Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kims Kaffeesatz

Nach Kim Jong-ils China-Reise ist Nordkoreas Zukunft so ungewiss wie vorher. Doch Pekings politischer Rückendeckung kann sich der Diktator weiterhin sicher sein.

Sehr lang war es ein schlecht gehütetes Geheimnis, nun ist es offiziell: Nordkoreas Diktator Kim Jong-il hat diese Woche die Volksrepublik China bereist. Kurz nachdem der Sonderzug des „Geliebten Führers“ gestern wieder die nordkoreanische Grenze überquert hatte, berichtete Chinas Nachrichtenagentur Xinhua von der Visite. Über den Zweck von Kims Reise und den Inhalt seiner Treffen mit Chinas Führung herrscht jedoch weiterhin Rätselraten.

Obwohl südkoreanische Medien meldeten, Chinas Präsident Hu Jintao habe Kim zur Fortsetzung der Sechsparteiengespräche überredet, gab es vorerst keine Bestätigung, dass der Weg für neue Verhandlungen über Nordkoreas umstrittenes Atomprogramm frei sei. Laut Xinhua habe Kim sich zwar für die „Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel“ ausgesprochen und seine Bereitschaft erklärt, „mit China daran zu arbeiten, günstige Bedingungen für eine Wiederaufnahme der Sechsergespräche zu schaffen“, doch die Bekenntnisse gehen nicht über frühere Aussagen hinaus. Nordkorea hatte die Gespräche, an denen auch die USA, Südkorea, Japan und Russland teilnehmen, im April 2009 abgebrochen und kurz darauf zum zweiten Mal eine Atombombe getestet.

Kim war am Montag per Zug zu seiner ersten Auslandsreise seit vier Jahren aufgebrochen. Fernsehbilder zeigten den 68-Jährigen in kränklichem Zustand. Er soll im August 2008 einen Schlaganfall erlitten haben. Der als „inoffiziell“ deklarierte Besuch führte Kim über die Küstenstädte Dalian und Tianjin nach Peking. Die Chinesen bereiteten ihm einen Empfang, wie es sich für einen sozialistischen Bruderstaat gehört. Alle neun Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros trafen Kim und begleiteten ihn zu Besichtigungen.

Selbst Präsident Hu nahm sich Zeit zu einem gemeinsamen Besuch in einer Biotechfirma. Die ranghohe Begleitung könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass Peking Kim mit allen Mitteln zu Reformen bewegen will. China ist das einzige Land, das in Nordkorea über einen gewissen Einfluss verfügt. Bislang gibt es allerdings keine Zeichen, dass Kim einen Modernisierungskurs einschlagen könnte. „Nordkorea ist nicht mit China oder Vietnam zu vergleichen, sondern eher mit der Sowjetunion: Sobald man Änderungen am System vornimmt, bricht es zusammen“, meint der Politologe Andrei Lankov von der Kookmin-Universität in Seoul. „Ohne Reformen ist es vorstellbar, dass Nordkoreas Regime sich noch Jahrzehnte an der Macht hält.“

Unklar ist, wen Kim in seinem Tross alles dabeihatte. Japanische und südkoreanische Medien identifizierten auf den wenigen Aufnahmen zwar eine Reihe von hochrangigen Mitgliedern der Pjöngjanger Elite, Kims jüngster Sohn Kim Jong-un, der seit vergangenem Jahr als designierter Nachfolger des kranken „Geliebten Führers“ gilt, wurde aber nicht gesehen.

Bernhard Bartsch | 08. Mai 2010 um 14:31 Uhr

 

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