Bernhard Bartsch

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Kim Jong-uns Chance

Nordkoreas Atom-Moratorium lässt die Weltgemeinschaft dezent hoffen.

Nordkoreas neuer Herrscher Kim Jong Un ist für die internationale Diplomatie ein unbeschriebenes Blatt. Als er Ende Dezember die wenigen westlichen Botschafter in Pjöngjang am Sarg seines Vaters empfing, ließ er sich nicht mehr als ein paar koreanische Dankesfloskeln entlocken. Eine Bestätigung für das Gerücht, der etwa 30-Jährige habe in der Schweiz eine internationale Schule besucht und spreche Englisch und Deutsch, suchten die Diplomaten vergeblich. Auch seine Stellung im heimatlichen Machtgefüge ist völlig unklar.

Trotzdem bekommt die neue Führung des isolierten und verarmten Landes nun die Chance, zu beweisen, dass sie womöglich friedfertiger agieren will als der verstorbene Kim Jong Il, der Nordkorea atomar aufrüstete und die Weltmächte mit seinen Bomben ein ums andere Mal zu erpressen versuchte. Ende vergangener Woche einigten sich Kim Jong Uns Abgesandte in Peking bei Gesprächen mit US-Regierungsvertretern auf ein Nuklearmoratorium. Im Gegenzug für 240 000 Tonnen Lebensmittel will Pjöngjang alle Arbeit in seinen Atomanlagen einstellen und auch keine weiteren Raketentests unternehmen. Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde sollen die Einhaltung der Übereinkunft überprüfen können.

Die Ankündigung wurde weltweit mit vorsichtigem Optimismus begrüßt, in den sich die Sorge mischte, Kim Jong Un könne sich in ähnlicher Weise als Bluffer erweisen wie sein Vater. „Wir werden natürlich sehr aufmerksam verfolgen, was die neuen koreanischen Führer tun“, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von „einigen Anfangsmaßnahmen“. Das Ziel müsse eine nachweisliche atomare Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel sein, sagte der frühere südkoreanische Außenminister. Japans Außenminister Koichiro Gemba forderte, Nordkorea müsse seinen Ankündigungen nun „konkrete Taten“ folgen lassen. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sieht „erste Anzeichen einer hoffnungsvollen Bewegung“.

Aus Chinas Außenministerium kam Lob für den Beitrag zur „Erhaltung des Friedens und der Stabilität auf der koreanischen Halbinsel“. Peking hofft, dass nun auch die 2009 abgebrochenen Sechs-Parteien-Gespräche mit dem Ziel eines endgültigen Stopps des nordkoreanischen Nuklearprogramms wieder aufgenommen werden. Dass der aktuelle Verhandlungserfolg über ein Moratorium bei nur bilateralen Gesprächen zwischen Pjöngjang und Washington erzielt wurde, dürfte in Peking nur mit gemischter Freude aufgenommen worden sein.

Einen Grund für Nordkoreas Verhandlungsbereitschaft sehen Diplomaten darin, dass das Regime versprochen hat, zum 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung im April werde ein „prosperierendes Zeitalter“ anbrechen. Dann sollen möglichst ansehnliche Zusatzrationen verteilt werden. Die Weltgemeinschaft wäre wohl bereit, Nordkorea auch langfristig über seine Versorgungsengpässe hinwegzu- helfen. Doch dafür müsste das Land sein Atomprogramm endgültig aufgeben. Sollte Kim Jong Un die Hoffnungen enttäuschen, dürfte er so schnell keine zweite Chance bekommen.

Bernhard Bartsch | 01. März 2012 um 06:58 Uhr

 

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