber auch, wenn er mit seinen jungen Geliebten im Swimmingpool planschte oder mit seinem Mercedes betrunken durch das Palastareal raste. „Alle hatten große Angst, einen Fehler zu machen und seinen Zorn auszulösen“, sagt er. „Ich habe Minister erlebt, die sich hinter Bäumen versteckt haben, wenn sie ihn kommen sahen.“ Als Mitglied der Leibgarde musste Lee den Kontakt zu seiner Familie vollständig abbrechen. Dafür lebte er privilegiert, hatte genug zu essen und gute Kleidung.

Umso schockierter war er, als er mit 36 auf einen anderen Posten in der Provinz versetzt wurde und die Not im Rest des Landes zu Gesicht bekam. „Ich hatte in einer Blase gelebt“, erkannte Lee. „Jetzt fühlte ich mich betrogen.“ Auf dem Schwarzmarkt kaufte er sich ein Transistorradio, mit dem er südkoreanische Programme hörte. Bald beschloss er, zu desertieren. Doch der Fluchtversuch schlug fehl. Sechs Monate wurde er verhört und gefoltert. Tag und Nacht musste er im Schneidersitz ausharren, durfte nicht zur Toilette gehen und wurde geschlagen, wenn er einschlief. Sein Körper ist mit Narben übersät. Schließlich wurde er in ein Arbeitslager verlegt, wo er in einer Mine Kohle schürfen musste. Weil das Essen nicht reichte, füllten sich die Gefangenen die Mägen mit Blättern und Erde. Wer sich beschwerte, wurde öffentlich hingerichtet. „Noch heute wache ich manchmal auf, weil ich von einem Häftling träume, der an einem Bein an ein Auto gebunden und durch das Lager geschleift wurde.“ „Als er tot war, hat man uns befohlen, unsere Hände in sein Blut zu tauchen.“ Nach vier Jahren wurde Lee aus dem Lager entlassen und floh erneut, diesmal erfolgreich. Seit 2000 lebt er im Süden.

Lee ist einer von wenigen, die öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen bereit sind. „Die meisten Flüchtlinge tun sich nach ihrer Ankunft im Süden mit ihrer Vergangenheit sehr schwer“, sagt Kim. Die Schuld dafür liege auch bei den Südkoreanern, die nur ungern mit den harten Realitäten in ihrer Nachbarschaft konfrontiert werden. Zwar nimmt der Süden alle nordkoreanischen Überläufer auf und gewährt ihnen materielle Unterstützung. In Eingliederungskursen bekommen sie die Grundlagen des modernen Lebens beigebracht: wie man mit der U-Bahn fährt, im Supermarkt einkauft und elektrische Geräte benutzt; wie man ein Konto eröffnet, ein Telefon anmeldet und sich um einen Job bewirbt. Doch nur den wenigsten gelingt es, wie Lee Yong-guk mit seiner Entenfarm beruflich Tritt zu fassen. Viele fühlen sich diskriminiert und ausgeschlossen. Hinzu kommen häufig psychische Probleme. Ihre traumatischen Erfahrungen machen es vielen Nordkoreanern schwer, Vertrauen zu fassen. Selbst Fluchthelfer wie Kim müssen sich dann Vorwürfe anhören. „Viele glauben, dass ich an ihnen Geld verdient hätte“, erzählt er. „Dass jemand ihnen rein aus Nächstenliebe hilft, passt nicht in ihre Vorstellungswelt.“

Auf die Politik setzt Kim wenig Hoffnung. Nordkoreas Reformversprechen traut er ebenso wenig wie Südkoreas neuer Präsidentin Park Geun-hye. Doch wenn Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder Amnesty International heutzutage mehr als früher über die Verhältnisse in Nordkorea berichten, bedienen sie sich meist der Informationen, die er gesammelt hat. Auch internationale Medienerfolge wie den Bestseller über den entflohenen Lagerhäftling Shin Dong-hyuk (auf Deutsch erschienen unter dem Titel: „Flucht aus Lager 14“) hat Kim mit auf den Weg gebracht.

Die größte Zuversicht schöpft er allerdings daraus, dass Interviews mit neu angekommenen Flüchtlingen zeigen, dass auch in Nordkorea immer mehr Menschen wissen, wie katastrophal es um ihr Land steht. So habe ihm ein Junge, der dreimal nach China geflohen und von dort zurückgeschickt worden sei, erzählt, dass die nordkoreanischen Polizisten ihn keineswegs misshandelt hätten. Stattdessen habe der Beamte, der den Jungen bestrafen sollte, gewartet, bis er mit ihm allein war und ihn dann neugierig über die Welt außerhalb Nordkoreas ausgefragt. „Das zeigt mir, dass in Nordkorea etwas in Bewegung kommt“, sagt Kim. „Und auch wenn ich nur ein alter Mann bin, dem niemand dankt, werde ich keine Ruhe geben.“

Bernhard Bartsch | 19. Februar 2013 um 08:44 Uhr

 

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