Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kims Coup

Machtdemonstration oder Vertrauensbildung – nach Bill Clintons Nordkoreareise versuchen Experten die politischen Signale der Geiselfreilassung zu deuten.

Es war der Tag der Bilder – in den USA ebenso wie in Nordkorea. Am Mittwochmorgen, pünktlich zu den amerikanischen Frühnachrichten, schlossen die US-Journalistinnen Laura Ling und Euna Lee auf dem Flughafen von Los Angeles vor laufenden Kameras ihre Familien wieder in die Arme – nach viereinhalb Monaten in nordkoreanischer Haft. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton hatte am Dienstag mit einem Überraschungsbesuch bei Pjöngjangs Diktator Kim Jong-il die Freilassung der US-Bürgerinnen erreicht, die bei Filmaufnahmen an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze verhaftet und zu zwölf Jahren „Umerziehung durch Arbeit“ verurteilt worden waren. „Wir dachten, wir könnten jeden Augenblick in ein schlimmes Arbeitslager geschickt werden, aber dann hieß es plötzlich, wir hätten einen Termin“, beschrieb Ling den Moment ihrer Rettung. „Dann gingen wir durch eine Tür und vor uns stand Bill Clinton.“ Ihr Befreier stand derweil neben ihr und gab sich alle Mühe, bescheiden zu wirken.

In Nordkorea zeigten die Staatsmedien derzeit die Bilder, die Clinton beim Treffen mit Kim Jong-il zeigten. Der Diktator erschien darauf in staatsmännischer Pose, während Clinton ernst blickte, was als respektvolles Zuhören gedeutet werden kann. „Clinton richtete eine ernsthafte Entschuldigung an Kim Jong-il“, berichtete die offizielle Nachrichtenagentur KCNA über das Treffen. Man habe die ganze Bandbreite der bilateralen Themen „erschöpfend diskutiert“ und Clinton habe „höflich eine mündliche Nachricht von US-Präsident Barack Obama an Kim Jong-il überbracht.“

Das Weiße Haus widersprach zwar Berichten, Clinton sei als Geheimverhandler unterwegs gewesen. Dennoch wird darüber spekuliert, ob der Ehemann von Außenministerin Hilary Clinton neben der Befreiung der Journalistinnen auch eine diplomatische Mission hatte. Die Beziehungen zwischen Washington und Pjöngjang sind äußerst gespannt, nachdem Nordkorea Ende Mai zum zweiten Mal eine Atombombe sowie mehrere Raketen getestet hatte.

Ob der ranghöchste Kontakt seit neun Jahren im amerikanisch-nordkoreanischen Verhältnis eine neue Ära einleiten kann, ist unter Nordkorea-Experten umstritten. „Der Besuch ist für mich ein eindeutiges Zeichen, dass Präsident Obama einen Neuanfang sucht”, sagte Paik Hak-soon vom Sejon-Institut in Seoul. „Der Politik der Konfrontation, wie George W. Bush sie betrieben hat, wird nun hoffentlich eine Politik des Dialogs, der Verhandlung und der ernsthaften Problemlösung folgen.” Der russische Nordkoreakenner Andrei Lankov von der Kookmin-Universität in Seoul, glaubt dagegen nicht an einen Gesinnungswandel der nordkoreanischen Regimes. „Ich würde nicht von einem Durchbruch sprechen“, erklärte er. „Nordkorea spielt doch nur sein altes Spiel: Erst provozieren, um die Provokationen dann für einen hohen Preis wieder einzustellen.“

Für Lankov ist Kim Jong-il der eindeutige Sieger des Geiseldramas. „Kim und seine Clique haben viel gewonnen, denn die nordkoreanischen Medien sagen jetzt: Schaut her, die blutrünstigen amerikanischen Kriegstreiber und Imperialisten haben vor unserem Führer Kotau gemacht“, so Lankov. Dies sei Teil einer neuen Propagandalinie: Da das Volk die alte Mär, Nordkorea sei das wohlhabendste Land der Erde, nicht mehr glaube, suche Kim nach neuen Wegen, sich den Respekt seiner Untertanen zu sichern. „Jetzt sagt die Regierung: Wir sind zwar arm, aber trotzdem so mächtig, dass ein amerikanischer Präsident zu uns betteln kommen muss.“ Zwar sei es durchaus möglich, dass Clinton versucht habe, Nordkoreas Verhandlungsbereitschaft zu testen. „Zur Aufgabe seiner Atomwaffen wird Kim aber nie bereit sein“, ist sich Lankov sich. „Realistisch wäre höchstens, dass Kim sich dazu bewegen lässt, keine neuen Sprengköpfe zu bauen und zu versichern, dass er seine Technologie nicht an andere Länder weitergibt.“

Paik sieht dagegen Chancen für eine echte Annäherung. „Die Führung in Pjöngjang weiß, dass sich ihr derzeitiger Kurs nicht endlos weiterführen lässt”, sagte der Südkoreaner. „Wenn das Regime im 21. Jahrhundert überleben will, muss es einen dauerhaften Frieden mit Südkorea und den anderen Nachbarn finden.” Die Chancen für den Machterhalt seien nicht schlecht, da kein Land in der Region ein ernsthaftes Interesse habe, Nordkoreas Herrscher zu stürzen. Südkorea fürchtet sich vor einer teuren Wiedervereinigung, während Chinesen und Russen Nordkorea als Pufferstaat zur militärischen Einflusszone der USA behalten möchten. „Ich glaube, dass Nordkoreas Aggressionen der letzten Zeit das Ziel hatten, die USA auf einen neuen Weg zu zwingen”, so Paik. „Sie sind zu einem Handel bereit und könnten sogar ihre Atomwaffen aufgeben, wenn sie dafür bekommen, was sie wollen: Sicherheitsgarantieren, Energieversorgung, Wirtschaftshilfe und internationale Anerkennung.”

Bernhard Bartsch | 05. August 2009 um 23:46 Uhr

 

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