Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Kim Jong Il hatte es eilig“

Der Nordkorea-Experte Andrei Lankov erklärt, warum Pjöngjangs zweiter Atomtest unausweichlich war, welche Strategie Kim Jong Il verfolgt und wie die Weltgemeinschaft auf seine Provokation reagieren kann.

Andrei LankovFrage: Herr Professor Lankov, Nordkorea hat innerhalb weniger Stunden eine Atombombe und eine Kurzstreckenrakete getestet. Sind sie überrascht?

Lankov: Überhaupt nicht. Ein zweiter Nukleartest war absehbar. Was mich allerdings etwas wundert, ist der Zeitpunkt. Ich hatte erst Ende des Jahres damit gerechnet. Aber Kim Jong Il hatte es offensichtlich eilig, und dass er gleich eine Rakete hinterher geschossen hat, zeigt, dass er einen maximalen Effekt erzielen wollte.

Frage: Bei wem?

Lankov: In erster Linie bei den USA. Kim will die neue Regierung davor warnen, ihn unter Druck zu setzen. Seine Botschaft lautet: Ich bin hier, und ich bin gefährlich.

Frage: Der Test ist also ein rein politisches Manöver?

Lankov: Es gibt auch einen technischen Grund für den Test: Nordkoreas erste Nuklearexplosion im Oktober 2006 war kein voller Erfolg. Man konnte damals feststellen, dass die Sprengkraft nicht so groß war, wie sie hätte sein müssen, womöglich weil die Zündung nicht richtig funktionierte. Deshalb brauchten Nordkoreas Wissenschaftler noch einen zweiten Test, um sicherzustellen, dass die Bombe tatsächlich einsatzfähig ist. Ob das gelungen ist, wissen wir allerdings noch nicht.

Frage: Wie reagieren die Menschen in Südkorea? Haben sie Angst, dass Nordkorea seine seit Monaten schwelenden Angriffsdrohungen wahr machen könnte?

Lankov: Ach was, Nordkoreas Atomwaffen interessieren die Südkoreaner viel weniger, als man sich das im Ausland vorstellt. Sie wissen, dass das alles Teil eines politischen Spiels ist.

Frage: Was will Kim denn erreichen?

Lankov: Kim will Geld, und er will seine Ruhe. Und er weiß genau, was er tut. Wenn es läuft wie immer, dann werden die Nordkoreaner bald für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag – zahlbar in Öl, Hilfslieferungen oder Bargeld – wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren. Dann redet man ein paar Runden, bis Nordkorea mit harten Forderungen konfrontiert wird und die Gespräche abbricht.

Frage: Aber Nordkorea hat doch schon mehrmals dem Abbau seines Nuklearprogramms zugestimmt.

Lankov: Das ist reine Taktik. Eine Denuklearisierung läuft Pjöngjangs Interessen völlig entgegen. Wir müssen uns absolut im Klaren darüber sein, dass Nordkorea seine Atombomben niemals aufgeben wird. Niemals, niemals, niemals.

Frage: Für die Weltgemeinschaft eine sehr ernüchternde Erkenntnis. Wie wird sie reagieren?

Lankov: Der Uno-Sicherheitsrat wird sicherlich wieder eine seiner zahnlosen Resolutionen verabschieden und Kim mitteilen, dass man sehr unzufrieden ist, noch viel unzufriedener als beim letzten Mal. Mehr kann die Uno nicht tun. Sanktionen bringen in diesem Fall nichts, ganz zu schweigen davon, dass China und Russland Zwangsmaßnahmen ohnehin nie zulassen würden.

Frage: China agiert seit Jahren als Nordkoreas Schutzmacht. Warum gibt Peking dem Regime so beharrlich politische und wirtschaftliche Rückendeckung?

Lankov: Weil den Chinesen gar nichts anderes übrig bleibt. Einen Kollaps Nordkoreas wollen sie schließlich um jeden Preis vermeiden, weil ihnen dann ein Konflikt mit Südkorea und den USA drohen würde. Pjöngjangs Atomwaffen sind da immer noch as kleinere Übel.

Frage: Kim wird mit seiner Erpressung also Erfolg haben?

Lankov: Das hängt in erster Linie von der Reaktion der USA ab. Wenn Washington auf seine Forderungen eingeht, hat Kim gewonnen. Nach dem ersten Atomtest 2006 hat das funktioniert. Damals gab es in der amerikanischen Öffentlichkeit einen plötzlichen Meinungsumschwung und die Menschen haben eine weichere Haltung gegenüber Nordkorea befürwortet. Die Amerikaner haben schließlich noch ganz andere Probleme.

Frage: Gibt es denn keine klügere Strategie, eine die nicht darauf hinausläuft, dass die Weltöffentlichkeit Kims Diktatur unfreiwillig unterstützt?

Lankov: Das ist schwer zu sagen. Natürlich könnten die USA versuchen, Nordkoreas Provokation einfach zu ignorieren. Dann müsste Kim nachlegen, und da sind seine Möglichkeiten beschränkt. Er kann ja nicht eine Atombombe nach der anderen zünden, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen. Jeder Test verbraucht schließlich sechs Kilogramm Plutonium, und Nordkorea hat maximal 50 Kilogramm. Trotzdem hat Kim immer noch ein Ass im Ärmel: Er könnte seine Atomwaffen an irgendein amerikafeindliches Land im Nahen Osten weiterzugeben – und dann dafür zu sorgen, dass die ganze Weltpresse davon erfährt.

Andrei Lankov, 45, lehrt koreanische Geschichte an der Kookmin-Universität in Seoul und verfasste mehrere Bücher über das nordkoreanische Regime. Der Russe studierte Mitte der Achtziger an der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang und ist damit einer von nur wenigen Ausländer, die das isolierte Land mehrere Jahre von innen erlebt haben.

Bernhard Bartsch | 25. Mai 2009 um 16:04 Uhr

 

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