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Kim versetzt Carter

Nordkoreas Diktator reist zum zweiten Mal in diesem Jahr nach China – ausgerechnet während einer Pjöngjang-Visite von Jimmy Carter.

Nordkoreas Diktator Kim Jong-il scheint zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten nach China gereist sein – ausgerechnet während eines Pjöngjang-Besuchs des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter. Südkoreas Regierung erklärte, Kim reise mit dem Zug und werde möglicherweise von seinem jüngsten Sohn und Wunschnachfolger Kim Jong-un begleitet. Medienberichten zufolge soll Kim Jong-il in der Grenzprovinz Jilin einen Friedhof für chinesische Gefallene des antijapanischen Kriegs sowie die ehemalige Schule seines Vaters und Vorgängers Kim Il-sung besucht haben. Die japanische Zeitung Tokyo Shimbun will erfahren haben, dass Kim in Jilin mit China Vizepräsident Xi Jinping zusammentreffen soll. Eine offizielle Bestätigung seitens der nordkoreanischen oder chinesischen Regierung gibt es bisher nicht. Schon bei Kims letzter Reise im Mai machten die beiden Länder die Visite erst bekannt, als Kim wieder in seine Heimat zurückgekehrt war.

Nordkoreaexperten glauben, dass Kim mit seiner überraschenden Reise bei Chinas Führung um Unterstützung für seinen Sohn werben will. Es wird erwartet dass Kim Jong-un Anfang September bei einem Sonderparteitag der Arbeiterpartei offiziell als Nachfolger seines gesundheitlich schwer angeschlagenen Vaters installiert werden soll. Schon im Juni hatte der Kim-Clan dafür bei einer Sondersitzung des Parlaments Vertraute in Schlüsselpositionen manövriert. Über den jungen Kim ist wenig bekannt. Sein Alter wird auf knapp 30 geschätzt und er soll einen Teil seiner Ausbildung auf einer internationalen Schule in der Schweiz erhalten haben.

Als weitere mögliche Anlässe für die Reise wurden allerdings auch die jüngsten Überschwemmungen in Nordkorea genannt, die Kim zwingen könnten, in China um humanitäre Hilfe für sein verarmtes und abgeschottetes Land zu bitten. China ist Nordkoreas wichtigster politischer und wirtschaftlicher Partner. Denkbar ist auch, dass Kim in China medizinische Behandlung sucht. Der 68-Jährige soll im August 2008 einen Schlaganfall erlitten haben.

Mit seinem Überraschungstrip scheint Kim auch die Reisepläne des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter durcheinander gebracht zu haben. Der Friedensnobelpreisträger traf am Mittwoch in Pjöngjang ein, um die Begnadigung des US-Bürger Aijalon Gomes erwirken, der im Januar illegal die Grenze nach Nordkorea überschritten hatte und dafür zu acht Monaten Arbeitslager sowie einer Geldstrafe von 580.000 Euro verurteilt worden war. Zwar dürften Pjöngjangs Diplomaten Carter schon vor seiner Reise zugesichert haben, dass er Gomes in seiner Sondermaschine mit in die USA nehmen dürfe, doch bis zum Donnerstagabend war von einer Freilassung noch nichts zu sehen. Einem Bericht des südkoreanischen Fernsehsenders YTN zufolge habe Carter ursprünglich am Donnerstag abreisen wollen, habe seinen Aufenthalt jedoch um einen Tag verlängert. Mit Kim ist er offenbar nicht zusammengetroffen.

Bernhard Bartsch | 26. August 2010 um 13:14 Uhr

 

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